Impuls zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis und dem 2. Adventssonntag

Ein Volk von Gottlosen?

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 7. Dezember 2012 (ZENIT.org). ‑ Liturgisch ist diese Zeit im Kirchenjahr geprägt durch die beiden großen adventlichen Gestalten Maria und Johannes der Täufer.

Zunächst begegnet uns an diesem 2. Adventssonntag Johannes, wie er, der seine Kindheit und Jugend in der Wüste verbracht hat, dem zum Jordan strömenden Volk mehrere Bußpredigten hält, die sich gewaschen haben. Moderne Wellness-Christen könnten sich über seine Wortwahl nur entrüsten. „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entgehen könnt?“ (Lk 3,7)

Vom Gericht war schon am vorigen Sonntag die Rede. Es hilft alles nichts: die Frohbotschaft wäre unvollständig, wenn man die gewaltige endzeitliche Macht des Erlösers und den Ernst des Weltgerichts ausklammern wollte. Wenn nun Johannes der Täufer solche Töne anschlägt, dann ist das keineswegs eine „Drohbotschaft“, sondern, wie alles, was von Gott kommt, Zeichen seiner großen Liebe zu uns. Seiner Liebe, die uns nicht umschmusen, sondern uns retten will.

Auf welche Zuhörer trifft diese Botschaft heute?

Versuchen wir einen kleinen historischen Rückblick. Die Älteren erinnern sich: nach dem 2. Weltkrieg war nach 12 Jahren offiziell verordneter Gottlosigkeit der Hunger nach Gott ziemlich groß. Die Kirchen waren voll. Bußprediger wie Pater Leppich fanden großen Zulauf. Dann kam der Wohlstand. Viele sagten sich: Muss man das alles so ernst nehmen?

Nächste Phase: ein gewisser Gotteshass repräsentiert durch einige Organe der veröffentlichten Meinung, die sich mit regelrecht missionarischem Eifer darum bemühten, die Menschen von Gott zu entwöhnen. Natürlich hat sich die Mehrheit nicht zum Atheismus bekehren lassen. Denn konsequenter Atheismus kann ganz schön anstrengend sein. Eigentlich ist ein Atheist, der sein Auffassungen wirklich ernst nimmt, ein tiefgläubiger Mensch: Er glaubt ja fest daran, dass es Gott nicht gibt. Ende des 20. Jahrhunderts entfaltet sich mit Macht ein lockerer Agnostizismus, das heißt die Auffassung, dass man über Gott nichts sagen kann. Kann sein, dass es ihn gibt oder auch nicht. Brauchen tun wir ihn eigentlich nicht. Wir warten einfach ab. Nicht besonders originell, die Religion wird einem gleichgültig.

In den letzten Jahren jedoch feiert ein oft verbissener Atheismus mehr oder weniger fröhliche Urständ. Zunächst gerät das Bodenpersonal ins Visier. Man greift den Papst an und verhöhnt ihn. Und mit ihm die geistlichen Gemeinschaften, die zu ihm halten. An theologischen Fakultäten ruft die Erwähnung des Hl. Vaters nur ein ironisches Lächeln hervor. Dann aber geht es gegen Gott selbst. Die „Zeit“ titelt in ihrer neuesten Ausgabe „Wo Gott nichts zu suchen hat“ und bringt Michelangelos Bild der Erschaffung des Menschen mit einer abweisenden Hand Adams gegenüber Gott. Das Bild ist entlarvend: Der Mensch weiß sich als Geschöpf Gottes, will aber nichts mehr von ihm wissen.

Dann aber: Im gleichen Regal im Supermarkt steht eine Zeitschrift mit dem großen Foto eines Mannes mit der Bildunterschrift „Der Erlöser“. Bevor man erleichtert aufatmet, stellt man fest, es ist die Sportzeitschrift „11 Freunde“, und der Erlöser ist ein prominenter Fußballspieler.

Fazit: Sind wir ein Volk von Gottlosen geworden, die Gott ablehnen und mit den Begriffen der Religion ihren Schabernack treiben? Sicher nicht! Wir haben nur eine subtile Meinungsdiktatur von einigen Cliquen, die ihre abgedrehte (so nennt man das heute) Weltanschauung der Allgemeinheit überstülpen wollen. Die suggestive Macht der Medien erreicht tatsächlich manches. Dennoch ist an christlicher Grundsubstanz in unserem Volk noch viel vorhanden. Aber es fehlt das, was man anderenorts „innere Führung“ nennt. Religionsunterricht und vielfach auch die Sonntagspredigten sprechen von vielen guten Dingen, blenden aber das Wichtigste aus. Es ist da die Rede von sozialem Engagement, von Toleranz, und auch von der Barmherzigkeit Gottes. Aber oft erfahren die Menschen nicht, warum Gott eigentlich barmherzig sein soll, wo ich doch schon alles richtig mache.

Aber ein Unbehagen bleibt. In der Lesung aus dem Philipperbrief gibt uns am heutigen 2. Adventssonntag der hl. Paulus einen guten Hinweis: „Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,10) Worauf kommt es an? Eigentlich ganz einfach: es kommt darauf an, Gott den Schöpfer sein zu lassen und den Menschen Geschöpf. Alles Weitere ergibt sich daraus. Es ergibt sich, dass die Unvollkommenheit des Menschen nicht von Gott in ihn hineingelegt worden ist (Gott macht nur Gutes), sondern dass er manchmal einfach falsch handelt.  Daraus folgt Schuld, Sünde. Das Schuldbewusstsein, vom Schöpfer in den Menschen hineingelegt, ist die Kontrollinstanz, die meistens ganz gut funktioniert. Aber was dann kommt - da zeigt es sich, dass es uns oft an der „Einsicht“ und dem „Verständnis“ fehlt, um die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Um die Schuld loszuwerden, die den Menschen bedrückt, finden sich verschiedene Lösungen, von denen nur eine die richtige ist. Man kann die Schuld ignorieren oder vergessen, man kann sie kleinreden, man kann die Sünde als das Richtige deklarieren. Aber es will meistens nicht gelingen. Überraschenderweise ist die richtige Lösung zugleich die einfachste: die Schuld erkennen und bereuen. Und dann erfährt man die unglaubliche Barmherzigkeit Gottes, denn er verzeiht buchstäblich alles. Einzige Voraussetzung die Reue und dann, wenn möglich, die Beichte. Die Reue wiederum erfordert Demut.

Am Vortag des 2. Adventssonntags, am 8. Dezember, feiert die Kirche das Hochfest der „Ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, kurz „Unbefleckte Empfängnis“. Da Maria ohne Sünde ist, auch ohne die Erbsünde, ist für sie die Demut ein ganz natürlicher Zustand. Bitten wir sie, die unser aller Mutter ist, um diese so wichtige und zugleich oft verkannte Tugend. Der wahrhaft große Mensch ist tatsächlich der demütige Mensch. Wir sehen es deutlich an Jesus Christus, dem gewaltigen Weltenrichter, der sich uns Menschen als einfaches Kind in der Krippe zeigt. Wenn wir also in diesen adventlichen Tagen unseren Blick auf Johannes und Maria richten, wird es uns relativ leicht fallen, „den alten Menschen abzulegen und den neuen Menschen anzuziehen“ (vgl. Eph 4,22 ff).

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt „ und „Leo - Allah mahabba“.