Im Turiner Grabtuch begegnen wir dem Antlitz Gottes

Pater Rafael Pascual und Pater Nicola Tovagliari erklären Inhalte und Bedeutung der Konferenz an der Päpstlichen Universität Regina Apostolorum

Rom, (ZENIT.org) | 1056 klicks

In Hinblick auf die Konferenz zum Thema „Das Grabtuch und die Neuevangelisierung“, die am 1. und 2. März an der Päpstlichen Universität Regina Apostolorum stattfinden wird und an der die führenden Experten dieses Forschungsbereichs teilnehmen werden – Wissenschaftler, Bibelforscher, aber auch Schriftsteller und Schauspieler –, hat ZENIT zwei der Organisatoren dieser Veranstaltung interviewt: Pater Rafael Pascual LC, Direktor des Instituts für Wissenschaft und Glauben, und Pater Nicola Tovagliari LC, Studentenpfarrer an der Europäischen Universität Rom.

ZENIT: Wie ist die Idee entstanden, in diesem Jahr des Glaubens eine Konferenz über das Turiner Grabtuch zu organisieren?

P. Pascual: Wir arbeiten schon seit mehreren Jahren an diesem Thema. Gerade unser Institut für Wissenschaft und Glauben betrachtet das Grabtuch als ein gutes Beispiel für die Beziehung zwischen diesen beiden Dimensionen des menschlichen Geistes. Aus dieser Betrachtung sind mehrere Initiativen hervorgegangen; wir haben auch schon die Möglichkeit angeboten, ein Diplom in Sindonologie zu erwerben. Als der Papst dann das Jahr des Glaubens ausrief, haben wir uns gedacht, dass eine Veranstaltung über das Turiner Grabtuch sich schon fast zwingend ergibt, denn wir sind der Meinung, dass das Grabtuch ein besonderes Mittel darstellt, um den Menschen unserer Zeit den Glauben näher zu bringen: Es ist ein Abbild – und wir Menschen sind ebenfalls Abbilder –, und zugleich eine Botschaft, die wir weitervermitteln müssen. Uns überrascht auch das Wirken der Vorsehung, die gewollt hat, dass diese Konferenz zu einem ganz besonderen Zeitpunkt der Kirchengeschichte stattfindet. Es hätte ja niemand vorausahnen können, dass die Eröffnung der Konferenz mit dem ersten Tag nach Ende des Pontifikats von Benedikt XVI. zusammenfallen würde.

ZENIT: Welche Bedeutung hat das Turiner Grabtuch für unsere Bereitschaft zu akzeptieren, dass Gott mit unserer materiellen Welt eine Beziehung eingeht?

P. Pascual: Man hört oft von dem Bedürfnis, das Antlitz, die Gesichtszüge Gottes zu sehen. Jede echte Begegnung mit einem anderen beinhaltet auch, dass man sich in die Augen schauen kann; diesen Wunsch bezieht der Mensch auch auf seine Beziehung zu Gott. In den Psalmen wird dieser Wunsch mehrmals formuliert: „Zeig mir dein Angesicht“, „Ich möchte dein Antlitz sehen“, „Verbirg mir nicht dein Antlitz“. Gott ist diesem menschlichen Bedürfnis entgegengekommen, auch mittels des Turiner Grabtuchs: Wer hätte jemals gedacht, dass es vor zweitausend Jahren möglich gewesen wäre, uns ein Abbild eines Gesichtes zu geben, das so naturecht wie ein Foto ist? Es stimmt zwar, dass auch die Kunst das Ziel verfolgt, das Gesicht Jesu darzustellen; aber es ist einfach nicht dasselbe, ob man es mit einer künstlerischen Darstellung oder mit dem Grabtuch von Turin zu tun hat: Das Grabtuch erlaubt uns einen Blick auf die echten Gesichtszüge Jesu und auch, was sehr bedeutsam ist, auf das Bild, das er uns von sich geben wollte, nämlich das Bild seines Leidens, denn darin besteht der Gipfel seines Sich-Schenkens, seiner Liebe. In seinem Leiden offenbart er den Sinn seiner Worte: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13).

ZENIT: Wenn man an die Neuevangelisierung denkt, fragt man sich oft: „Was kann ich tun?“ und überlegt, für welche Projekte man sich einsetzen sollte. Oft sucht man eine Antwort im Aktivismus. Das Grabtuch hingegen ist ein unbewegliches Bild. Kann ein solches Bild neue Christen anziehen?

P. Pascual: Ich denke schon; aber dieses Bild muss gezeigt werden, auch mittels Ausstellungen, Kongressen und Vorträgen, die es bekannt machen. Jeder Mensch, der zu einer solchen Veranstaltung geht, wird persönlich von dem heiligen Leinen angesprochen und wird versuchen, seine Bedeutung zu erkennen. Wir haben viele Menschen auf solchen Ausstellungen begleitet und dabei beobachtet, dass das Grabtuch die Betrachter berührt. Ich erinnere mich noch, dass einmal auf einer Ausstellung in Jerusalem ein junger Mann zu mir sagte: „Ich bin ins Heilige Land gekommen, um Jesus zu begegnen… In dieser Ausstellung habe ich ihn gesehen.“

ZENIT: Kann das Grabtuch das Kerygma verstärken? Kann man in einem gewissen Sinne sagen, dass das Grabtuch eine Verkündigung ist?

P. Tovagliari: Das Kerygma, also die Verkündigung Christi gestern, heute und allezeit, ist bereits vollständig und erhält seine Verstärkung durch den Heiligen Geist; aber es konkretisiert sich im Leben jedes einzelnen Menschen auf eine andere, persönliche Weise. Was ist in Wahrheit das Turiner Grabtuch? Es ist kein Glaubensgegenstand, aber es kann ein Mittel, ein Weg werden, Herz und Verstand eines Menschen für den Glauben zu öffnen. In diesem Sinn wird es zu einem Werkzeug der Neuevangelisierung. Das Evangelium bleibt immer dasselbe, aber die Wege, es zu verkünden, können vielseitig sein, und es können auch neue hinzukommen.

ZENIT: Wie kann ein stummes Zeichen, paradoxerweise, zu den Herzen sprechen?

P. Tovagliari: Dieser scheinbare Widerspruch findet sich schon in den Evangelien: Christus predigt, doch dann zieht er sich zurück, um in der Stille zu beten, und sein Beispiel macht die Apostel betroffen, so dass sie ihn bitten: „Lehre uns zu beten.“ Das Grabtuch ist ein Zeuge, der ohne zu sprechen den Gipfel der Selbsthingabe Christi offenbart: seine Passion, seinen Tod und seine Auferstehung. Deshalb spricht jenes stumme, aber vom Licht der Liebe erfüllte Bild die Menschen an und drängt sie, sich zu fragen: „Wer bist du für mich? Was kann ich für Ddich tun?“.

ZENIT: Kunstwerke sprechen uns an; aber wie kann ein Bild wie das des Turiner Grabtuchs, auf dem Leid und Schmerz zu sehen sind, vor denen wir normalerweise zurückschrecken, Schönheit vermitteln?

P. Tovagliari: Bilder sprechen. Genau aus diesem Grund hat die Kirche im Laufe ihrer Geschichte gelernt, Kathedralen zu bauen, die das Evangelium mittels Bildern erzählen. Aber diese Bilder müssen von einer Katechese begleitet werden, das heißt, sie müssen korrekt erklärt werden. Das Grabtuch zeigt einen blutüberströmten menschlichen Körper, und genau das ist es, was unseren Glauben neu wecken kann. Wir haben uns daran gewöhnt, das Kreuz auf unseren Schreibtischen und an unseren Hauswänden zu sehen; wir nehmen es kaum noch wahr. Das Grabtuch zeigt uns genau dasselbe Bild, aber auf eine Weise, die uns erschüttert: blutig, aber zugleich auch menschlich und sogar göttlich. Dieses Bild des Leidens weitet sich zu einem Bild der Liebe, der Transzendenz und der Auferstehung.