Impuls zum Gründonnerstag 2012

Was empfindet das Göttliche Herz?

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 4. April 2012 (ZENIT.org). - Im Alten Bund war es streng untersagt, sich von Gott ein Bild zu machen. Nachdem aber „in der Fülle der Zeit”, also vor ungefähr 2.000 Jahren, Gott ein Mensch geworden war, entfiel dieses Verbot. Denn Jesus Christus ist wahrer Gott, aber auch wahrer Mensch, und als solcher hat er ein konkretes Äußeres, das man darstellen kann. Im Laufe der Kirchen- und der Kunstgeschichte hat es unbeschreiblich viele Darstellungen Jesu gegeben. Von seiner Menschheit können wir uns also ein relativ genaues Bild machen. Aber nicht nur von seinem äußeren Aussehen, sondern auch von seiner inneren Welt. Es gehört zu den beglückendsten Erfahrungen der Christenheit und jedes einzelnen Christen, dass Jesus Christus ein menschliches Herz hat, in dem Empfindungen sind, die wir ohne weiteres nachvollziehen können.

Wir wollen heute versuchen, uns vorzustellen, was Jesus empfunden haben mag angesichts der Ereignisse, die uns die Liturgie dieser Tage vorstellt. Im Allgemeinen beschreibt die Hl. Schrift ja nicht die Gefühle und Gedanken der einzelnen Personen. Sehr nüchtern und sachlich wird berichtet, was geschieht und allenfalls, was die Personen sagen. Was sie aber denken, muss der Leser zwischen den Zeilen lesen. Als Abraham mit dem jungen Isaak den Berg Moriah hinaufzieht, um dort sein Liebstes, das Kind der Verheißung, Gott zu opfern, wird nur das Äußere geschildert. Dass sein Herz zwischen Gehorsam und innerem Schmerz ganz zerrissen ist, muss der Leser oder Hörer selber erkennen.

Eine Ausnahme bildet die Szene am Ölgarten, als Jesus angesichts des bevorstehenden Leidens zittert und zagt und seinen Vater bittet, er möge wenn möglich den Kelch an ihm vorübergehen lassen.

Heute am Gründonnerstag möchte ich Sie einladen, dass wir gemeinsam versuchen uns vorzustellen, was Jesus empfunden haben mag, als er das Geheimnis der Eucharistie einsetzte.

Drei Jahre zuvor hatte Johannes der Täufer auf ihn hingewiesen und ihn als das Lamm Gottes bezeichnet. Jetzt, angesichts des bevorstehenden Leidens, mag er daran gedacht haben, wie es schon im Alten Bund zahlreiche Hinweise auf das Lamm gegeben hatte, dessen Blut den Menschen Rettung bringt. Die Jünger bereiten das traditionelle Paschamahl vor, von dem keiner je ahnte, dass es nur ein Vorbild war, das aber jetzt seine Erfüllung findet.

Das Paschamahl der Juden war (und ist heute genauso) eine genau festgelegte Hausliturgie, bei der der jüngste Teilnehmer – das ist in diesem Fall der junge Johannes – den Hausvorstand fragen muss: „Sag uns, wie war das damals, als der Ewige uns aus Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft geführt hat”. Darauf berichtet der Hausvorstand – in diesem Fall Jesus – das Geschehen, das im Buch Exodus im 12. Kapitel  geschildert wird. Bevor Mose die Israeliten bei Nacht aus Ägypten herausführt, müssen alle ein Mahl zu sich nehmen, das nicht nur nähren soll, sondern das eine ganz bestimmte symbolische Bedeutung hat, das Paschamahl. Denn es ist Pascha (heute Pesach), d.h. Vorübergang des Herrn. Der Herr bzw. sein Engel geht vorüber und schlägt die Erstgeburt der Ägypter bei Mensch und Tier, weil Pharao nach vielen Plagen immer noch nicht bereit ist, das auserwählte Volk der Juden in die Freiheit ziehen zu lassen. Das Mahl muss stehend und hastig eingenommen werden. Auch die Zubereitung muss schnell gehen, also kein langes Braten oder Kochen des Fleisches, es „soll über dem Feuer gebraten werden”, dazu gibt es Bitterkräuter und ungesäuertes Brot. Entscheidend ist, dass es ein „fehlerloses, männliches, einjähriges Lamm” ist.

Jesus vollzieht diese Liturgie des Alten Bundes und führt sie unvermittelt in die des Neuen Bundes hinüber. Das Lamm, das geopfert wurde, war nur ein Vorbild. Er selber ist jetzt das wirkliche Lamm, das geschlachtet wird, damit diejenigen, die sich davon nähren, ewiges Leben haben können. Das Blut des Lammes, das die Israeliten an ihre Türpfosten strichen, um den Todesengel abzuhalten, ist nun sein kostbares Blut, durch das wir vor dem Tod bewahrt werden. Und es geht nicht mehr um die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens, sondern um die Befreiung aus der Sklaverei der Sünde. All diese Parallelen zu sehen, vermittelt uns sicher ein tieferes Verständnis für das, was Christus uns im Abendmahlssaal hinterlassen hat. Jede Hl. Messe ist – auch wenn es täglich auf unserer Erde Hunderttausende Messen gibt – ein gewaltiges Geschehen, das den Alten und den Neuen Bund Gottes mit den Menschen zusammenfasst, indem alles das, was zunächst nur im Bild und Gleichnis vorhanden war, in eine höhere Wirklichkeit emporgeführt wird.

Und wie mag es Jesus zumute gewesen sein, als er sagte. „Ich habe mich sehr danach gesehnt, dieses Paschamahl mit euch zu essen”, was mag er empfunden haben, als er den Bericht des Exodus vortrug, der für ihn ja nicht eine historische Erzählung, sondern selbst Erlebtes darstellte. Denn er selbst war ja beim vierzigjährigen Durchzug durch die Wüste (Symbol für das menschliche Leben) die Feuer- und Wolkensäule, die dem Volk den Weg angab, er selbst war ja geistigerweise der Fels, aus dem Mose das lebensnotwendige Wasser herausschlug. Er selbst hatte Mose auf dem Sinai die Gesetzestafeln gegeben, die noch heute ihre Gültigkeit haben.

Schließlich ist für uns kaum nachvollziehbar, was der Herr empfand, als er seinen Leib und sein Blut in Gestalt von Brot und Wein, aber wirklich und wesenhaft sein Fleisch und Blut, den Seinen zu essen gab.

Ganz anders die Eindrücke und Gefühle der Apostel. Sie sind angesichts dieses großen Geschehens völlig überfordert. Sie sind tief besorgt, weil der Herr so traurige Andeutungen machte über seinen bevorstehenden Tod. Sie sind am Abend dieses ereignisreichen Tages müde. Und was Jesus da mit dem ungesäuerten Brot und dem Wein, den Dingen, die von dem Mahl noch auf dem Tisch stehen, macht, ist für sie in diesem Augenblick zu groß und erhaben als dass sie es in seiner Tragweite erfassen könnten. Später werden sie sich gesagt haben: wie gut, dass der Herr „einen anderen Tröster” gesandt hat, nämlich den Hl. Geist, denn erst unter seinem Einfluss sind sie in der Lage, das „Geheimnis des Glaubens” wirklich zu verstehen, oder besser gesagt, das, was wir an diesem letztlich unfassbaren Geheimnis verstehen können. Gibt das nicht auch uns einiges zu denken? Auch wir sind oft nicht auf der Höhe dessen, was das hl. Messopfer eigentlich für uns bedeutet. Dass jede hl. Messe nicht nur das letzte Abendmahl, sondern auch das Leiden und den Tod Christi, und schließlich auch noch seine Auferstehung gegenwärtig setzt.

Aber der Geist „hilft auch unserer Schwachheit auf”. Ihn können wir immer wieder um den notwendigen übernatürlichen Blick bitten, der für die angemessene Feier und Mitfeier der Eucharistie unbedingt erforderlich ist. Der Heilige Geist wird uns auch dabei helfen, nicht nur das eucharistische Geheimnis für wahr zu halten und zu respektieren, sondern darüber hinaus uns die Regungen und Wünsche des göttlichen Herzens zu eigen zu machen, die Christus bewogen haben, sich in dieser Weise dem Vater hinzugeben und gleichzeitig sich den Menschen auszuliefern. Ja, auszuliefern! Die Menschen können mit der Heiligen Hostie machen, was sie wollen, und manche tun es auch.

Logische Schlussfolgerung: wenn Christus wirklich in jeder Eucharistiefeier zugegen ist, dann wird er auch genauso wie damals im Abendmahlssaal das Verhalten der Menschen in seinem Herzen wahrnehmen. Der allherrschende Gott empfindet mit einem menschlichen Herzen! Mit anderen Worten, es ist ihm gar nicht gleichgültig, wie wir uns der Eucharistie gegenüber verhalten. Ob wir ihn ehrfürchtig und dankbar bei uns aufnehmen oder ob wir gedankenlos oder gar unvorbereitet zu ihm kommen. So schlicht und so bescheiden ist die Hl. Hostie, dass der Mensch entsprechende Vorkehrungen treffen muss, sonst ist ihm nicht bewusst, dass er nicht „etwas”, sondern „jemanden” empfängt.

In dem Zusammenhang sei auch auf die gebotene Osterbeichte hingewiesen (zwischen Aschermittwoch und Pfingsten).

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.