In den Familien entscheidet sich die Zukunft

P. Heinrich Walter, Generaloberer der Schönstatt-Patres im Interview bei der Bischofssynode

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 16. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Ein zentrales Thema bei der Bischofssynode für die Neuevangelisierung ist die christliche Familie als Hauskirche. ZENIT befragte dazu P. Heinrich Walter, Generaloberer der Schönstatt-Bewegung, der bei vielen Initiativen für Eheleute und Familie mitgearbeitet hat und selber reich an seelsorgerischer Erfahrung ist.

Er ist als solcher hier vom Heiligen Vater eingeladen worden, zum ersten Mal bei einem solchen Ereignis dabei und empfindet daher vieles als neu und spannend.

ZENIT: Ihr Redebeitrag bei der Generalkongregation hatte die Familie als Ort und Träger der Neuevangelisierung zum Thema. Sehen Sie in der zunehmenden „Verstaatlichung“ von Kindern in Deutschland (Krippen etc.…) eine Gefahr für die Familie in Deutschland?

P. Walter: Der Staat hat andere Interessen als die Kirche. Für uns als Kirche steht im Vordergrund, dass wir die Familie als Urzelle der Gesellschaft verstehen. Deswegen möchten wir die Familie in allen Bereichen schützen. Die Familie soll so viel wie möglich selber tun. Sie ist die kleineste Zelle, die kleinste Gesellschaft, die wir haben, und mit dem Prinzip der Subsidiarität sollte sie mehr Raum für sich selber bekommen. Ich würde, auch politisch, alles unterstützen, was der Familie mehr Raum lässt. Dort entsteht das eigentliche Klima, in dem die Menschen wachsen, in dem sie sich bilden, in dem sie die Religion einüben.

ZENIT: Sie haben in Ihrem Vortrag die Thematik Familie als Berufung angesprochen. Familie ist beides, übernatürliche Berufung aber auch natürliche Institution. Was sind die hervorzuhebenden Aspekte von Familie als Berufung?

P. Walter: Wir stellen fest, dass die christliche Familie in ganz unterschiedlichen Verdichtungen existiert. Es gibt Familien, ich habe das als Seelsorger selbst erlebt, die einen Ehebund eingehen und überhaupt nicht wissen, was sie da tun. Dies zeugt von einer Not, die ich immer wieder erlebe. Zum anderen kommt hier aber auch die Gesellschaft dazu. Die Familien leben in einer Gesellschaft, die ganz anders denkt. Wenn man kein Selbstbewusstsein hat, warum man so lebt, wie man leben will, dann wird es sehr schwierig. Diese Familie verliert ihre Identität als christliche Familie schnell. Daher freue ich mich, dass das Wort „Katechumenat der Familie“ von einigen Synodenvätern gebraucht wurde. In den kleinen Gesprächskreisen spricht man auch über konkretere Dinge. Da geht es zum einen um neue Modelle der Ehevorbereitung, aber auch um die Begleitung nach der Eheschließung. Man geht in den Diözesen davon aus, dass der Bischof sich um seine Priester kümmert und dass es Fortbildungskurse, Supervision etc. gibt. Das gleiche existiert für Familien nicht. Jeder muss sich  selber auf die Suche machen. Man ist sich darüber im Klaren, dass man eine schwierige Aufgabe vor sich hat, aber wenn man nicht anfängt, wird nichts geschehen.

ZENIT: Einen Anfang hat die Schönstatt-Bewegung schon gemacht, mit der „Akademie für Ehe und Familie“…

P. Walter: Es gibt in Deutschland zwei Initiativen mit dem Blickpunkt Ehe und der Familie: Die eine hat ihren Sitz in Memhölz in Süddeutschland und die andere in Mainz. Beide haben das Ziel, Multiplikatoren auszubilden für die Arbeit mit Ehepaaren in Pfarreien, Schulen, im Dekanat oder wo immer sie gebraucht werden.

ZENIT: Werden solche Initiativen für andere Diözesen auch geplant? Welche Hindernisse sehen Sie für eine weitere Verbreitung solcher Initiativen?

P. Walter: Diese Ausbildung ist sehr kostspielig für beide Seiten. Das Programm dauert  zwei Jahre, das bedeutet, die Familie muss zehn Wochenenden und zweimal eine Sommerwoche einsetzen, um diese Ausbildung zu machen. Das kostet natürlich viel Zeit und auch Geld. Deshalb nehmen nur Familien teil, die hochmotiviert sind, und die spüren, dass sie etwas für sich selber tun möchten oder dass sie eine Ausbildung suchen, um in die Gesellschaft hineinwirken zu können. Ich glaube, dass man da nicht flächendeckend ansetzen kann, sondern dass eine Diözese einmal den Vorreiter machen muss. Man wird erst Erfahrungen machen müssen, damit man später in breiterem Stil ansetzen kann. Wir müssen auch überlegen, wie man diese Arbeit mit Ehepaaren subventionieren könnte, damit es für Familien finanzierbar bleibt. Das gilt gerade für Familien mit mehreren Kindern.

ZENIT: Haben Sie als Seelsorger einen Aufruf für den Leser, was er in seiner Familie tun kann?

P. Walter: Ich denke, es ist ganz wichtig für Familien und Ehepaare, dass sie immer wieder ihre Beziehung und ihr Familienleben reflektieren.  Man muss am Ball bleiben, um die Entwicklungsprozesse bewusst vollziehen zu können. Das andere ist der Blick auf die Umgebung und die Gesellschaft. Sie sollten die Verantwortung nicht an die Bischöfe, an die Priester oder irgendjemand anders abgeben. Wo wir leben, da ist Kirche. Das ist die Einladung, eine aktive Rolle wahrzunehmen und mitverantwortlich zu handeln. Diese Hauskirche, wie hier manche gesagt haben, scheint mir für die Zukunft sehr wichtig zu sein. In den Häusern der Familien entscheidet sich die Zukunft der Kirche.