Impuls zum 9. Sonntag im Jahreskreis

Demut ist göttlich

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 688 klicks

Der Hauptmann von Kapharnaum hätte es sich sicher nicht träumen lassen, dass die Worte, die er in einem Moment der persönlichen Bedrängnis zu Jesus sagte, die aber in dem Augenblick  nicht von größerer Tragweite zu sein schienen, im Laufe von zwanzig Jahrhunderten von Millionen von Menschen in aller Welt unbeschreiblich oft wiederholt werden würden: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort,…“

Es ist die demütige Haltung des römischen Hauptmanns, die Jesus sofort für ihn eingenommen hat.

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“, heißt es schon im Alten Testament (Sprüche 3,34).

Passenderweise werden diese Worte von den Gläubigen gesprochen, bevor sie den eucharistischen Herrn empfangen, denn wer könnte wohl sagen, er wäre würdig, Gott bei sich zu empfangen? Abgesehen von der objektiven Unwürdigkeit sollte uns die im Evangelium berichtete Episode auch dazu anregen, uns selber zu prüfen, wie wir innerlich, aber auch äußerlich für den Empfang des Herrn vorbereitet sind.

Der Hl. Vater, Papst Franziskus, spricht oft von der Tugend der Demut, und er lebt sie uns auch glaubwürdig vor.

Gewiss ist die Demut nicht die wichtigste Tugend, die wichtigste ist zweifellos die Liebe. Aber die Demut ist gewissermaßen die Haltung „sine qua non“. Alle anderen Tugenden verblassen zu nichts, wenn die Demut fehlt.

Gleichzeitig ist sie offensichtlich eminent wichtig, denn sie ist das Gegenstück zum Stolz, und dieser ist bekanntlich die schlimmste Sünde, die Ursünde, durch die im Anfang viele Engel die Freundschaft mit Gott verloren.

Wie bei allem, was für den Menschen wichtig ist, gibt es eine Menge Irrtümer über diese Tugend, wodurch diese für manche Menschen unsympatisch wird.

Was ist Demut nicht?

Sie ist keineswegs Kleinmut, auch nicht Schüchternheit oder das Nichtwissen um den eigenen Wert. Demütig ist nicht derjenige, der sich immer im Hintergrund hält, um nicht aufzufallen oder um eventuelle Aufträge von sich fern zu halten. Der Demütige ist alles andere als eine komische Figur, die man nicht ernst nehmen muss.

Nein, der Demütige ist derjenige, der in jeder Lebenslage den Kopf oben behält. Aber eben nicht, weil er sich für groß hält, sondern im Gegenteil, weil er um seine Unbedeutendheit weiß, jedoch gleichzeitig sich bewusst ist, dass er ein Kind Gottes ist.

Diese übernatürliche Sicht der Dinge verhindert auch, dass er sich selbst in einem zu rosigen Licht sieht, denn der übernatürliche Blick ist immer auch der realistische.

In der deutschen Sprache, die mit Verlaub eine geistreiche Sprache ist, ergeben sich viele sprachliche Verbindungen zur Demut. Mit Demut hat der Mut zu tun, auch der Gleichmut und der Starkmut. Dem Demütigen fehlt es auch nicht an Anmut.

Bezeichnend ist auch, dass in den säkularisierten Tugenden, also den Tugenden, die ohne den Blick auf Gott auskommen, und die wir gemeinhin als gute Manieren bezeichnen, die Demut eine bedeutende Rolle spielt, auch wenn man sie dort nicht so nennt. Wenn einer ein hohes Amt im Staat hat, nennt er sich Minister, d.h. Diener.  Im zwischenmenschlichen Verkehr macht man sich gerne (scheinbar) klein: „Bitte nach Ihnen!“ „Was kann ich für Sie tun?“ „Nach meiner unmaßgeblichen Meinung...“, bei Tisch nimmt man das Geringere, nicht das größte Stück usw. Gleichzeitig weiß natürlich jeder, der sich im guten Umgangston auskennt, dass das meistens nur leere Floskeln sind, und man es nicht wirklich so meint.

Wenn der Glaube an Gott keine besondere Rolle spielt, dann helfen die verweltlichten Tugenden, also die guten Manieren, immerhin dazu, dass das Zusammenleben der Menschen formal gesittet abläuft.

Unendlich viel wertvoller und zugleich effektiver sind die wirklichen Tugenden, und unter ihnen besonders die übernatürlichen Tugenden, die die Gemeinschaft der Menschen nicht nur reibungslos funktionieren lassen, sondern sie sogar für alle Beteiligten angenehm machen.

Treue, Zuverlässigkeit, Mitgefühl, Lauterkeit, Hilfsbereitschaft – alle diese Tugenden, die viel mehr sind als guter Ton, machen das Leben wertvoller. Besonders aber dann, wenn sie im Hinblick auf Gott, also „um Christi willen“ gelebt werden, dann nennen wir sie übernatürliche Tugenden.

Auch wenn der Maimonat zuende geht, bleibt vor unserem geistigen Auge das lebendige Beispiel der Jungfrau Maria. Sie hat buchstäblich sämtliche Tugenden in vollkommenem Maße gelebt. Und auch die Demut wird mit dem Blick auf Maria etwas Köstliches. „Gott hat herabgesehen auf die Demut seiner Magd“, mit welcher Anmut und Eleganz sagt Maria diese Worte.

Auch wenn wir, genau wie Maria, in diesem Leben noch nicht die volle Glorie erhalten (im Himmel ist die demütige Jungfrau Maria nächst Gott die allerhöchste Person), so erleben wir, ebenso wie Maria, dass die Demut, die echt gelebte und empfundene Demut uns keineswegs klein macht und in den Hintergrund drängt, sondern im Gegenteil, dass wir schon hier zu einer Fülle gelangen, die der stolze Mensch vergeblich sucht.

Unlängst feierten wir das Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Wahrscheinlich ist es uns aufgefallen, dass die drei göttlichen Personen im Umgang miteinander ebenfalls die Tugenden leben, auch und besonders die Demut („Der Sohn tut nur, was der Vater ihm sagt“ „Der Geist wird euch alles lehren, er wird von dem Meinen nehmen und euch geben“ – jede einzelne Person tritt gegenüber den anderen zurück), damit wir davon lernen.

In der Sprache der Welt ist Demut oft ein Fremdwort, in der Welt Gottes der Schlüssel zur Fülle.

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Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).