Impuls zum Karfreitag

Jesus ist der Gottesknecht, der alles auf sich nimmt

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1097 klicks

Jahrhunderte vor Christus hat der Prophet Jesaja das Leiden Christi, dessen Betrachtung am heutigen Karfreitag seinen Höhepunkt findet, vorhergesagt. Zum Teil mit erschütternden Einzelheiten, so dass man fast den Eindruck hat, er wäre dabei gewesen.

Statt uns damit aufzuhalten, ob es überhaupt möglich ist, ein zukünftiges Geschehen nicht nur zu erahnen, sondern sogar im Detail zu beschreiben, wollen wir Gott dafür danken, dass er in der Tat im Alten wie im Neuen Bund alle großen Ereignisse hat vorhersagen lassen. Das ist hundertfach nachgewiesen.

In erster Linie tut er das, um die Menschen zu stärken und zu trösten, aber auch um sie aufzurütteln, wenn es darum geht, dass sie ihr falsches Verhalten ändern sollen. In den seltensten Fällen haben die Menschen das befolgt, wie in dem Beispiel des Propheten Jona, der – sogar ziemlich uninteressiert – der Stadt Ninive den Untergang ankündigt, wenn sie sich nicht bekehrt. Zu seiner Überraschung aber haben die Niniviten Buße getan und der Untergang blieb aus.

Anders bei der Prophezeiung über die Wegführung des Volkes nach Babylon. Sie wurde von mehreren Propheten mehrfach vorausgesagt, natürlich immer mit der Bedingung „es sei denn dass ihr euch bekehrt.“ Hier geschah das allerdings nicht.

Aber Gott hat nicht nur das Schwere voraussagen lassen, sondern häufiger noch das Heilsame. Denken wir an die allererste Prophezeiung im sogenannten Protoevangelium, wo Gott unmittelbar nach dem Sündenfall der ersten Menschen bereits den Retter vorhersagt.

Dieser Retter, der Messias, den das auserwählte Volk Jahrhunderte lang erwartete, ist Jesus Christus, der Sohn der „Frau“ (Gen 3,15), jener Frau, Maria, die mit der Kraft ihres göttlichen Sohnes der Schlange den Kopf zertritt.

Viele hundert Jahre später, als die Ankunft des Messias schon relativ nahe bevorstand (wenngleich immer noch acht Jahrhunderte bis zur Erfüllung der Prophezeiung vergehen mussten), „sieht“ der vom Heiligen Geist erfüllte Prophet Jesaja, wie der Messias zunächst nicht als machtvoller König auftritt, sondern als ins Elend geratener Gottesknecht sein Erlösungswerk vollbringt. Eben nicht, wie alle dachten, durch seine göttliches Wirken, sondern durch sein geduldig ertragenes Leiden.

„Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. Viele haben sich über ihn entsetzt, denn er sah entstellt aus, nicht wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen.“ (Aus dem Vierten Lied vom Gottesknecht, Jes 52,13 ff).

„Er hatte keine schöne und edle Gestalt, und niemand von uns blickte ihn an. Er sah nicht so aus, dass er unser Gefallen erregte. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit der Krankheit vertraut. Wie ein Mensch, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er bei uns verfemt und verachtet.“

Nach diesem zunächst nur äußeren Eindruck schildert der Prophet, was der Grund ist für das Leiden des Unschuldigen:

„Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich genommen.
Wir meinten, er sei vom Unheil getroffen, von Gott gebeugt und geschlagen.“

Der Gottesknecht wird nicht etwa wegen seiner eigenen Fehler bestraft. Nein, unsere Sünden sind es, die ihm aufgeladen werden:

„Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden misshandelt. Weil die Strafe auf ihm lag, sind wir gerettet“.

Und noch einmal, damit wir es wirklich begreifen:

„Der Herr warf all unsere Sünden auf ihn.“

Eine Fülle von Übeln ist all es, was Jesus trifft. Nicht nur die körperlichen Misshandlungen, auch das seelische Leid, vor allen Menschen als verachtet und gescheitert dazustehen.

Dann vergleicht der Prophet ihn mit einem Lamm, das man zum Schlachten führt. Das in der Schrift so häufige Bild vom Lamm Gottes. Nicht nur dass Jesus fremde Schuld auf sich nimmt. Dazu kommt, dass er sie keineswegs widerwillig trägt – da ist nicht die Spur eines Vorwurfs gegen die eigentlich Schuldigen –, sondern mit äußerster Geduld:

„Er wurde geplagt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man wegführt, um es zu schlachten, und wie ein Schaf, das verstummt, wenn man es schert, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“

Jesus wird zu einem besonders schimpflichen Tod verurteilt. Da er nicht das römische Bürgerrecht hat, kann er sogar gekreuzigt werden:

„Bei den Gottlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und aus seinem Mund kein unwahres Wort kam“.

Ist uns wirklich klar, was wir Jesus verdanken?

„Mein Knecht ist gerecht, darum macht er viele gerecht; er nimmt ihre Schuld auf sich.“— „Denn er gab sein Leben hin und wurde zu den Verbrechern gerechnet. Er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“

Schließlich gibt Jesaja zu erkennen, dass die Sache am Ende gut ausgeht:

„Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er wieder das Licht und wird erfüllt von Erkenntnis.“

Dass er „wieder das Licht erblickt“, ist natürlich eine undeutliche Anspielung auf die Auferstehung. Was sicher damit zu erklären ist, dass für die Menschen der alten Zeit der Begriff Auferstehung noch völlig unverständlich war. Wir sehen dies ja auch bei den Jüngern Jesu, die sich bei seinen prophetischen Worten (er hat selbst seinen Tod und seine Auferstehung vorhergesagt) fragten, „was das sei Auferstehung von den Toten“ (Mk 9,10).

Maria, die Schmerzensreiche, hatte nach einer Überlieferung zu allem Leid auch noch damit zu kämpfen, dass der Teufel sie mit diesem Gedanken versuchen wollte: „Wo steht das denn in der Schrift, dass er von den Toten auferstehen wird?“

Sie, die die ganze Hl. Schrift kannte, wusste einen Moment lang darauf keine Antwort.

Dann aber erinnerte sie sich des prophetischen Wortes Jesu selbst.

So hat Maria all das Schwere mit getragen. Und ist mit ihm auferstanden.

Und das sollen auch wir!