Impuls zum Dreifaltigkeitssonntag

Die Christenheit oder Europa

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 568 klicks

Unter diesem Titel veröffentlichte der protestantische Dichter Friedrich von Hardenberg, besser bekannt als Novalis, im Jahre 1799 einen Aufsatz über die geistigen Grundlagen Europas. Er beschreibt die Entwicklung des Kontinents vom Mittelalter herkommend, das er in einer gewissen Verklärung sieht:

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegendsten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte.“

Das, was die verschiedenen Völker Europas zusammenband, war nach Novalis der katholische Glaube. Durch Reformation und Aufklärung wurde diese Einheit, die also nicht nur eine Einheit im Glauben war, zerstört („Mit der Reformation war’s um die Christenheit getan“, NovalisErstdruck in: Schriften, 4. Auflage, Berlin (Reimer) 1826). Und der Dichter fragt sich, wie kann Europa erneut zu einer dauerhaften Einheit kommen?

Wahrscheinlich hat er eine idealisierte Sicht des katholischen Glaubens der alten Zeit, wenn er schreibt:

„Angewandtes, lebendig gewordenes Christentum war der alte katholische Glaube.... Seine Allgegenwart im Leben, seine Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an der Armut, Gehorsam und Treue machen ihn als echte Religion unverkennbar und enthalten die Grundzüge seiner Verfassung“.

Spätestens jetzt können sich zwei Fragen auftun.

1. Ist der katholische Glaube, wie wir ihn heute kennen, eigentlich der gleiche? und

2. Wäre es realistisch, im heutigen Europa auf solche Ideen zurückzugreifen?

Zur ersten Frage müsste die Antwort lauten: ja, das alles gilt auch heute. Nicht alles wird eingehalten, aber auch das war immer schon so.

Zur zweiten Frage wird man kaum zustimmen können, denn Europa hat sich durch Reformation, Aufklärung und Zuwanderung tatsächlich in ein pluralistisches Gebilde verwandelt, wo sich keinerlei geistiges oder gar religiöses Band mehr finden lässt, das alle als verbindlich ansehen würden.

In unseren Tagen erleben wir, dass jedenfalls das Geld als einigendes Band nicht ausreicht. Statt zu einigen, ist es immer wieder Anlass zu Streit und Unfrieden. Kein Wunder, denn bei aller Nützlichkeit ist es doch auch der Mammon, vor dem Jesus, der Herr, warnt.

Aber auch in einer pluralistischen Gesellschaft kann es etwas Geistiges geben, auf das sich Christen, Muslime, Atheisten einigen könnten. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag eine mögliche Richtung angezeigt. Er sagte, es gibt eine natürliche Rechtsordnung, die der Natur des Menschen und den Erfahrungen der Völker entspricht. Es ist ja kein Zufall, dass die Zehn Gebote dem Inhalt nach geistiges Patrimonium aller Völker und Kulturen sind. Würde man das Naturrecht in entsprechender Form für das Zusammenleben der Menschen und Kulturen aufbereiten, wäre ein breites, tragfähiges Fundament gegeben. (Und dass Religion und Staat getrennt sind, ist nicht ein Rückschritt.)

Aber genau da liegt das Problem. Es gibt in den entscheidenden Gremien Europas Kräfte, die eine Ideologie als Grundlage für das europäische Zusammenleben promovieren wollen, die der Natur des Menschen eben gar nicht entspricht.

Von Brüssel kommen immer mehr Anweisungen, die in das Leben der Menschen eingreifen. Es werden ja nicht nur die einzig zu verwendenden Glühbirnen vorgeschrieben, damit könnte man leben, sie sind vielleicht sogar ganz sinnvoll. Aber wenn man vorschlägt, statt Vater und Mutter „Elter 1“ und „Elter 2“ zu verwenden, oder wenn man den aufnahmebereiten Ländern in Südosteuropa nahelegt, sie sollten mehr Sex haben und die dazu notwendigen Vorkehrungen treffen, dann sieht man, wie eine Gender-Ideologie ihr Haupt erhebt, die der Natur des Menschen durchaus nicht entspricht. Eine Ehe war bisher nicht nur bei den Christen, sondern in buchstäblich allen Kulturen ein Bündnis zwischen einem Mann und einer Frau, das deshalb privilegiert behandelt wurde, weil es in ihr um die Hervorbringung menschlichen Lebens geht.

Aber vielleicht ist es der positive Nebeneffekt der Gender-Ideologie („ob ich Mann bin oder Frau, bestimme ich selbst“), dass verschiedene gegen die Natur des Menschen gerichtete Lebensformen durchexerziert werden, und dass dadurch erst deutlich wird, wie haltlos sie sein können.

Wir feiern das Dreifaltigkeitsfest, das uns daran erinnert, dass wir zwar im Zusammenleben der Menschen nach der natürlichen Vernunft handeln können (besser gesagt: sollen), dass aber im Blick auf Gott die natürliche Vernunft nicht genügt. Der Verstand kann erkennen, dass Gott existiert (I. Vatikanisches Konzil), aber er kann nicht wissen, wie Gott ist. Da bedarf es der Offenbarung durch Gott selber. Dass Nicht-Christen die Lehre von der Dreifaltigkeit nicht annehmen, wird uns nicht wundern, und wir werden sie auch keinem aufdrängen.

Wer sie aber akzeptiert, wird reich belohnt. Er wird feststellen, dass er nicht nur in angemessener Weise ein natürliches Leben auf Erden führen kann, zusammen mit Menschen anderen Glaubens. Vielmehr wird ihm bewusst, dass, wenn er der Offenbarung glaubt, sein Leben emporgehoben wird, bis in die Allerheiligste Dreifaltigkeit hinein. Aber schon in diesem Leben darf er sich bewusst sein, dass er wirklich ein Kind Gottes ist, wie die Kirche heute im Kommunionvers betet: „Abba, Vater!“

Novalis weist im Zusammenhang mit der Bedeutung eines christlichen Europas auf die Rolle der Gottesmutter hin:

„Sie (die Kirche) predigte nichts als Liebe zu der heiligen, wunderschönen Frau der Christenheit, die mit göttlichen Kräften versehen, jeden Gläubigen aus den schrecklichsten Gefahren zu retten bereit war“ (a.a.O.).

Das wird sie auch heute tun, wenn wir sie darum bitten.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).