Impuls zum 32. Sonntag im Jahreskreis

Wir müssen Liebende werden!

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 9. November 2012 (ZENIT.org). - Der heutige Tag, der zugleich der 32. Sonntag im Jahreskreis, aber auch – ohne dass es liturgisch eine Rolle spielt – dem Gedenken des hl. Martin gewidmet ist, will uns zur Tugend der Großherzigkeit animieren.

Da ist diese ganz arme Witwe, die „kaum das Nötigste zum Leben hat” (Mk 12,44), und die ihren ganzen Lebensunterhalt opfert. Und da ist jener mit Recht so beliebte Heilige, Martin, der, noch bevor er Christ geworden ist, einem armen Bettler die Hälfte seines Mantels schenkt, damit er nicht erfriert. Und nicht darüber nachdenkt, dass er selber frieren wird.

Die für den Empfänger so liebenswürdige Tugend der Großzügigkeit hat also erst dann ihren besonderen Charme, wenn der Gebende sein eigenes Ich zurücknimmt. Und gerade das liegt uns Menschen von Haus aus nicht. Wieder sind es die berühmten Folgen der Erbsünde, die bewirken, dass wir zunächst zu dem geneigt sind, was unserem Ego nützt oder schmeichelt oder es befriedigt. Egoistisch sein ist im Einzelfall meist nicht etwas Sündhaftes. Wenn ich der kranken Nachbarin nicht die Einkäufe mache, habe ich noch keine Sünde begangen. Aber eben an dieser „Schnittstelle” zwischen Gut und Böse wird es interessant. Wenn ich Böses vermeide, aber auch Gutes nicht tue, werde ich wahrscheinlich als „politically correct” durchgehen können. Zeigt sich aber da nicht, dass unser ganzes neuzeitliches Ethos in Wahrheit nur eine halbe, wenn nicht sogar wertlose Sache ist? Wenn alle Menschen sich politisch korrekt verhalten – was de facto kaum vorkommt – dann wäre eine kommunistische Gesellschaft schon das höchste der Gefühle. Aber wie öde war das Leben in der DDR und der späten Sowjetunion!

Der Christ weiß, dass er nicht nur politisch korrekt sein soll, sondern dass er ein Heiliger werden soll. Die arme Witwe wäre auf das Verständnis aller gestoßen, wenn sie überhaupt nichts gegeben hätte. Martin hätte von niemandem einen Vorwurf gehört, wenn er an dem Bettler vorbeigeritten wäre, denn er hatte sicher eine eilige Mission zu erfüllen.

Ein Heiliger des 19. Jahrhunderts, den man in Deutschland kaum kennt, dafür aber umso mehr in Russland, Friedrich Haas aus Münstereifel, hätte als Arzt im zaristischen Russland sicher genügend Anerkennung gefunden, wenn er einfach seinen Dienst getan hätte. Aber auch er tat mehr als „nötig”. Er behandelte arme Patienten kostenlos, ja er setzte sich unter Hintansetzung seiner Reputation vor dem Zaren dafür ein, dass die Gefangenen in Sibirien mit etwas mehr Menschlichkeit behandelt wurden. Dazu nahm er in Kauf, dass er vor dem Zaren und dem Hof eine ziemlich unglückliche Figur machte. (Wahrscheinlich ist das der Grund für seine große Beliebtheit in der russisch-orthodoxen Kirche, die den besonderen Typus des „heiligen Narren” pflegt.) Er hatte einen Wahlspruch, der ganz simpel klingt und scheinbar gar nicht originell: „Beeilt euch Gutes zu tun”. Dass Gutes tun wertvoll ist, weiß jeder schon, aber dieser leicht irritierende Akzent der Eile, die geboten ist, hilft dazu, dass man das Gutsein in einem neuen Licht sieht.

Und das sollten wir wirklich tun. Das ist so eine Situation, wo es mal wirklich angebracht ist, das Bisherige infrage zu stellen. Ja, stellen wir uns selbst infrage (stellen wir uns also diese Frage in unserer Gewissenserforschung): habe ich jemandem Gutes erwiesen und bin dabei zusätzlich über meinen eigenen Schatten gesprungen? Oder habe ich jemandem eine Nettigkeit erwiesen, weil er auch zu mir nett ist? Jesus würde dazu sagen: Das tun auch die Heiden. Mutter Teresa von Kalkutta fordert uns auf: „Lieben, bis es weh tut”.

Wie immer gibt uns die Gottesmutter ein Beispiel: Bei der Hochzeit zu Kana hätte sie durchaus keine Veranlassung, etwas zur Behebung des Mangels an Wein zu unternehmen. Die Verantwortung dafür hatte der Speisemeister, der sich allerdings als total unfähig erweist, denn selbst nach dem Wunder hat er gar nicht begriffen, was da vor sich ging. Er war mit sich selbst beschäftigt. Maria dagegen, die nur ein Gast ist, sieht die sich anbahnende Blamage für die Brautleute und möchte ihnen eine solche ersparen. Warum sieht gerade sie das Problem und die anderen nicht? Weil die von der Liebe geweiteten Pupillen mehr sehen. Genau das ist die Lösung. Sie klingt ganz einfach. Und ist es im Grunde auch.

Papst Benedikt sagt: „Wir müssen Liebende werden!”

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.