Impuls zu Allerheiligen und Allerseelen

Das Leben nach dem Tod: Was die Kirche und die Wissenschaft dazu sagen

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 26. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Seit den Anfängen fragen sich die Menschen: Was wird nach diesem Leben sein? Ist dann alles aus? Oder gibt es ein Leben nach dem Tode? Wenn ja, wird es schön oder unangenehm sein?

In den religiösen Auffassungen der Völker zu diesem Thema sehen wir einen ganz klaren Umbruch durch das Kommen Christi. Bis zur Menschwerdung Gottes hatten alle Menschen, selbst die Gläubigen des auserwählten Volkes der Juden, eine eher düstere Vorstellung von dem, was nach dem Tode kommt. Die unsterbliche Seele (an die Unsterblichkeit der Seele glauben immerhin fast alle Religionen) muss in die Unterwelt hinab. Die Griechen nannten es den Hades, die Juden sprachen vom Scheol, was ungefähr auf das gleiche hinaus lief. Das Elysium als Ort der Wonnen war in der antiken Mythologie den Göttern vorbehalten. Seltsamerweise wird aber das Schicksal des Menschen nach dem Tod relativ wenig thematisiert, wahrscheinlich weil man nicht viel erwarten konnte. Das Volk, das sich am meisten mit der Möglichkeit des ewigen Lebens beschäftigte, war das ägyptische. Pyramiden und äußerst raffinierte Einbalsamierungskünste geben Zeugnis davon. Aber das glückselige Leben nach dem Tod war nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten.

Jesus dagegen weist ständig auf das ewige Leben hin, das jedem Menschen zugänglich ist. Die vielen Reden und Bilder vom Reich Gottes sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings wird dieser vergleichsweise leichte Zugang zur unvergänglichen Herrlichkeit erst nach dem Tode Jesu geöffnet. Er selbst gebraucht im Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus nur das Bild vom Schoße Abrahams, in dem der leidende Bettler ausruhen darf. Es ist ein Bild für eine vielleicht nur natürliche Seligkeit, ähnlich wie der Limbus, von dem man früher sprach. Aber der Himmel war das noch nicht.

Wenn heutzutage bei den Menschen, auch bei den weniger gläubigen, das Wort vom Himmel eine Selbstverständlichkeit ist – selbst wenn es nur dazu dient zu unterstreichen, dass man keinen Wert darauf legt –, so sind wir uns leider selten dessen bewusst, dass wir das allemal Jesus Christus verdanken, der buchstäblich durch sein Leiden und seine Auferstehung den Himmel “geöffnet” hat.

Die Kirche lehrt seit ihren Anfängen, dass beim Tode des Menschen die unsterbliche Seele vom Leib trennt. Dieser stirbt und zerfällt. Die Seele wird zu Gott geführt, der ihr, je nachdem wie sie gelebt hat, ihren Platz in der Ewigkeit zuweist.

In dem Maße wie jedoch die Menschen die Lehre der Kirche nicht mehr ernst nehmen, wird diese Wahrheit verunklart. Es melden sich die Weltanschauungen zurück, die dem Menschen das ewige Glück wieder ausreden wollen. Hier sei als Beispiel nur die unendlich trostlose Philosophie des Existenzialismus der Nachkriegszeit erwähnt, die die von Gott gegebene Würde des Menschen als Kind Gottes auf die Vorstellung eines unerkennbaren Geworfenseins in eine sinnlose Existenz reduzierte. Gott sei Dank ist diese Weltsicht wieder verschwunden.

Aber immer weniger Menschen wollen die Kirche hören. Das ist nach meinem Dafürhalten der Hintergrund für ein Phänomen, das wir seit einigen Jahrzehnten beobachten, die sich häufenden sog. Nahtoderlebnisse. Menschen, die klinisch tot waren, dann aber dank der Apparatemedizin wieder ins Leben „zurückgeholt“ wurden, berichten übereinstimmend, dass sie

1)  sich aus dem Körper herausgenommen empfanden, trotzdem aber konkrete      Sinneswahrnehmung hatten, und dass sie

2)  Gestalten menschlichen Aussehens wahrnahmen, die sie zu einer Liebe ausstrahlenden Lichtgestalt hinführten, die die Christen unter ihnen als Christus identifizierten. Dieser habe ihnen ihr irdisches Leben vor Augen geführt und sie gefragt: „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“

Das alles – etwas abgekürzt hier dargestellt – ist nichts anderes als die Lehre der Kirche vom persönlichen Gericht, das jeder Mensch nach seinem Ableben erfährt. Kritiker haben gelegentlich angemerkt, dass diese „Erlebnisse“ nach dem Tod gar zu schön und angenehm seien. Das jedoch trifft nur bei positiv eingestellten Personen zu. Menschen, die im Leben schwer gesündigt hatten, haben statt freundlicher Lichtgestallten schreckliche Wesen wahrgenommen.

Alles nur subjektive Erlebnisse eines stark erregten Gehirns?

Erst vor kurzem berichtete ein bekannter amerikanischer Neurochirurg, Eben Alexander, davon, dass er bisher selber diese Nahtoderlebnisse als vom Gehirn, speziell von der Kortex hervorgebrachte Bewusstseinsphänomene angesehen habe, dass er selber aber nun eine solche „Begegnung“ erlebt habe, die seine Theorie „zerstört“ habe, und dass er den Rest seines Lebens damit verbringen wolle, die wahre Natur des Bewusstseins zu erforschen. Sein Bericht ist auf der website „The Daily Beast“ veröffentlicht, die dem Magazin Newsweek angeschlossen ist.

Es ist, als wolle der unendlich liebevolle himmlische Vater uns, ohne jeden Vorwurf, zurufen: „Ihr hört nicht mehr auf die Stimme der Kirche, die Ergebnisse der Wissenschaft aber nehmt ihr ernst. Dann sei euch auf diesem Weg zusätzlich Kenntnis vom ewigen Leben des Menschen gegeben, damit ihr nicht in Unkenntnis bleibt.“ Je weiter sich die Menschen von Gott entfernen, desto mehr Liebe wendet er auf, um uns doch noch zu erreichen, wo er sich eigentlich erzürnt zurückziehen könnte.

Christus lädt alle Menschen zur Heiligkeit ein. Wie man dahin kommt, hat er deutlich gesagt. Und dazu bedarf es nicht mehr der Stimme der Wissenschaft. Ein bisschen glauben müssen wir schon. In diesem Glauben unterstützen uns die vielen bekannten und noch mehr die unbekannten Heiligen, deren Gesamtfest wir heute feiern. Der darauf folgende Tag, Allerseelen erinnert uns an die tröstliche Lehre vom Läuterungsort („Fegefeuer“ ist die schiefe Übersetzung von „Purgatorium“), wo wir für die vielen Menschen beten sollen, die auf dem Weg zur Heiligkeit in der anderen Welt noch unterwegs sind, mit Schwierigkeiten und Schmerzen, die wir durch unser Gebet ihnen erleichtern können.

Wie schön ist die Perspektive, die sich auf den Glauben und auf das Wissen um die Liebe des Gottmenschen stützen kann!

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.