Impuls zum 4. Adventssonntag 2012

WeihnachtsFreud

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 21. Dezember 2012 (ZENIT.org). – „Du Bethlehem im Lande Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten in Juda, denn aus dir wird hervorgehen, der mein Volk Israel erlösen wird“ (Micha 5,2)

Diese prophetische Stelle aus dem Alten Testament ist uns aus der Advents- und Weihnachtsliturgie wohl bekannt. Wie gut kann man die Bewohner der Stadt Bethlehem verstehen, wenn sie darauf stolz sind, dass der Sohn Gottes in ihrer Stadt Mensch geworden ist. Dass Gott sich für seine Menschwerdung nicht den bedeutendsten Ort der damaligen Zeit ausgesucht hat, wird also eigens angekündigt, denn nach menschlichen Begriffen hätte er bei der herausragenden Bedeutung seiner Person wenigstens in Jerusalem, oder noch besser in Rom, in der Hauptstadt der damaligen Welt geboren werden müssen. Aber Gott macht die Dinge nun einmal anders als wir Menschen sie machen würden.

Menschliches, allzu menschliches Denken zum Gottesthema erleben wir immer wieder im Laufe der europäischen Geschichte, die leider nicht immer eine Geschichte des Christentums ist. So auch in einem Wort von Sigmund Freud, einem der großen Zerstörer der christlichen Kultur in Europa. Im Zuge der naiven Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts meinte er allen Ernstes, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft dem Glauben den Garaus machen werden. Er ist ein Erbe jener Bewegung des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung, in der man der menschlichen Vernunft eine besondere Bedeutung geben wollte, dabei aber, wie es eben menschliche Art ist, über das Ziel hinaus geschossen ist. Papst Benedikt XVI. spricht in sehr überzeugender Weise davon, dass die Vernunft ihren unersetzbaren Stellenwert haben muss, aber innerhalb der Religion, nicht gegen die Religion. Eindringlich mahnt er auch die Muslime, das was an der Aufklärung gut ist, für ihre Religion nachzuholen. Er zeigt auf, wie der christliche Glaube nicht etwa durch die Vernunft in Verlegenheit gebracht wird, sondern dass die Glaubensinhalte nicht nur der Vernunft nicht widersprechen, sondern durch sie gestützt werden. Soweit war man im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht.

So spricht Sigmund Freud von den „drei großen Kränkungen der Menschheit“. Ich zitiere aus dem 18. Kapitel seiner Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse:

„Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist. (…) Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich verwies. Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, dass es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause.“

Diese drei „Kränkungen“ sind nicht gar so schwer abzuweisen, denn erstens wäre nur der gekränkt, der sich etwas Unzutreffendes eingebildet hätte. Zweitens aber wird eine solche Sicht der Dinge dadurch ad absurdum geführt, dass man nicht nur das bloß Natürliche in den Blick nehmen darf (das ist  ja die Schwäche der sog. vorurteilsfreien Naturwissenschaft), sondern mit den Augen des Glaubens weiter sehen kann. Denn, um unser Beispiel aufzugreifen, so wie Bethlehem, unscheinbar wie es ist, von unvergleichlicher Bedeutung ist, da der Sohn Gottes hier Mensch wurde, ebenso ist unsere Erde der wichtigste Himmelskörper, obwohl die anderen keineswegs um sie kreisen. Es ist ein anderes Kriterium, das die erste Kränkung aufhebt: die Erde ist doch der Mittelpunkt des Weltalls, denn Gott wurde hier Mensch. Romano Guardini nannte einmal die Erde das Bethlehem des Universums („Du Erde, bist keineswegs der geringste unter den Planeten, denn auf dir...“). Man sage nicht: ‚Ja, das ist euer Glaube, ihr Christen. Der wird nicht von allen geteilt’. Hier liegt ein Denkfehler: gewiss wird nicht jede Religion oder Konfession von allen geteilt, aber die grundlegende Frage, ob Gott existiert, muss bei der Wissenschaft fairerweise mit einbezogen werden, denn die Vernunft sagt uns klar, dass die Welt mehr ist als das, was man mit der bloßen Sinneserfahrung und den Rückschlüssen daraus erkennen kann (und die Naturwissenschaft mit ihren Instrumenten ist nichts anderes als eine verlängerte Sinneserfahrung).

Die zweite „Kränkung“ findet ebenfalls ihre Widerlegung durch das Faktum der Menschwerdung Gottes. Inwieweit Darwin recht hat mit seiner Evolutionstheorie ist dabei unerheblich, denn selbst wenn der Mensch auf dem Wege einer wie auch immer gearteten Entwicklung aus tierähnlichen Vorstufen entstanden sein sollte, so ist er doch erst in dem Augenblick Mensch, in dem Gott ihm die unsterbliche Seele mitteilt. Da ist irgendwo ein Hiatus, etwas grundsätzlich Neues, nur dass die Naturwissenschaft kein Instrumentarium hat, das festzustellen noch auch es zu widerlegen. Virchow hat noch allen Ernstes gesagt, dass es keine unsterbliche Seele geben kann, da er bei seinen anatomischen Untersuchungen auf keine solche gestoßen sei. Nein, Gott ist nicht ein höher entwickelter Affe geworden, sondern ein Mensch. Ich glaube, das ist es, was der Papst meint mit der Verbindung von Glaube und Vernunft. Ein Glaube ohne Vernunft ist vage. Eine Vernunft, die alle Inhalte des Glaubens als nicht existent ablehnt, ist rachitisch und unvollständig. Müsste die Wissenschaft nicht doch langsam dahinter kommen – wie es die Wissenschaftler vor Darwin hielten -, dass es sich besser forscht, wenn man die Welt nicht als Umwelt ansieht, sondern als Schöpfung (die einen Schöpfer voraussetzt)?

Heutzutage fühlen wir uns des weiteren auch gar nicht gekränkt durch das Dritte, die psychologischen Arbeiten des Sigmund Freud, die von der wissenschaftlichen Psychologie heute übrigens weitgehend infrage gestellt werden. Recht hat er, wenn er davon spricht, dass viele Menschen psychische Probleme haben, deren sie oft nicht Herr werden. Aber er ist im Unrecht, wenn er denjenigen außen vorlässt, der alle Probleme lösen kann. Heilung geben kann, die über die Möglichkeiten der Psychologie und Psychiatrie weit hinausgehen. Deren Leistungen sollen gar nicht geschmälert werden, im Gegenteil. Aber ihre Arbeit muss wie die des praktischen Arztes neben der des Seelsorgers herlaufen, nicht diese ersetzen. Der Priester braucht in manchen Fällen die Hilfe des Psychiaters, aber wenn dieser meint, den Seelsorger zu ersetzen, irrt er sich und begeht seinerseits eine Kränkung, nämlich die des Kranken.

Der Mensch gewordene Gottessohn ist es, der alle Kränkungen aufhebt und uns wirklich frei macht. Alles im Menschen hat er gereinigt und erneuert. Und wenn der Mensch mit all seinen Kräften, einschließlich der von Gott gegebenen Vernunft, sich darauf einlässt, kann das eintreten, was heute verzweifelt gesucht wird: der Friede. Frieden unter den Menschen, weil Frieden mit Gott.

Und dann kann das Wort in seiner Abwandlung gelten: „Du Mensch bist keineswegs irgendeines unter den Lebewesen, denn der Allmächtige wollte einer werden wie du.“

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.