Impuls zum 29. Sonntag im Jahreskreis

Natürlich und übernatürlich

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 14. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Immer wieder stößt es uns unangenehm auf, wenn wir, wie im heutigen Sonntagsevangelium, erleben, dass die Jünger Jesu offensichtlich enorm daran interessiert sind, in der Gefolgschaft Jesu die besten Plätze einzunehmen. Natürlich steckt dahinter die bis zum letzten Augenblick falsche Vorstellung, die sie vom Messias haben: der Messias solle ein weltlicher Held sein, der das in Knechtschaft liegende jüdische Volk aus der Gefangenschaft der Römer befreit und zu seiner alten Größe zurückführt. Und dabei wollen sie mitmachen, um dann später als Weggefährten Jesu in seinem irdisch gedachten Reich einflussreiche Stellungen einzunehmen, am besten rechts und links von ihm sitzen.

Heute finden wir das merkwürdig, aber wenn wir damals, zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu unter seinen Begleitern gewesen wären, hätten wir uns vielleicht genauso verhalten. Denn nur das Irdische zu sehen, ist genau die Einstellung, die jeder Mensch von Natur aus hat. Allerdings muss man hinzufügen: von seiner erbsündlichen Natur aus. Von der Erbsünde her, die zwar als Sünde in der Taufe getilgt wird, bleiben uns Neigungen zum Bösen. Dabei ist unsere Tendenz, nur das Natürliche zu sehen, in sich keine Sünde. Aber es ist ein unvollkommenes Menschsein.

Mit unendlicher Geduld versucht der Herr immer wieder, die Seinen zu einer übernatürlichen Sicht der Dinge hinzuführen. Aber erst nach seinem Leiden und seiner Auferstehung finden die Jünger zu dieser über das Natürliche hinausgehenden Weltsicht, die sie endlich das erkennen lässt, was Jesus von sich selbst, vor Pilatus stehend, sagt, der allerdings besonders wenig versteht: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt” (Joh 18,36).

Nachdem er Jakobus und Johannes mit ihrem Ansinnen, an seiner Seite Ehrenplätze einzunehmen, abschlägig beschieden hat, versucht der Herr, sie im Gegenzug zu einer tieferen Erkenntnis zu führen, und fragt sie, ob sie bereit seien, den gleichen Kelch zu trinken wie er. Wir wissen nicht, wie sie dieses Wort vom Kelch verstanden haben. Vielleicht haben sie an ein festliches Ereignis gedacht. Vielleicht aber haben sie geahnt, dass es sich um einen Kelch des Leidens handelt. Jedenfalls haben sie freudig zugestimmt: “Possumus – wir können das!”

Ohne weitere Erklärung nimmt der Herr diese Zustimmung an, ohne ihnen jedoch die verlangten Ehrenplätze zuzugestehen.

Großartig diese Pädagogik des Herrn! Das Verhalten der Apostel ist für uns tröstlich: wenn sie, die späteren Säulen der Kirche, sich so schwer damit getan haben, das übernatürliche Anliegen Jesu zu verstehen, so können wir sicher sein, dass der Herr es uns nicht übel nimmt, wenn auch wir oft nicht auf seiner Wellenlänge sind.

Der übernatürliche Blick ist aber nicht nur in extremen Situationen gefragt. Auch in alltäglichen Zusammenhängen, ja eigentlich immer sollen wir alles, was uns umgibt, nicht nur als das natürlich Gegebene betrachten, sondern immer auch den übernatürlichen Hintergrund mitsehen. Dann nehmen wir auch das wahr, was wir nicht mit den Augen sehen: wir erkennen in den unscheinbarsten Geschehnissen die Hand Gottes, der lästige Mitmensch bekommt eine ganz neue Würde, da wir in ihm ein Kind Gottes sehen. Wir erkennen dann: auch für die unmöglichsten Menschen hat Christus sein Blut vergossen.

Der hl. Josefmaria Escrivá hat wenige Wochen vor seinem Tod über zwei Dinge besonders häufig und eindringlich gesprochen: über die brüderliche Liebe und über die Bemühung um den übernatürlichen Blick. Vielleicht ahnte er, dass viele der Probleme, die sich in der Kirche auftun würden, darauf beruhen, dass Menschen guten Willens eine nur natürliche Sicht der Dinge haben würden. Wir sehen es in der Welt und in der Kirche. Vieles will nicht recht gelingen, obwohl es die meisten gut meinen. Der Grund: man lässt oft Gott außen vor. Man rechnet nicht damit, dass er der Herr der Kirche ist, und dass die Kirche nicht ein gut organisierter  Sozialverein ist (so viel das auch schon wäre), sondern dass sie der Mystische Leib Christi ist, der in unserer Zeit fortlebende Christus. Sieht man dies nicht so, dann wird es auch furchtbar wichtig, was die Leute, genauer gesagt die Medien, von der Kirche denken. Der Kirche geht es immer dann gut, wenn sie nicht den Beifall der Menschen sucht. Denn dort wird aufgrund nur menschlicher Sicht der Dinge nicht danach gefragt, ob die Kirche die Wahrheit Jesu Christi unverfälscht verkündet, ob sie nach dem Rat des hl. Paulus mahnt und wenn nötig auch zurechtweist (vgl. 2 Tim 4,2), und ob die Seelen ihr wichtiger sind als Macht und Geld. Die Kirche soll, wie ihr göttlicher Meister, dienen: “Wer bei euch der erste sein will, der soll der Sklave aller sein” (Mk 10.43). Das, und die vielen anderen Paradoxa des Glaubens, die Jesus den Menschen ständig präsentiert, sind nur in einem übernatürlichen Licht wirklich zu verstehen.

Lernen wir von Maria, die in jedem Augenblick ihres Lebens die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen vermochte.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.