Impuls zum 3. Sonntag der Osterzeit

Nur wer liebt, sieht den Herrn

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 608 klicks

Im 21. Kapitel des Johannesevangeliums – gewissermaßen als Nachtrag, aber dennoch als authentischer Bestandteil des Evangeliums – wird eine weitere Erscheinung des Auferstandenen geschildert, die einerseits von äußerst wichtigem theologischem Gehalt, andererseits aber von einem unvergleichlichen äußeren Zauber ist.

Man versetze sich in die Szene. Sehr früher Morgen am landschaftlich einmaligen See Genesareth. Die Sonne ist soeben aufgegangen und versetzt die leicht bewegte Wasseroberfläche in ein gold glänzendes Lichtmeer. Die frühlingshaft erwachte Natur begrüßt den jungen Morgen mit ihren Blüten und vielgestaltigen Stimmen. Und sie begrüßt…..den Urheber dieser Pracht und Schönheit, den Logos, durch den alles geschaffen worden ist.

Den menschgewordenen Gottessohn, der da – unauffällig wie immer – am Ufer des Sees steht und einigen Männern etwas zuruft, die ihrerseits mit allem was sie tun und reden, in einem krassen Widerspruch stehen zu der ganzen leuchtenden Pracht.

Sie haben die ganze Nacht gefischt (Fischen muss man nachts, da dann die Fische nach oben kommen) und nichts gefangen. Begreiflich, dass sie müde und schlecht gelaunt sind. Und da steht auch noch ein Fremder am Ufer und fragt: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“ Ihre Antwort lautet nach dem nüchternen Bericht des Evangelisten Johannes, „Nein.“ Aber es ist leicht vorstellbar, in welchem Ton sie dieses Nein ausgesprochen haben mögen.

Der Hintergrund dieser Begegnung, die in der Folge sich zu einem herrlichen Frühstück am Strand ausweitet, ist die Tatsache, dass Jesus Christus nach seiner Auferstehung manchmal  nicht auf Anhieb erkannt wird, auch nicht von den engsten Freunden. Das wundert uns, denn er ist doch derselbe wie vor seinem Leiden und Tod. Aber es ist offensichtlich manchmal nicht so leicht, ihn auf Anhieb zu erkennen. Die beiden Emmausjünger sind sogar stundenlang mit ihm spazieren gegangen und haben ihn erst am Schluss „beim Brotbrechen“ erkannt. Sogar Maria Magdalena, die ihn so sehr liebt, erkennt ihn zunächst nicht und hält ihn für den Gärtner. Wie ist das zu erklären?

Einerseits sicher dadurch, dass der auferstandene Jesus nicht eine wieder belebte Leiche ist. Der Auferstehungsleib ist derselbe wie im Leben, aber doch auch wieder anders. Er gehört bereits der jenseitigen Welt an und ist nur „ausnahmsweise“ in dieser Welt erkennbar.

Dabei ist es bezeichnend, dass die Menschen ihn dann schwer oder gar nicht erkennen, wenn sie mit sich selbst und ihren Sorgen beschäftigt sind. Die Traurigkeit der Jünger auf dem Weg nach Emmaus war verständlich, aber sehr ichbezogen. Die der Maria Magdalena sicher weniger, aber ihre Augen waren mit Tränen angefüllt. Auch die Traurigkeit, so verständlich sie oft ist, kann uns von Gott wegziehen. Jesus sagt dagegen: „Der Friede sei mit euch“ und vermittelt reine Freude.

In der Begegnung am See von Tiberias haben die mit sich selbst beschäftigten Jünger zunächst keine Möglichkeit, Jesus zu erkennen. Dann beginnt der Herr einen Dialog und gibt ihnen einen Rat. Und da erkennen sie ihn, weil sie sich ihm öffnen. Bezeichenderweise ist es derjenige, der am meisten liebt, Johannes, der ihn als erster erkennt: „Es ist der Herr,“ sagt er zu Petrus.

Auch die Liebe des Petrus zum Herrn ist groß, aber er muss in seinem Herzen zunächst noch das Versagen der letzten Tage ausräumen. Dann aber hält ihn nichts mehr: er stürzt sich in den See, um Jesus, noch bevor das Boot am Land ist, zu begrüßen.

Dann halten sie mit dem Herrn ein unvergessliches Frühmahl. Die wundersame und verhalten feierliche Atmosphäre dieses Beisammenseins schildert der Evangelist mit den seltsamen Worten: „Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.“ (Joh 21, 9)

Ganz bewusst hat der Herr diesem Beisammensein einen besonderen Charakter herzlicher Freundschaft gegeben, denn so und nicht anders wollte er das wichtigste Amt der nun entstehenden Kirche ins Dasein rufen, das Petrusamt, das Papsttum.

Wiederum ist es bezeichnend, dass die Leitungsgewalt der Kirche, die sich genialerweise kollegial und zugleich mit einem Mann an der Spitze gestaltet, nicht auf den Merkmalen beruht, die in der Welt gelten. In der Kirche Gottes werden nicht die talentiertesten, geschicktesten oder unbedingt charakterfesten ernannt, vielmehr ist hier das entscheidende Kriterium die Liebe, und zwar die Liebe zu Christus (die die Nächstenliebe im Gefolge mit sich führen muss). Dreimal fragt der Herr den Petrus: Liebst du mich? Und: Liebst du mich mehr als diese? Petrus wird beim dritten Mal traurig, weil er meint, dass Jesus ihn auf sein dreimaliges Verleugnen ansprechen will.

Und der Herr vertraut ihm seine Herde an.

Jesus ist der Gute Hirt, und jeder, der in seinem Namen andere leitet – das gilt nicht nur für den Papst, sondern mutatis mutandis für jeden Christen – muss für sie ein guter Hirt sein. Er soll die Menschen nicht befehligen, schon gar nicht beherrschen, sondern „weiden“. Wie weidet der Hirt seine Lämmer und Schafe? Indem er sie zu guten Plätzen geleitet und indem er für sie sorgt. Wenn sie sich verirrt oder im Gestrüpp verfangen haben, wird er sie nicht ausschimpfen, sondern ihnen helfen, auf den guten Weg zurückzukommen.

So betrachtet wird das Leiten nicht eine Gelegenheit zur Selbstverwirklichung, sondern hat eher den Charakter selbstvergessener Hingabe. Leiten heißt leiden.

Dann aber wiederum ist es – beim Papst wie bei jedem verantwortlichen Christen – eingebettet in das gleiche lichtvolle Beisammensein mit dem Herrn, das die Jünger so unvermutet erleben durften. Und auch wir können immer wieder damit rechnen, dass der Herr sagt: „Werft das Netz da und da aus…“, und es wird Großes geschehen.