Impuls zum 3. Fastensonntag

Bekehrung zur Ehrfurcht

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1351 klicks

In diesen Tagen mitten in der Fastenzeit fordert uns die Liturgie der Kirche in ihren Lesungen immer wieder zur Bekehrung auf. Dabei geht es uns manchmal wie den Aposteln, die die Bekehrungsbedürftigkeit eher bei anderen als bei sich selber sahen.

Im Zusammenhang mit verschiedenen kurz zuvor stattgefundenen Unglücksfällen stellen sie dem Herrn die Frage, ob im konkreten Falle ein vor aller Augen geschehenes Unglück als eine Strafe Gottes für die Betreffenden anzusehen sei. Etwa so: Diese Galiläer haben gesündigt, deswegen werden sie von den Schergen des Pilatus umgebracht. Oder noch seltsamer: diese achtzehn Menschen haben gesündigt, deswegen sind sie von einem umfallenden Turm erschlagen worden.

Jesus antwortet darauf ziemlich deutlich, dass da kein Zusammenhang existiert. Gott sei Dank nicht. Denn sonst würde jedes Unglück, das mich trifft, den Menschen offenbaren, dass ich gesündigt habe. Das gleiche gälte für Krankheiten. Wer krank ist, ist dann selbst schuld, denn er hat offensichtlich gesündigt. Was im Folgenden zu Mutmaßungen darüber führen würde, was das denn wohl für eine Sünde war.

Erst recht daneben wäre der Umkehrschluss: diejenigen, die nicht getroffen wurden, waren also ohne Schuld. „Im Gegenteil“, sagt Jesus und fügt ziemlich drastisch hinzu: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt!“ (Lk 13,4)

Nun aber ist es wichtig, den Gedanken weiterzuführen, denn es geht dem Herrn absolut nicht um Bestrafung. „Ich will den Tod des Sünders nicht, sondern, dass er sich bekehrt und lebt“ (vgl. Ez 33,10 ff). Und „Gott will, dass alle gerettet werden“ (1 Tim 2,4). Daher ist alles, was Gott mit den Menschen macht, von seiner Liebe diktiert. Selbst wenn er straft oder Strafe androht, ist das nur seine Liebe, die den Menschen vor dem Untergang bewahren will. Denn seien wir ehrlich: manchmal tun wir doch tatsächlich das Richtige nur, wenn wir unsanft darauf gestoßen werden. Was aber unbedingt auszuschließen ist, ist die Unterstellung, dass Gott sich an den unbotmäßigen Menschen rächen will, weil sie ihn geärgert haben. Das Gleichnis vom Feigenbaum, das Jesus anschließend erzählt, macht das deutlich. Ein Gutsherr hat einen Feigenbaum, der seit Jahren keine Früchte bringt. Er befiehlt ihn umzuhauen. Der Weingärtner aber erwidert: „Herr lass ihn dieses Jahr noch stehen“ (Lk 13,7) und verspricht besondere Maßnahmen, um ihn doch noch in Schwung zu bringen.

Dann ist in der ersten Lesung dieses dritten Fastensonntags die Rede von dem berühmten brennenden Dornbusch. Mose, der spätere gewaltig große Prophet, der aber in diesem Augenblick erst nur ein kleiner Ziegenhirt ist, hat eine Gotteserscheinung. Gott, der reiner Geist und für uns Menschen nicht wahrnehmbar ist, benutzt das Bild eines Dornbusches, der dem Hirten Mose auffällt, weil er brennt, aber nicht verbrennt. Mose wird neugierig und wird, als er näher hinzutritt, aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen, da hier heiliger Boden sei. Das Erlebnis des Propheten ist auch für uns, die wir im Allgemeinen solche Erscheinungen nicht haben, aus mehreren Gründen exemplarisch.

Zunächst sollen wir uns klar machen, dass der Mensch Gott gegenüber die größte Ehrfurcht aufbringen muss. Allerdings nicht, weil Gott das braucht, sondern weil wir das brauchen. Wenn wir mit dem Allmächtigen so hemdsärmelig umgehen, wie wir das manchmal tun, dann schadet das uns selbst. Die Proportionen stimmen dann nicht. Er ist der Große, wir dagegen nicht. Wer hier den Spieß umdreht, ist einfach nicht in der Realität. Und dieser Fehler rächt sich immer, früher oder später.

Darauf gibt Gott dem Mose einen konkreten Auftrag, der es in sich hat. Er soll das unterdrückte Volk der Israeliten aus dem Sklavenhaus Ägypten herausführen. Ein Vorhaben, vor dem Mose mit Recht zurückschreckt. Aber er gehorcht, auch wenn er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Er will aber doch wissen, welchen Namen Gott hat, um ihn den Israeliten mitzuteilen. Der Name ist zunächst ein Rätsel: JHWH, „Ich bin, der ich bin“. In neuerer Übersetzung „Ich bin der Ich-bin-da“, und man soll ergänzen „für euch“, was eigentlich weniger ist als die Übersetzung „Ich bin das Sein“, oder „der Seiende“. Wie so oft handelt es nicht nur um Übersetzung, sondern gleichzeitig um Interpretation. Es ist sicher richtig, dass Gott für die Menschen da ist, genau darin zeigt sich ja seine grenzenlose Liebe. Aber zuallererst ist er derjenige, der IST, d.h. der einzige, der sein Sein aus sich selbst hat und es nicht einem anderen verdankt.

Wieder geht es für uns darum, eine praktische Konsequenz zu ziehen, nämlich an heiligem Boden, z.B. in jeder Kirche, unsere Ehrfurcht vor Gott zu bezeugen, denn in jedem  Tabernakel haben wir die gleiche Gegenwart Gottes wie Mose am Berg Sinai.

Der hl. Thomas von Aquin überträgt ein Wort aus dem fünften Buch Mose auf die eucharistische Gegenwart Gottes in unseren Kirchen: „Wo wäre noch einmal eine große Nation, der ihre Götter so nahe sind wie uns unser Gott?“ (Dtn 4,7)

Ich möchte daher vorschlagen, dass wir uns alle – Priester wie Laien – dahingehend bekehren, dass wir die wirkliche Gegenwart Gottes in der Eucharistie wieder ernster nehmen. Sicherlich gilt dies auch für die Feier und den Empfang der Eucharistie: In der hl. Kommunion empfangen wir nicht „etwas“, sondern „jemand“.

Da eine solche ehrfurchtsvolle Haltung nicht immer leicht ist, sollten wir uns an Maria wenden, die „eucharistische Frau“, wie der sel. Johannes Paul II. sie nannte. Und unser unvergesslicher Papst Emeritus Benedikt sagte einmal: „Sie war im tiefsten Innern ‚eucharistische Frau‘, schon in ihrer inneren Haltung: bei der Verkündigung, als sie sich selbst für die Menschwerdung des Wortes Gottes anbot, dann unter dem Kreuz und bei der Auferstehung; und sie war ‚eucharistische Frau‘ in der Zeit nach Pfingsten, als sie im Sakrament jenen Leib empfing, den sie im Schoß empfangen und getragen hatte“ (Ansprache, 31. Mai 2005).