Impuls zum Christkönigsfest

König der Könige

| 1566 klicks

Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 23. November 2012 (ZENIT.org). - Im Evangelium des letzten Sonntags im Jahreskreis wird besonders deutlich, wie sehr das Königtum Christi bei seinem ersten Kommen verhüllt ist. Noch klarer gesagt, seine Allherrschaft zeigt sich, im Verhör vor Pilatus, als die schiere Ohnmacht. Dass dieser geschundene und gepeinigte Mann, der zitternd vor Pilatus steht, der König der Könige ist, das kann sich wirklich niemand vorstellen. Pilatus fragt, halb spöttisch, halb ahnend: „Bist du der König der Juden?” (Joh 18,33b). Der Römer, der sich von den Streitigkeiten der Juden bewusst distanziert, kann sich andererseits aber auch gar nicht vorstellen, dass dieser Mann, aus dessen Augen die reine Wahrheit blickt, ein Verbrecher sein soll. Die Antwort Jesu sollte ihm zu denken geben: „Ja, ich bin ein König, aber mein Reich ist nicht von dieser Welt” (vgl. Joh 18,35).

Wieder scheint, wie so oft im Leben und in der Lehre Jesu, das große Paradoxon des Christentums auf. So wie in einigen der Seligpreisungen, wo gepriesen wird, was in den Augen der Menschen negativ ist, wie arm sein, Verfolgung leiden, um Christi willen beschimpft und verleumdet werden. Allerdings gibt die kurze Antwort des Herrn an Pilatus auch gleich die Lösung dieses Problems: der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Er erklärt sich aus der beschränkten Sicht, die wir in „dieser Welt” haben. In der anderen Welt, wo wir mehr sehen, werden alle diese Widersprüche aufgelöst sein.

Also ist etwas falsch an dieser Welt?

Die Antwort muss lauten: nicht an der Welt, sondern an den Menschen, wie sie in dieser, sagen wir postparadiesischen Welt leben. Im Gegensatz zur jenseitigen Welt gelten hier Gesetze und Begriffe, die oft nicht wirklich, die nicht vollständig wahr sind.

Pilatus repräsentiert in gewisser Weise den nur irdisch gesinnten Menschen. So wie er denken auch heute viele, sogar viele Christen. Wenn man keinen Begriff von der jenseitigen Welt hat, wenn man nicht erkennt, dass es außer der sichtbaren auch die unsichtbare Welt gibt (wie wir im Glaubensbekenntnis sagen), dann ist fast alles an der Person Jesu, des Gottmenschen, unverständlich. Viele seiner Äußerungen scheinen dann seltsam oder übertrieben (z.B. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert”, Matth. 10,37).

Eigentlich gibt es nur einen Zug am Wesen Jesu, der alle, auch die nur materiell Gesinnten, überzeugt: seine Liebe. Tatsächlich ist die Liebe zugleich das Unterste und das Höchste. Die Liebe, die ja Gott selber ist, vereinigt alle Gegensätze und hebt sie auf. Durch die Liebe erfasst Gott zunächst alle, auch diejenigen, die ganz unten sind. Aber auch die edelsten Menschen lassen sich von seiner Liebe ansprechen. Durch die Liebe führt er dann alle, die sich darauf einlassen, in die Höhe, in die unvorstellbare Liebesseligkeit des Himmels.

Christus musste sich bis zur äußersten Erniedrigung herablassen (Kenosis, wie es die Kirchenväter nennen), sein wahres Königtum nicht nur verbergen, sondern in den Schmutz ziehen lassen, um jeden, auch den untersten, zu seiner wahren Herrschaft zu führen, zu seinem „Reich der Wahrheit und des Lebens, dem Reich der Heiligkeit und der Gnade, dem Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens” (Präfation vom Christkönigsfest).

Die grenzenlose Macht Christi ist in dieser Welt nur mit den Augen des Glaubens zu erkennen. Erst am Ende der Welt, wenn er „wiederkommt in Herrlichkeit”, dann werden alle Menschen aller Zeiten vor seinem Richterstuhl erscheinen, den König erkennen und anerkennen. Dann wird alles, auch das Geheimste, offenbar werden. Denn auch das ist ein Merkmal der „irdischen Dinge”, dass es oft an der Gerechtigkeit, ja an der Sinnhaftigkeit fehlt. Es gibt Kriege, Krankheiten, Schmerz, und es gibt den Tod. Das alles wird durch Christus überwunden.

Und das ist die Botschaft dieses letzten Sonntags im Jahreskreis: Christus wird seine Allherrschaft erst dann antreten, wenn alle Menschen, die auf Erden zu erscheinen bestimmt sind, das Ziel erreicht haben: nämlich dass wir alle, wie Papst Benedikt sagt, „Liebende werden”. Wer wahrhaft liebt, der erkennt, dass Jesus vor Pilatus in Wirklichkeit der Herr ist, und seine Peiniger die Sklaven.

Bitten wir Maria, die Königin an der Seite Christi, dass sie uns in die tiefsinnige Herrschaftsform der Liebe immer mehr einführt.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.