Impuls zum 4. Fastensonntag 2013, Laetare

Unser barmherziger Vater

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1571 klicks

Wenn wir uns die Barmherzigkeit Gottes vor Augen führen, gehen unsere Gedanken fast wie von selbst zu dem unvergessenen seligen Papst Johannes Paul II. Er war es, der neben seinen unglaublich zahlreichen Schriften und Ansprachen das Thema der göttlichen Barmherzigkeit mit einer besonderen Wärme ins Wort gebracht hat. Eine seiner bedeutendsten Enzykliken trägt eine Bezeichnung, die aus der Hl. Schrift und der Liturgie genommen ist „Dives in misericordia“ – Reich an Erbarmen (Ps 103,8 u.a.).

Schon im Alten Testament, das manchmal auch von der strengen Gerechtigkeit Gottes spricht, wird ausdrücklich auf die göttliche Barmherzigkeit hingewiesen: „Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat“ (Joel 2,13). Woraus natürlich auch hervorgeht, dass es im Leben der Menschen Dinge gibt, die Unheil hervorrufen. Erschütternd ist in diesem Zusammenhang die tiefe Reue des Königs David, der, ohne es sich richtig klar gemacht zu haben, einem seiner Untergebenen die Frau weggenommen hatte und dazu noch für seinen Tod in der Schlacht gesorgt hatte, und der daraufhin vom Propheten Gad verschiedene Arten von Strafe zur Wahl gestellt bekam. Da er seine Sünde zutiefst bereut, sieht er die Notwendigkeit einer Strafe grundsätzlich ein, möchte aber, wenn er wählen kann, nicht durch Menschen diese Strafe erfahren: „Da sagte David zu Gad: Ich habe große Angst. Ich will lieber dem Herrn in die Hände fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß. Den Menschen aber möchte ich nicht in die Hände fallen“(Chronik 1,21,13).

Die Barmherzigkeit Gottes bedeutet also nicht, dass Gott einfach lieb zu uns ist. Er ist nun einmal der Herr und hat uns gegenüber Rechte. Er hat uns seine Gebote gegeben. Die Gebote sind zu unserem Besten, das wissen wir aus Erfahrung. Aber die Gebote brechen, ist nicht nur unklug, sondern zuerst ein Affront gegen unseren Schöpfer. Und da erst zeigt sich die unglaublich große Bedeutung der göttlichen Barmherzigkeit. Obwohl er alles Recht dazu hat, will Gott uns eben nicht strafen. Nur im Extremfall, wenn der Mensch gar nicht kapiert, kommt eine Strafe, die aber ihrerseits auch nur aus seinem Erbarmen kommt, denn sie hilft uns, nachträglich zu verstehen und uns zu ändern.

Metanoia, Umkehr, das war schon den antiken Heiden vertraut, weil sie – im Gegensatz zu den heutigen Heiden – den Zusammenhang von Schuld, Sühne und Umkehr kannten und Schuld auch wirklich Schuld nannten.

Das Gleichnis im heutigen Evangelium, das schönste Gleichnis Jesu überhaupt, zeigt uns, wie weit die Barmherzigkeit Gottes geht. Benedikt XVI. hat dieser Parabel gleich drei Bezeichnungen gegeben: Das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“, „vom Barmherzigen Vater“ und „von den beiden Brüdern“.

Im Barmherzigen Vater sehen wir eine wunderbare Charakterisierung des Himmlischen Vaters. Er lässt seinen Kindern alle Freiheit. Was auch bedeutet, dass er sie nicht daran hindert, falsche Wege einzuschlagen. Aber er sehnt sich danach, dass sein Kind zurückkommt. Jeden Tag tritt er vor das Haus, um nach dem verlorenen Sohn Ausschau zu halten. Und als er dann endlich auftaucht, ist der Vater nur Liebe und Freude. Ja, er vergibt sich sogar die Möglichkeit, dem Tunichtgut wenigstens eine Standpauke zu halten. Nein, er läuft ihm entgegen, umarmt den völlig Überraschten, küsst ihn und lässt ihn nur Güte erfahren. Sein Schuldbekenntnis lässt er ihn nur ansatzweise sagen. Es ist ja schon deutlich geworden, dass er bereut, das genügt ihm. Und so ist die so herzerwärmende Szene ein deutliches Bild für das Sakrament der Beichte, wo es dem Herrn auch genügt, wenn der Sünder seine Schuld bekennt und, so gut er es kann, bereut. Die Reue sollte eine „contritio“ sein, also eine Reue aus Liebe. Aber da der Mensch das nicht immer schafft (auch beim jungen Mann im Gleichnis wissen wir nicht genau, ob das „Insichgehen“ aus Liebe erfolgt oder zunächst aus der Notwendigkeit, etwas zu essen zu bekommen), genügt die „attritio“, die eine solche unvollkommene Reue ist. Das was an dem Ganzen fehlt, ersetzt die objektive Kraft des Sakraments. Und der reuige Sünder erlebt dann das heitere Glück, wieder daheim zu sein.

Wollten wir Menschen doch begreifen, dass Gott genau das will: dass wir glücklich sind!

Der ältere Bruder war zwar immer brav zuhause geblieben, hat aber das Wesentliche nicht begriffen. Er ärgert sich darüber, das sein Bruder so leicht wieder aufgenommen wird. Das Gleichnis lässt offen, was schwerer wiegt, der Leichtsinn des jüngeren Bruders oder die Hartherzigkeit des älteren.

Johannes Paul II. hat nicht nur die großartige Barmherzigkeitsenzyklika geschrieben und die Ordensfrau Faustyna heilig gesprochen, die man als die Prophetin der göttlichen Barmherzigkeit bezeichnen könnte. Als der selige Papst am Ende seines Lebens selbst nicht mehr sprechen und nicht mehr handeln konnte, hat er – sozusagen als feierlichen Schlusspunkt seines Lebens – die Barmherzigkeit Gottes durch seinen eigenen Tod verkündet. Er starb am Vorabend des von ihm eingesetzten Festes der Göttlichen Barmherzigkeit (des Sonntags nach Ostern). Sein Sekretär, der jetzige Kardinal von Krakau, feierte an seinem Sterbebett die Hl. Messe vom Barmherzigkeitssonntag als Vorabendmesse.

Immer wieder hat Papst Johannes Paul II. Maria als die Mutter der Barmherzigkeit angerufen. So in einem besonders feierlichen Weiheakt an die Gottesmutter, den er am 13. Mai 1982, ein Jahr nach dem glücklich überlebten Attentat, in Fatima betete:

„Noch einmal zeige sich in der Geschichte der Welt die unendliche Macht der erbarmenden Liebe. Dass sie dem Bösen Einhalt gebiete! Dass sie die Gewissen wandle! In Deinem Unbefleckten Herzen offenbare sich allen das Licht der Hoffnung!“

In dieser Hoffnung sollten wir heute die Mutter der Kirche um ihre Fürsprache für das Konklave bitten. Sie, die damals den Papst vor dem Tod bewahrte, möge der heutigen Kirche wieder einen guten Papst schenken.