Impuls zu Karfreitag 2012

Der lange Karfreitag der Kirche

| 1749 klicks

Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 5. April 2012 (ZENIT.org). - Die Ereignisse in Jerusalem überschlagen sich. Eben erst hat Jesus das welterlösende Geheimnis der Eucharistie geschaffen, da wird er von seinen Feinden gefangen genommen, nachdem er eine Weile im Garten Gethsemani gebetet hat. Die Jünger erleben ein wahres Wechselbad der Gefühle. Der geliebte Meister hat ihnen eben noch beim Mahl die Füße gewaschen, aber sie haben das nicht verstanden. Er, der Herr, gürtet sich, kommt mit einer Schüssel voll Wasser, kniet sich vor diesen einfachen Männern nieder und wäscht ihnen die Füße. Natürlich ist ein solches Erlebnis für die Jünger außerordentlich einprägsam und bleibt eher haften als ein Wort („Wer bei euch der Größte sein will, muss der Diener aller sein“, so hatte er gesagt, Mk 10,44). – Dann die Einsetzung der Eucharistie, noch begreifen sie nicht ganz, wie groß die Liebe Gottes wohl sein muss, dass sie so etwas erfindet.

Kurz darauf aber geschieht das, was sie dunkel geahnt haben. Die Andeutungen, die der Herr bezüglich seines bevorstehenden Leidens gemacht hatte, hatten sie kaum verstanden und vielleicht verdrängt. Aber dann wird er tatsächlich nach seinem notvollen Gebet im Garten Gethsemani verhaftet und unsagbaren Verhören und Torturen ausgesetzt. Die Jünger verlieren den Kopf und fliehen, bis auf Johannes und Petrus. Und letzterer wird sogar dreimal behaupten, Jesus nicht zu kennen. Es ist buchstäblich die Stunde der Finsternis. „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen“ (Sacharja 13,7).

Zu allen Zeiten haben die Christen beobachtet, wie sich das Wort bewahrheitet, dass die Kirche der fortlebende Christus ist. Genau wie er ist sie ein Zeichen, dem widersprochen wird. Genau wie er wird sie angegriffen, verleumdet und verfolgt – mal mehr, mal weniger. So wie Christus leidet, leidet auch die Kirche. In unseren Tagen erleben wir dieses Leiden der Kirche in oft bestürzender Weise. Viele Christen sind irritiert, weil die Angriffe auf die Kirche nicht nur von außen, sondern auch von innen kommen. Von Laien wie auch von Klerikern. Kurz vor seiner Wahl hat Papst Benedikt in einer bewegenden Betrachtung zum Kreuzweg am Karfreitag des Jahres 2005 diese erschütternde Klage angestimmt: „Was kann uns der dritte Fall Jesu unter dem Kreuz sagen? Wir haben an den Sturz des Menschen insgesamt gedacht, an den Abfall so vieler von Christus in einen gottlosen Säkularismus hinein. Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss?

Wie oft wird das heilige Sakrament seiner Gegenwart missbraucht, in welche Leere   und Bosheit des Herzens tritt er da oft hinein?

Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr?

Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht?

Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es?

Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?

Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?

Wie wenig achten wir das Sakrament der Versöhnung, in dem er uns erwartet, um uns von unserem Fall aufzurichten?

All das ist in seiner Passion gegenwärtig. Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft. Wir können nur aus tiefster Seele zu ihm rufen: Kyrie, eleison - Herr, rette uns (vgl. Mt 8, 25)“ (Josef Kardinal Ratzinger, Karfreitagsmeditation 2005, Rom)

Wenn wir nach den Ursachen dieser Missstände fragen, ist die Antwort zunächst natürlich das „mysterium iniquitatis“, das Geheimnis der Bosheit, das ja immer am Werk ist. Aber was können wir tun? Denn wir können und müssen etwas tun. Mutter Teresa wurde einmal gefragt was sich am dringendsten in der Kirche ändern müsste. Sie antwortete: „Sie und ich!“ Gerade darin liegt wohl eines der Hauptübel: dass es seit Jahrzehnten in der Kirche Menschen gibt, die nicht sich, sondern die Kirche ändern wollen. Nicht erst seit dem Konzil werden Reformen gefordert. Aber oft sind nicht wirkliche Reformen gemeint (Die Kirche ist ja in der Tat „Ecclesia semper reformanda“, eine immer wieder zu erneuernde Kirche), sondern man will Veränderungen. Man will eine andere Kirche. Darüber ist vieles gesagt und geschrieben worden, auch dass die Bischöfe hier gefordert sind. Aber wo soll man anfangen? – Woran liegt es, dass Schulkinder ihren Glauben gar nicht oder nur stark verändert kennen lernen, dass die Sexualmoral der Kirche de facto außer Kraft gesetzt wird, dass in der Kirche nicht gehorcht wird und mittelmäßige Intellektuelle meinen, über den Papst die Nase rümpfen zu können. Dass die Beichte in vielen Gemeinden abgeschafft ist, dass mit dem Sakrament der Eucharistie oft ruppig und manchmal entehrend umgegangen wird, und dass manche Messen zur Selbstdarstellung des Priesters verkommen?

Das alles sind ja keine Nebensächlichkeiten. Noch einmal die Frage, wie kam es konkret dazu? Da ist natürlich zuerst der Mangel an Gottes- und Nächstenliebe bei vielen Christen. Der Schlendrian (wie viele Nichtchristen beschämen uns durch ihre anständige Lebensführung!), sowie alle weiteren Neigungen zum Bösen, die wir Menschen als Folgen der Erbsünde mit uns herumtragen. – Gleichzeitig kann man aber als das Übel, das fast allem zugrunde liegt, eine schiefe und manchmal offensichtlich falsche Theologie festmachen, die seit Jahrzehnten an den theologischen Hochschulen und Seminarien verkündet wird. Fast alle von der Kirche längst widerlegten Häresien der alten Zeit haben fröhliche Urständ gefeiert. Allen voran der

- Adoptionismus (Jesus ist nicht Gott, sondern nur Mensch – diese Vorstellung ist bei Jugendlichen Gemeingut), ferner die

- Gnosis (ich komme mit meinen eigenen Kräften zu Gott, und persönliche Sünde entfällt, es gibt nur die „Sünde der Welt“),

- kein Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher Welt (die Sakramente werden ihrer absoluten Kraft entkleidet),

- ein verballhornter Evolutionismus (die Welt ist von selbst entstanden, und der Mensch stammt vom Affen ab – das gibt der Ehrfurcht vor Gott den Garaus)

- die Moral entwickelt sich zu einer bloßen Situationsethik (Papst Benedikt widerspricht der „Diktatur des Relativismus“) usw. usw. Das alles ist nicht von irgendwelchen verruchten Menschen ausgedacht worden, sondern von gebildeten Damen und Herren an den Lehrstühlen. Oft persönlich durchaus integre Personen, aber so waren auch die Häretiker der ersten Jahrhunderte. Dennoch sind sie wahre Schreibtischtäter, die selbst nichts oder wenig Verkehrtes tun, aber die für viele, die schwächer und unkritischer sind als sie, die geistigen Grundlagen für das Abbruchunternehmen Kirche liefern.

Das alles ist schon oft gesagt, aber auch immer wieder kontrakarriert worden. Man denke nur daran, wie die Enzyklika „Veritatis splendor“ des sel. Johannes Paul II. von deutschen Theologieprofessoren unterlaufen wurde (ähnlich wie zuvor die „Humanae vitae“ von Paul VI.)

Offensichtlich beten wir zu wenig, denn nur Gott kann hier Abhilfe schaffen. „Ändern wir uns“, d.h. bekehren wir uns! Beten wir mit Benedikt XVI., damals noch Kardinal Ratzinger:

GEBET

„Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. Und auf deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Wir selber verraten dich immer wieder nach allen großen Worten und Gebärden. Erbarme dich deiner Kirche: Auch mitten in ihr fällt Adam immer wieder. Wir ziehen dich mit unserem Fall zu Boden, und Satan lacht, weil er hofft, dass du von diesem Fall nicht wieder aufstehen kannst, dass du in den Fall deiner Kirche hineingezogen selber als Besiegter am Boden bleibst. Und doch wirst du aufstehen. Du bist aufgestanden – auferstanden und du kannst auch uns wieder aufrichten. Heile und heilige deine Kirche. Heile und heilige uns“. (Ebenda)

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.