„In Dankbarkeit“: Gemeinsamer Brief von Bischof Huber und Kardinal Lehmann an EU-Ratspräsidentin Angela Merkel

„Nach wie vor wirksame Prägekraft des Christentums“

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BONN, 24. März 2007 (ZENIT.org).- In einem gemeinsamen Schreiben an die amtierende Präsidentin des Rates der EU, Bundeskanzlerin Angela Merkel, blicken der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, dankbar auf den „fünfzigjährigen Prozess friedlicher europäischer Einigung“ zurück. Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge wird am 25. Mai 2007 feierlich in Berlin begangen.



Bischof Huber und Kardinal Lehmann sehen in der Geschichte europäischer Einigung eine Verpflichtung „für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ und unterstreichen in diesem Zusammenhang den wesentlichen Beitrag des Christentums. Wörtlich schreiben die Hirten: „In Würdigung der nach wie vor wirksamen Prägekraft des Christentums sind die christlich-jüdischen Grundlagen Europas auch für dessen Zukunft von entscheidender Bedeutung. Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie diese Dimension Europas immer wieder öffentlich hervorheben.“

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Sehr geehrte Frau Ratspräsidentin,

in Dankbarkeit blicken wir am 25. März 2007 auf einen fünfzigjährigen Prozess friedlicher europäischer Einigung zurück, der den Bürgerinnen und Bürgern der heutigen Europäischen Union Frieden, Sicherheit und Wohlstand ermöglicht. Wir freuen uns, dass zu diesem Jubiläum der Europäische Rat und die Repräsentanten des Europäischen Parlaments sowie der Europäischen Kommission in Berlin zusammenkommen. In dieser Stadt, die die Zerrissenheit und Einigung unseres Kontinentes wie kaum eine andere widerspiegelt, wollen sie sich auf die gemeinsamen Grundlagen besinnen, die Europa in den vergangenen Jahrhunderten geprägt sowie die europäische Integration in den letzten fünf Jahrzehnten getragen haben und die für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Verpflichtung sind.

Den Kirchen war und ist der europäische Einigungsprozess, der zu Frieden und Gerechtigkeit, Sicherheit und Wohlstand für viele Menschen beiträgt, ein großes Anliegen. Wir haben dies wiederholt deutlich gemacht. Gemeinsam bestärken wir Sie, sehr geehrte Frau Ratspräsidentin, in Ihren Bemühungen, auf der Basis des vom Europäischen Konvent erarbeiteten und vom Europäischen Rat beschlossenen Textes für einen Verfassungsvertrag die Arbeit an einem der heutigen Situation in Europa angemessenen Statut für die Europäische Union wieder aufzunehmen. Dabei denken wir auch an jene Staaten, die den Entwurf bereits gebilligt haben.

Besondere Bedeutung haben dabei die historischen, kulturellen und geistigen Grundlagen Europas. Sie alle sind ganz wesentlich durch das Christentum geprägt. Zu ihnen gehört unsere europäische Geschichte in ihren Höhen und Tiefen ebenso wie die gemeinsame europäische Kultur, deren herausragenden Zeugnisse uns etwa in Architektur, Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaft begegnen. Dazu gehört vor allem ein Verständnis vom Menschen als Person, in der Individualität und Sozialität verbunden sind. Diesem Menschenbild verdankt Europa in besonderer Weise seine Identität. Es beruht in erster Linie auf dem christlich-jüdischen Verständnis vom Menschen, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat. Daraus ergeben sich die unantastbare, unveräußerliche Würde des Menschen und die Notwendigkeit, eine gerechte, solidarische und freiheitliche Gesellschaftsordnung zu gestalten. Überdies gehört es zu den Verpflichtungen Europas, für die Gerechtigkeit in der Gestaltung der Lebensverhältnisse in anderen Regionen der Erde einzutreten. Das christliche Menschenbild schließt die Achtung anderer Kulturen und Sprachen und die Toleranz gegenüber anderen religiösen sowie weltanschaulichen Überzeugungen und Lebensformen ein. Einheit in Vielfalt ist zu einem wichtigen Merkmal der europäischen Kultur geworden. Das Christentum anerkennt die Unterscheidung von Staat und Religion auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und die daraus resultierende religiös-weltanschauliche, gleichwohl auf Kooperation ausgerichtete Neutralität des Staates.

In Würdigung der nach wie vor wirksamen Prägekraft des Christentums sind die christlich-jüdischen Grundlagen Europas auch für dessen Zukunft von entscheidender Bedeutung. Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie diese Dimension Europas immer wieder öffentlich hervorheben.

Europa konnte die Spaltung der Vergangenheit überwinden und zu einer Einheit gelangen, die früher unvorstellbar gewesen wäre. Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist unser Kontinent nun dazu aufgerufen, den Weg der Einigung Europas in Verantwortung vor Gott und den Menschen weiterzugehen.

Verehrte Frau Ratspräsidentin, wir wünschen Ihnen, dem Europäischen Rat, den Repräsentanten des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission bei Ihrer für Europa so bedeutsamen Arbeit Gottes Segen!

Mit freundlichen Grüßen

Bischof Wolfgang Huber
Karl Kardinal Lehmann

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]