In allem standhalten

Meditation zu den Lesungen des 1. Adventssonntags im Lesejahr C

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ROM, 26. November 2009 (ZENIT.org).- Unter dieser neuen Rubrik: "Kommentar zu den Sonntagslesungen im Jahreskreis", werden wir jeden Donnerstag an dieser Stelle eine Betrachtung zu den ausgewählten Schriftlesungen des "Lesejahres C" veröffentlichen, das mit dem anbrechenden, neuen liturgischen Jahr beginnt.

 

In allem standhalten

Meditation zu den Lesungen des 1. Adventssonntags im Lesejahr C

1 Thess 3,12-4,2; Lk 21,25-28. 34-36

Von Maria Anna Leenen

 

Sie lag ihm am Herzen. Leidenschaftlich hat er sicher viele Nächte für sie gebetet und auch am Tag immer wieder darüber nachgegrübelt, ob sie wohl standhalten werde. Erst vor kurzem hatte Paulus die Gemeinde in Thessalonich gegründet zusammen mit Silvanus, der aus der Jerusalemer Urgemeinde zu ihm gekommen war und Timotheus, der ihn seit Beginn dieser 2. Missionreise begleitete. Nach der Gründung war eigentlich eine längere Zeit des ruhigen Aufbaus mit weiterer Katechese und Mut machendem Beispiel geplant. Doch Anfeindungen, ja regelrechte Tumulte um die Missionare zwangen sie bei Nacht und Nebel zu fliehen. Nun sitzt Paulus in Athen, zerbricht sich den Kopf und bangt um die Menschen seiner Gemeinde in Thessalonich.

Als er es nicht mehr aushält, schickt er Timotheus zurück. Und dieser bringt ihm nach einiger Zeit die gute Nachricht: Sie haben standgehalten. Sie sind im Glauben nicht schwankend geworden und sie haben an dem, was er ihnen verkündigt hat, festgehalten. Jubelnd schreibt Paulus einen Brief, der mehr als deutlich zeigt, wie groß seine Sorge gewesen ist. Er danke Gott unablässig dafür, dass sie am Gotteswort festgehalten haben und er bete darum, dass in ihnen die Liebe noch wachsen möge. „Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestig wird,“, schreibt er und zeigt damit den Grund allen christlichen Lebens auf. Nur auf diesem Fundament, auf der Liebe zueinander und letztendlich auf der Liebe zu allen kann Gemeinde bestehen, leben und beständig wachsen.

Diese Liebe, die Paulus den Thessalonichern erbittet, ist nicht zu verwechseln mit einem Gefühl der Sympathie, mit verliebtem Herzschmerz oder gar mit den berühmt-berüchtigten Schmetterlingen im Bauch. Die Liebe, von der der Völkerapostel schreibt, ist göttlichen Ursprungs. Sie ist reine, unverdiente und unverdienbare Gabe. Und sie ist nicht machbar, ist kein Produkt pastoraler Strategien oder schlau ausgetüftelter Evangelisierungskampagnen. Sie ist jedem Menschen angeboten, egal welchen Alters, welcher Rasse oder welchen Geschlechts. Man kann sie nicht kaufen noch auf Vorrat bunkern. Der kleine Mensch darf sie nur erbitten vom großen Geber der Gabe und sich immer wieder und immer neu ihm öffnen, auf dass er diese Liebe empfange in reichem, vollem, gehäuftem Maß. Diese Liebe freut sich an der Wahrheit, sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand, wie Paulus später an die Korinther schreiben wird. (1 Kor 13, 6-7)

Sich dieser Liebe zu öffnen heißt, den leisen und zarten Impulsen Gottes Raum zu geben, ihnen aufmerksam nachzuspüren und mit Mut und Ausdauer die Hindernisse aus dem Weg zu räumen – und von Gott aus dem Weg räumen zu lassen – die ihr entgegen stehen. Mehr und mehr wird so das Herz des Menschen fest und stark und standhaft werden, egal in welchen Nöten er auch stecken mag. Nicht, dass er ohne Probleme sein wird! Sorgen werden jeden Menschen sein Leben lang begleiten. Kleine und große, bedrückende oder solche, an die er kaum einen Gedanken verschwenden muss. Die Gabe der göttlichen Liebe aber wird wie eine verborgene Kraftquelle sein, die ihn belebt und ermuntert und kräftigt, so dass sein Mut nicht sinken und seine Hoffnung nicht schwinden wird. Das Wort des Paulus ist demzufolge auch keine irgendwie nette Einladung, es doch irgendwann einmal mit dieser Liebe zu versuchen.

Der Apostel erinnert mit großem Ernst an die Parusie, an die Wiederkunft Christi, der einmal mit allen seinen Heiligen kommen wird. Und die Perikope aus dem Lukasevangelium zeichnet in wenigen Strichen ein Bild dieser Zeit, die viele in Schrecken versetzen wird. Der Mensch aber, dessen Herz von der göttlichen Liebe erfüllt ist und der aus dieser Liebe heraus lebt und redet und handelt, er wird sich nicht zu fürchten brauchen an diesem Tag. Er kann sich in all der Not aufrichten und dem entgegensehen, was kommt. Darum ist es so notwendig, wachsam zu sein. Sich nicht verwirren zu lassen, weder von Vergnügen und Ausschweifung noch von den Sorgen des Alltags. Diese Ausrichtung, die am Beginn eines jeden Kirchenjahres neu eingeübt und wieder gefestigt werden muss, soll der Christ immer sozusagen als Geländer, als Stütze und Hilfe, soll er sich als innere Richtschnur einprägen. Jeden Tag, jede Stunde, wenn er allein ist und bei jeder Begegnung. Nicht als lästige Pflicht oder langweilige Übung! Sondern als Hinwendung zu dem, der allein das einzig erstrebenswerte Gut schenken kann, ja, der dieses Gut in Wahrheit ist.

[Maria Anna Leenen, 1956, lebt seit 16 Jahren als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück. Leenen arbeitet als freie Autorin und Publizistin mit dem Schwerpunkt Christliche Spiritualität, vor allem eremitisches Leben heute, Gebet und Kontemplation.www.maria-anna-leenen.de]