Impuls zum 1. Adventssonntag 2012

Im Advent wesentlich werden

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 30. November 2012 (ZENIT.org). – Wird es sein wie in jedem Jahr? Wir haben uns vorgenommen, diesmal die Adventszeit ganz ohne die übliche Hektik zu verbringen. Wir kaufen die Weihnachtsgeschenke beizeiten ein und bemühen uns, die geschäftlichen Termine möglichst von der Nähe zu Weihnachten wegzulegen.

Anscheinend ist das wider Erwarten sogar möglich. Ein Universitätsprofessor sagte mir kürzlich, dass er im Dezember erstaunlich wenige Termine habe. Das liege aber eben daran, dass man sich gemeinsam bemüht hat, möglichst vieles in den November vorzuverlegen.

Wenn also im äußeren Betrieb solche Vorsätze sich verwirklichen lassen, warum sollen sie im Hinblick auf unser inneres Leben nicht gelingen? Denn es gibt keinen wirklichen Grund, das Stillwerden vor dem Fest der Menschwerdung Gottes zu unterlassen. Es muss nicht sein, dass wir erst am Heiligen Abend uns klarmachen: der Allmächtige Gott wird ein Mensch. Was da sein wird, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, ist ja wirklich eine „Stille, heilige Nacht”. Haben wir die Nächte davor mit Parties und Nichtigkeiten verbracht, ist es nicht so einfach, den Verstand und das Gemüt auf diese Stille einzustellen. Oder etwas seriöser: Haben wir die Tage (und Nächte vor dem Hl. Abend) mit dem gefürchteten Jahresabschluss verbracht, mit Inventur und Kontenabgleich? Gewiss sind wir da oft Gefangene unserer blühenden Wirtschaft. Das muss eben sein, und ganz schnell sind wir der Meinung, das ist ja das eigentlich Wichtige. Weihnachten, na ja das ist eh nur etwas fürs Herz.

„Mensch, werde wesentlich!”, sagt uns Angelus Silesius (Der Cherubinische Wandersmann). Wenn das wirklich unser Bestreben  ist, dann stellen wir auch mitten im Adventsstress fest: das Wesentliche an meinem Leben ist nicht, am Heiligen Abend eine wohlige Stimmung zu genießen, vielmehr muss mein Verstand sich damit auseinander setzen, ob der 25. Dezember nur der Geburtstag eines Religionsstifters ist, oder ob es mich persönlich betrifft. Das Letztere ist auch der Wille Gottes, der ja deshalb Mensch geworden ist, weil er mich aus der Verfallenheit an das Vergängliche befreien will. Es liegt buchstäblich nur an mir selbst.

Vielleicht ist ein Fehler, der sehr häufig gemacht wird, dass wir für die Begegnung mit Christus nicht annähernd soviel an Anstrengung und Zeitwaufwand zu leisten bereit sind wie wir für Dinge der Familie und des Berufs investieren. Moment mal, könnten wir sagen, wir sollen doch die Familie hoch schätzen und die berufliche Arbeit heiligen. Ganz gewiss. Aber an zweiter und an dritter Stelle. An erster Stelle muss Gott stehen.

Im Evangelium des ersten Adventssonntags wird noch einmal die Rede vom Ende der Welt wiederholt. „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen” (Lk 21,27). Bevor also die Liturgie der Kirche in den Lesungen der Adventszeit auf das Weihnachtsgeschehen aufmerksam macht, erinnert sie daran, dass dieser Jesus, der als kleiner wehrloser Knabe in einer Krippe liegt, der gleiche ist, von dem es heißt: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen” (Lk 21,25). Hier wird deutlich, dass unser Adventsstress nicht nur auf Zeitmangel beruht. Mir sollten uns nämlich fragen: Muss der allmächtige Gott, der am liebsten in Demut und äußerer Schwachheit zu uns kommt, so schwere Geschütze auffahren, um uns „wesentlich” werden zu lassen? Wäre nicht das bevorstehende Weihnachtsfest eine gute Gelegenheit, im persönlichen Gebet dem Herrn zu sagen: „Jesus, ich möchte versuchen, Dir ganz konsequent zu folgen. Und zwar nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Hilf mir die heute allenthalben üblichen Kompromisse zu vermeiden. Mit anderen Worten, dich innig zu lieben und zugleich als meinen Herrn und Gebieter zu verehren. Es wirklich ernst zu meinen, wenn ich bete ‚Dein Wille geschehe!’

Gerade jetzt in der Novene zur Unbefleckten Empfängnis und überhaupt im Advent bitte ich Deine Mutter, die auch meine Mutter ist, mir das Herz und den Verstand zu öffnen, damit ich sowohl das Gewohnheits-Christentum als auch das Kompromiss-Christentum hinter mir lasse und mich voll und ganz dem Wesentlichen zuwende!” 

Kleiner Knabe, großer Gott

schönste Blume, weiß und rot,

von Maria neugeboren,

unter tausend auserkoren,

allerliebstes Jesulein,

lasse mich dein Diener sein!

Nimm mich an, geliebtes Kind,

und befiel mir nur geschwind,

rege deine süßen Lippen,

rufe mich zu deiner Krippen:

tu mir durch deinen holden Mund

deinen liebsten Willen kund.

Dir soll meine Seel’ allzeit

samt den Kräften sein bereit,

und mein Leib mit allen Sinnen

soll nichts ohne dich beginnen;

mein Gemüte soll an dich

denken jetzt und ewiglich.

Nimm mich an, o Jesu mein,

denn ich wünsche dein zu sein!

Dein verleib’ ich, weil ich lebe

dein, wenn ich den Geist aufgebe.

Wer dir dient, du starker Held,

der beherrscht die ganze Welt.

(Angelus Silesius, 1624 - 1677: „Der Cherubinische Wandersmann“)

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.