Impuls zum ersten Januar 2013 Hochfest der Gottesmutter

De Maria numquam satis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1267 klicks

Das II. Vatikanische Konzil war zeitweilig ein Schlachtfeld widerstreitender theologischer Ansichten. Diese Tatsache braucht uns grundsätzlich nicht zu schockieren. Jedes Ökumenische Konzil ist so. Man spricht gemeinhin von den drei Phasen eines Konzils. Die erste Phase ist die der Menschen, die zweite Phase die des Teufels und erst die dritte Phase, die dann die bleibenden Ergebnisse festhält, nennt man die Phase des Hl. Geistes. Und solange ein Glaubenssatz noch nicht fest definiert ist, kann man frei darüber diskutieren, ohne dass man deswegen weniger katholisch ist. So hat z.B. im Mittelalter die Theologenschule der Dominikaner die Aussage von der Unbefleckten Empfängnis abgelehnt. Natürlich sahen sie in Maria auch die ganz Reine, aber das Freisein von der Erbsünde sahen sie nicht. Auch der hl. Thomas von Aquin war dieser Meinung. Nun ist das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis erst im Jahre 1854 vom sel. Pius IX. verkündet worden. Bis dahin also war die Frage offen. Seit der Dogmatischen Definition aber ist dieser Glaubenssatz verbindlich und eine Diskussion darüber wäre müßig.

Das alles hat mit der Schlüsselgewalt zu tun. Wenn der Nachfolger des hl. Petrus zu einer Frage des Glaubens oder der Sitte öffentlich Stellung nimmt – ex cathedra – ist diese Aussage verbindlich. Das Beispiel zeigt aber auch, dass der Papst niemals etwas ganz und gar Neues verkündet.

Von den vier Mariendogmen ist dasjenige, das wir am 1. Januar feiern, das erste. Schon auf dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 wurde dieser Glaubenssatz feierlich verkündet. Da Jesus Christus, der Gottmensch, eine Person ist und nicht zwei – eine Person in zwei Naturen, der göttlichen und der menschlichen – ist seine Mutter nicht nur als die Mutter Jesu zu bezeichnen, sondern als Mutter Gottes.

Als Paul VI. zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils das Fest der Mutterschaft Mariens vom 11. Oktober auf den 1. Januar verlegte, war dies natürlich keine theologische Neuigkeit, aber es war auch nicht eine unbedeutende liturgische Änderung. Denn es ist ja deutlich zu erkennen, dass damit der Gottesmutter eine besondere Ehrung zuteil werden sollte. Ja mehr noch, der Papst wollte die Gläubigen dazu anregen, von nun an das ganze Jahr unter den besonderen Schutz Mariens zu stellen.

Damit hat der Papst zum Ende des Konzils einer von zwei Tendenzen den Vorzug gegeben, die schon lange vor dem Konzil in der katholischen Kirche miteinander in (manchmal legitimem) Widerstreit lagen. Nämlich die Frage, ob man die Marienverehrung weiterhin fördern und mehren oder sie zurücknehmen solle. Letzteres um den Protestanten entgegen zu kommen. Bezeichnenderweise ergab es sich während des Konzils, dass in der „menschlichen“ Phase der Konzilssitzungen die Meinung vorherrschte, man solle die Marienverehrung etwas reduzieren. Zwar müsse man auf dem Konzil über Maria Aussagen machen, aber die sollten in einer besonderen Konstitution zusammen gefasst werden, gewissermaßen am Rande der Konzilsaussagen. Während der „Phase des Heiligen Geistes“ jedoch kam es ganz anders. Die Aussagen über Maria wurden mitten in die wichtigste Konzilsdokument, nämlich „Lumen Gentium“ hinein genommen, was natürlich deutlich macht, dass die Gottesmutter mitten im Leben der Kirche ihren Platz haben soll. Das Konzil formulierte sogar ein bis dahin ungebräuchliches Wort, das die besondere Stellung Mariens im Heilsgeschehen sichtbar machte. Maria wurde als „Gefährtin des Erlösers“ bezeichnet, die ihm beim Erlösungswerk assistiert.

Marienverehrung ja, aber mit Maßen – so denken viele Christen, die nur mit dem Verstand, und nicht mit dem Herzen denken. Der Verstand sagt: nur nicht Maria zu wichtig nehmen, denn sonst wird Christus verdeckt. Nach der kalten Logik wäre das wahrscheinlich so. Allerdings zeigt die Erfahrung der Jahrhunderte das Gegenteil: je mehr Maria verehrt wird, desto leichter und schneller kommen die Menschen zu Christus.

Der nüchterne Gedanke: wir wollen Maria weniger wichtig nehmen, dann kommen wir den Protestanten näher, die sie gar nicht verehren – dieser Gedanke erledigt sich von selbst, wenn wir den Blick auf die Weltkirche lenken, heraus aus dem provinziellen deutschen Milieu. Denn würden wir das wirklich tun, wären die Orthodoxen mit einem Mal weit weg von uns, denn für sie ist die Marienverehrung eine Herzenssache.

Und noch ein Argument, das über die nüchterne Logik hinaus geht. Wer hat in Sachen Religion den besten Durchblick? Früher hätte man gesagt, die Theologen. Heute jedoch weiß jeder, dass die Aussagen der Theologen oft mit Vorsicht zu genießen sind, denn sie halten sich oft nicht mehr daran, dass ein Glaubenssatz, wenn er von der Kirche fest geschrieben ist, nicht mehr Gegenstand der Diskussion sein kann. Statt dessen haben heute sämtliche Häresien der Vergangenheit fröhliche Urständ gefeiert und werden als denkbare Alternativen zum wahren Glauben gehandelt.

Nein, den wirklichen „Durchblick“ haben zwei Kategorien von Menschen, die Heiligen und die Päpste. Die Päpste, weil sie das Charisma des unverfälschten Glaubens haben (auch wenn sie nicht ex cathedra sprechen), und die Heiligen, weil sie in ihrem Leben besonders intensiv mit der göttlichen Weisheit verbunden waren. Wer dieser Frage nachgeht, wird feststellen, dass sämtliche Heilige nicht nur auch eine Andacht zur Gottesmutter hatten, sondern dass sie alle – durch die Bank – außerordentlich große Marienverehrer waren. Von Papst Johannes Paul II. sagte man, er sei so marianisch gewesen, weil er ja Pole war. Die Aussage ist nicht korrekt, er war so marianisch, weil er Papst war. Und der hl. Bernhard von Clairvaux hat das schöne Wort gesagt: „De Maria numquam satis“ – Maria kann man nie genug loben, ehren, besingen, lieben.

Von daher kommt die Rettung, und ich wage zu sagen, auch die Erneuerung der Kirche. Maria ist nur Geschöpf, aber an ihr wollte Gott zeigen, zu welcher Höhe er einen Menschen führen kann. Und wenn es ihm gefällt, alle Gnaden durch die Hände Mariens gehen zu lassen, so werden wir es ihm wohl kaum wehren können, zumal wir die Nutznießer sind.

Beginnen wir also das neue Jahr mit Maria, der Gottesmutter, und vertrauen wir auf ihre mächtige Hilfe!

Dann wird 2013 gelingen.