Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis

Zeichen des Widerspruchs

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1323 klicks

Die Weihnachtszeit ist eigentlich längst vorbei, aber an diesem Wochenende erleben wir so etwas wie einen Nachklang zum Fest. Zeitgleich mit den damaligen Geschehnissen feiert die Kirche vierzig Tage nach der Geburt Jesu seine „Darstellung im Tempel“. Ein Brauch, der auf Mose zurückgeht und mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten zu tun hat: „Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein” (Lev 12,7), und um den erstgeborenen Knaben zurück zu erhalten, musste ein Opfer dargebracht werden: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Aber die fast alltägliche Zeremonie weitet sich zu einem Ereignis von großer Tragweite aus. Zwei Propheten treten dem jungen Elternpaar entgegen, Simeon und Hanna. Der Heilige Geist hat sie in den Tempel geführt, und sie reden prophetisch über dieses Kind und seine Mutter. Simeon sagt: „Meine Augen haben das Heil gesehen, das Du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für Dein Volk Israel“ (Lk 2,29). Eine wunderbare Weissagung. Und sie hat sich auch erfüllt.

Aber dann kommt eine andere Prophezeiung, die der ersten zu widersprechen scheint: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden…“ bis hierher noch dem normalen Lauf der Welt entsprechend. Aber dann das Tragische: „Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“ (Lk 2,37). Wir wissen natürlich, dass sich diese Prophezeiung auch erfüllt hat, aber eigentlich dürfte das doch nicht sein. Dem Sohn Gottes widersprechen, ist das nicht unerhört? Zumal alles, was er den Menschen bringt, nur Liebe ist.

Später wird der Herr sagen: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen“ (Joh 15,20). Das als Ergänzung zu der Prophezeiung des Simeon.

Ferner: „Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt“ (Joh 15,19). Wenn uns die Situation der Kirche in der heutigen Welt irritiert: hier haben wir die Erklärung. Nicht die Skandale, nicht die vielen Fehler des „Bodenpersonals“ machen die Kirche verhasst. Die Politiker, die Journalisten, die Ärzte, die Militärs – sie alle machen auch Fehler und laden Schuld auf sich. Die Kirche aber ist verhasst, weil viele den „fortlebenden Christus auf Erden“ (das ist nämlich die Kirche trotz aller Mängel) ablehnen und ihm widersprechen.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren aber hat sich die Situation noch merklich verschlechtert. Es hat sich eine neue Ideologie etabliert, fast so etwas wie eine Gegenkirche (früher spielte die Kommunistische Partei die Rolle der Gegenkirche), deren Mitglieder keine Gelegenheit auslassen, um der Kirche Christi eins auszuwischen. Die ihr zugrunde liegende „Gegenreligion“ ist die neue Gender-Mainstream Ideologie, die den Menschen von jeder Verbindung zu seinem Schöpfer abkoppeln will. Gott wird nicht direkt angegriffen, er wird ignoriert und soll sich gefälligst aus dem Leben der Menschen heraushalten.

Das einzige, was diese Ideologie von den Pseudoreligionen des 20. Jahrhunderts, den Ideologien, unterscheidet, ist, dass sie (noch) gewaltlos agiert. Wer z.B. gegen die Abtreibungsmentalität eingestellt ist, wird nicht verhaftet und schon gar nicht verurteilt, aber aufgrund des unproportinal großen Einflusses, den die Medien haben, bleibt er wirkungslos, oder er wird kalt gestellt wie seinerzeit Rocco Buttiglione in der EU.

Der Christ hat keine Feinde, aber er muss wissen, wer gegen ihn arbeitet, oder mit Worten Jesu, wer „ihn verfolgt“. Es ist daher gut zu wissen, welche Medien, also welche Fernsehsendungen, welche Zeitungen und Magazine es auf die Kirche „abgesehen“ haben. Gewappnet sein ist schon wichtig, vor allem, wenn am nächsten Morgen die lieben Kollegen das Gesehene oder Gelesene nachbeten. Womit keineswegs eine vernünftige und notwendige Kritik abgelehnt werden soll. Im Gegenteil, das wäre sogar oft mangelnde Hilfeleistung. Aber manchmal ist es tatsächlich verwirrend: eine solche Hilfeleistung ist nämlich oft gar keine, und man darf wirklich nicht jede Pfeife damit beauftragen, Hilfe zu leisten, wenn der das vielleicht gar nicht beabsichtigt.

Muss man auf jeden Angriff reagieren? Besser nicht, denn bei der Fülle der Widersprüche wäre man sonst den ganzen Tag damit beschäftigt, Falschmeldungen zu korrigieren, Irrtümer auszuräumen und die eigene gute Absicht zu beteuern. Eine andere Einstellung, allerdings nicht allzu häufig anzutreffen, ist die, dass man sich sagt, die Institution X wird von den Medien bevorzugt angegriffen, also muss sie gut sein. Und so ist manch einer zum Mitglied oder Freund von X geworden.

Die dritte Haltung gegenüber solchen Widersprüchen aber ist die beste. Wir sehen sie bei der Jungfrau Maria. Die Leidensankündigung durch den Propheten Simeon und mehr noch die spätere Erfüllung derselben haben ihrem liebevollen Herzen Schmerz zugefügt. Aber sie protestiert nicht, sie klagt nicht, sie „bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,51). Keineswegs ist sie die verhärmte Dulderin, die alles hinnimmt. Nein, da sie die „Sedes Sapientiae“ ist, die gescheiteste Frau, die je gelebt hat, versteht sie den Nachsatz in der Weissagung des Simeon. Nach dem bitteren Wort „Auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen“, sagt er „..., damit die Gedanken vieler Menschen offenbar werden“ (Lk 2,38). Da wird sichtbar, welch großen Wert das Leiden, besonders das seelische Leiden hat. Es setzt Kräfte frei. Die schuldig gewordenen Menschen erkennen ihre Fehler – unerlässliche Voraussetzung zur Besserung – dadurch, dass die Schuldlosen leiden. Hätte Christus die Menschen durch eine große Tat erlösen können, hätte er es wohl getan, aber erst sein Leiden hat den Menschen die Möglichkeit gegeben, ihre Sünden zu erkennen und dann zu bereuen. Denn so sehr respektiert Gott unsere Freiheit, dass er uns nur erlösen kann, wenn wir es auch wollen.

An Lichtmess werden Kerzen geweiht. Sie haben die Aufgabe, in die Seelen der Menschen hineinzuleuchten. Dadurch kann uns immer wieder deutlich werden, nicht nur was geschieht, sondern warum es geschieht und wie es anders geschehen könnte.