Impuls zum 5. Sonntag der Osterzeit

Herrliche Kreuzeswissenschaft

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 606 klicks

Erstaunlich, wie oft der Herr von dem Gebot der Liebe spricht. Wahrscheinlich, weil wir Menschen uns immer wieder schwer damit tun. Jesus führt das alte Doppelgebot der Liebe, Gott über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst, noch erheblich weiter: wir sollen die Menschen nicht nur wie uns selbst lieben, sondern so wie Jesus die Menschen liebt, so sollen wir sie lieben.

Unmittelbar vor dieser Mahnung zur Liebe spricht der Herr in rätselhaften Worten über das Verherrlichen. Dass Gott in ihm verherrlicht ist, geschieht ausgerechnet in dem Moment, wo Judas drauf und dran ist, ihn zu verraten. Scheinbar haben wir hier wieder die verkehrte Welt, mit der uns Christus immer wieder konfrontiert, damit wir wach werden.

Verraten zu werden ist nach menschlichen Maßstäben sicher kein Verherrlichtwerden. Aber wir dürfen nie vergessen, dass Gott nicht nur andere Maßstäbe, sondern auch andere Perspektiven hat als wir Menschen. Er sieht im Augenblick des beginnenden Leidensweges bereits das Ergebnis: die Menschheit wird erlöst sein, und er selbst wird „im Triumph aus dem Grabe erstehen“.

Solchen weiten Blickwinkel haben wir in der Regel nicht, unter anderem, weil wir nicht Gott sind. Und dennoch will Christus – und alles das ist Christusnachfolge – uns zu dieser erweiterten Sicht der Dinge hinführen.

Warum eigentlich? Sind wir damit nicht überfordert?

Nun, grundsätzlich verlangt Gott von uns niemals mehr als wir können. Darin unterscheidet er sich u.a. von den Menschen. Wenn er uns also – behutsam – dazu anregt, auch in misslichen Situationen an das zu denken, was an Gutem daraus entstehen kann, so verlangt er ja nicht zuviel, sondern er erweist sich wieder einmal als der göttliche Pädagoge, der uns dort aufsucht, wo wir sind, der aber nicht möchte, dass wir dort stehen bleiben, wo wir gerade sind. Und er will, dass wir uns von der allzu menschlichen Auffassung lösen, dass es uns nur dann wirklich gut geht, wenn wir einen guten Job haben und alles, was damit zusammen hängt: Essen und Trinken, Gesundheit, Urlaub und Auto. Das alles gönnt er uns ja von Herzen, aber er weiß, viel besser als wir, dass wir dann schnell in die Rolle der verwöhnten Kinder kommen, die nichts von sich selbst verlangen.

Mit anderen Worten, unsere Christusnachfolge heißt eben auch das: Das Kreuz annehmen als ein Zeichen der „Herrlichkeit“, natürlich der zukünftigen, aber eben Herrlichkeit, und nicht als Unglück oder Herabwürdigung.

Die großen Heiligen haben das verstanden. So schreibt die hl. Edith Stein: „Weil aber das Einssein mit Christus unsere Seligkeit ist und das fortschreitende Einswerden mit ihm unsere Beseligung auf Erden, darum steht Kreuzesliebe zu froher Gotteskindschaft keineswegs im Gegensatz“ (ESW XI, 122f). Und der hl.Pater Pio sagt: „Das Leiden ist ein sicheres Zeichen, dass Gott uns liebt“. Ja, er behauptet sogar: „Die Liebe wird im Leiden stärker. Leg dich aus Liebe zum Gekreuzigten auf das Kreuz!“

Ist das alles nicht ein bisschen zu stark? Ist es nicht reichlich übertrieben?

Mit Recht sagen die klugen Leute, jede Übertreibung, auch von etwas Gutem, ist im Endeffekt schlecht. Aber so wahr das auch ist, hier ist es falsch, denn die Liebe übertreibt immer.

Auch bei der Liebe unter den Menschen ist eine gut überlegte und mäßige Liebe keine wahre Liebe. Wirklich Verliebte finden so etwas spießig. Sie sagen: alles oder nichts!

Außerdem, wenn für den Christen in seinem Verhältnis zu Christus das Wort gälte: Bloß nicht übertreiben!, dann wären Märtyrer unmögliche Leute, denn viele von ihnen hätten nicht sterben müssen, wenn sie Christus ein bisschen weniger geliebt hätten.

Das theologische Handbuch sagt: Der Mensch ist nicht zum Leiden, sondern zur Freude geschaffen. Wie reimt sich das mit dem vorher Gesagten zusammen?

Ja natürlich, Gott will, dass der Mensch glücklich ist, dazu hat er ihn in der Tat erschaffen. Und so war es im Paradies. Das Leiden ist nicht von Gott geschaffen, es ist Folge der Sünde. Und das ist eben die unbeschreibliche Güte Gottes, dass er das Negative, nämlich das Leiden, dazu benutzt, um den Sündenfall, der das Leid verursacht hat, wieder wettzumachen.

So überwältigend macht er das Versagen von uns Menschen wieder wett, dass Jesus sich ausgerechnet im Moment des Verrats durch Judas zu diesem Wort veranlasst sieht: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht“ (Joh 13, 32).

Von allen Menschen ist es wahrscheinlich nur Maria, die die grenzenlose Liebe Gottes zu uns Menschen wirklich begriffen hat. Diese Liebe begreifen heißt sie nachahmen.

Der Monat Mai ist im Anmarsch. Eine gute Gelegenheit, die Gottesmutter nicht nur zu ehren durch Blumen, Prozessionen und den Rosenkranz, sondern auch, um mit ihr einmal „Grundsätzliches“ durchzusprechen. Mit anderen Worten, sie um Aufklärung darüber zu bitten, was es mit dieser „Kreuzeswissenschaft“ der großen Heiligen auf sich hat, und ob das nicht auch etwas für uns sein kann.

Vielleicht würde sie uns auf ein weiteres Wort der großen Märtyrer-Philosophin hinweisen: „Zu leiden und im Leiden selig zu sein, auf der Erde zu stehen, über die schmutzigen und rauen Wege dieser Erde zu gehen und doch mit Christus zur Rechten des Vaters zu thronen, mit den Kindern dieser Welt zu lachen und zu weinen und mit den Chören der Engel ohne Unterlass Gottes Lob zu singen, das ist das Leben des Christen, bis der Morgen der Ewigkeit anbricht“ (Edith Stein ESW XI,122f).