In den Wunden der Welt das leuchtende Antlitz Christi erkennen

Interview mit Msgr. Giancarlo Bregantini, Erzbischof von Campobasso-Bojano, Autor der diesjährigen Meditationen des Kreuzwegs beim Kolosseum

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 341 klicks

Er ist einer jener „Straßenpriester“ nach dem Geschmack von Papst Franziskus, die sich nicht hinter den Schreibtischen der Kurie verschanzen, sondern sich mit unermüdlichem Einsatz den Nächsten und der Diözese widmen. Auf Antrag des Papstes verfasste er in diesem Jahr die Meditationen für den am Karfreitag beim Kolosseum begangenen Kreuzweg, der von der italienischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft Rai weltweit übertragen wird. Die Rede ist von Giancarlo Bregantini. Dieser wirkt seit 2007 als Erzbischof von Campobasso-Boiano, ist Präsident der Kommission für soziale Fragen und Arbeit sowie Gerechtigkeit und Frieden der italienischen Bischofskonferenz und stand 14 Jahre lang an der Spitze der kalabrischen Diözese Locri. Als Kardinal geriet er während dieser Jahre in Kontakt mit der Armut und der organisierten Kriminalität, die er mit Leib und Seele zu bekämpfen versuchte. Ein Denkmal aus dieser Zeit ist – nicht zuletzt aufgrund des starken Echos – das Gebetsbuch „La preghiera sfida la mafia“ (Das Gebet – eine Kampfansage gegen die Mafia; eigene Übersetzung). Mit den in diesen Tagen vom Verlag „Libreria  Editrice Vaticana“ publizierten Texten für die 14 Kreuzwegstationen erwachen die 14 Jahre seines pastoralen Einsatzes nun zu neuem Leben. Mit einer radikalen und tief empfundenen Spiritualität legt der Erzbischof darin seinen Finger in die Wunden der gegenwärtigen Welt und führt Übel wie die Krise, Arbeitslosigkeit, durch Umweltverschmutzung verursachten Kindestod, Korruption und Gewalt gegen Frauen auf die Leiden Christi auf dem Weg nach Golgota zurück. Zu den genannten Themen führte ZENIT ein Gespräch mit Msgr. Bregantini. Im Folgenden veröffentlichen wir eben dieses Interview.

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Mit seinem Besuch in Campobasso und Isernia am 5. Juli und der Wahl von Ihnen zum Verfasser der Kreuzwegmeditationen erweist der Papst  der Kirche der Region Molise in zweifacher Hinsicht seine Aufmerksamkeit. Wie erleben Sie dies alles?

Msgr. Bregantini: Noch weiß ich nicht, warum mich der Papst mit der Vorbereitung der Meditationen beauftragt hat. Ich kann jedoch sagen, dass ich ihm zutiefst dankbar bin, denn durch die Kreuzwegstationen gab er mir Gelegenheit, viele Augenblicke meines Lebens noch einmal zu durchleben: die Jahre in Kalabrien, in den Fabriken in Crotone und in den Gefängnissen, dann die Zeit in der Locride mit den Herausforderungen der Mafia, und nun im Molise, einer Region an der Peripherie. All diese Erfahrungen wurden mir von Gott geschenkt und sind in positiver Weise als Augenblicke des Segens, der Gnade und der Freude, aber auch des Mutes angesichts der Herausforderungen erneut in mein Bewusstsein getreten.

Hat Ihre Diözese bereits mit den Vorbereitungen auf den Besuch des Papstes begonnen?

Msgr. Bregantini: Ja, in der Tat! Der Grund meines Aufenthaltes hier in Rom ist die Organisation der Ankunft des Heiligen Vaters. In Zusammenarbeit mit dem Bischof von Isernia und dem Päpstlichen Haus haben wir der Visite ein sehr interessantes Profil verliehen. Dabei werden vor allem vier Dinge besondere Sichtbarkeit erlangen: der ländliche Raum, die Mensa der Armen, das Gefängnis und die Kranken.

Das Thema der Meditationen lautet hingegen: „Volto di Cristo, volto dell’uomo“ (Antlitz Christi, Antlitz des Menschen). Das in Ihren Betrachtungen hervortretende Antlitz des Menschen ist das eines Arbeitslosen, eines Opfers der Korruption, der Ausbeutung, aber auch der Frauen, die Gewalt erleiden, der missbrauchten Kinder, der Kranken. Wie konnten Sie das Antlitz Gottes darin erkennen?

Msgr. Bregantini: Ich sah die Verbindung zweier Verben: Das Antlitz Christi „erleuchtet“ alle Leiden des Menschen, während das Antlitz des Menschen das Licht Jesu „verkörpert“. Die Kirchenväter sagen: „Die Erlösung können wir nur erlangen, wenn Jesus zum Menschen wird, damit der Mensch zu Gott werde“. Folglich ist das Antlitz Christi das Licht und das Antlitz des Menschen die Geschichte, die Erfüllung der Prophezeiung. Die Schönheit des Kreuzwegs besteht gerade darin, dass Jesus durch alle Leiden des Menschen gegangen ist. Davon werden besonders junge Menschen berührt, die nicht ein Buch oder eine Lektion, sondern ein blutüberströmtes Gesicht darin erkennen, das ihnen vielleicht ein Spiegelbild ihres eigenen von der Angst vor den Leiden der Gegenwart – Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder Gewalt – entstellten Gesichtes erscheint. Darin besteht die mitreißende Kraft des Kreuzweges.

Viel Raum wird auch der sozialen Realität in Süditalien gegeben, beispielsweise den Kindern, die infolge von durch giftige Abfälle verursachten Tumoren sterben, oder die Lage der Häftlinge. Als roter Faden zieht sich jedoch vor allem die Mafia durch alle Bilder, ein sehr „vertrautes“ Thema angesichts Ihres pastoralen Engagements gegen die Ndrangheta während Ihres Bischofsamtes in Locri. Bewegen wir uns hier noch im Bereich der Meditation? Kann man von regelrechten Anklagen sprechen?

Msgr. Bregantini: Die Frage der Mafia ist in den Meditationen an mehreren Stellen anzutreffen, doch ich spreche sie eigentlich nur indirekt an. Ich bezeichne sie als die Wurzel der Korruption und weiterer Verbrechen, als negative Kraft in der Gesellschaft, als Anklage gegen die Verschmutzung, die schwere Last der Wirtschaftskrise, die Selbstmorde von Unternehmern. Diese traurigen Aspekte begegnen uns Tag für Tag.

In Zusammenhang mit der Mafia möchte ich Sie fragen, was sie von den jüngsten Richtlinien der kalabrischen Bischofskonferenz halten, wonach sich Seminaristen gemäß der Empfehlung von Papst Franziskus bezüglich des „Mutes zur Anklage“ und der „Flucht vor jeder Verschwiegenheit“ Wissen über die Ndrangheta aneignen sollten.

Msgr. Bregantini: Ich bin sehr glücklich darüber! Damit konkretisieren sich viele der von mir verfassten Gedanken, viele der Entscheidungen, die ich gemeinsam mit anderen Bischöfen getroffen und im Laufe von 14 Jahren tagtäglich durchlebt habe. Ich freue mich über eine Entscheidung, die die Priester der Zukunft von ihrer Ausbildung an dazu befähigt, sich vorzubereiten, die Fakten zu deuten, anstatt sich mit dem „Geschwätz aus der Bar“ zufrieden zu geben oder in der Predigt nur Altbekanntes zu wiederholen. Das Lernen von diesen Tragödien im Rahmen des Studiums wird den Priester ihre Ängste nehmen und die Kompetenzen dazu verleihen, einer prophetischen Kirche ein neues Gesicht zu geben.

Welches der von Ihnen aufgezählten sozialen Übel ist Ihrer Meinung nach das schwerwiegendste, das am dringendsten zu beseitigen wäre?

Msgr. Bregantini: Es ist sicherlich die Arbeitslosigkeit, die Krise, die zum Prekariat führt, von dem ein Großteil der neuen Generation betroffen ist. Die jungen Menschen werden Tag für Tag mit unzähligen Tragödien konfrontiert, für deren Ursachen sie nicht verantwortlich sind. Das ist meines Erachtens das schlimmste Übel.

Ihre Meditationen handeln jedoch nicht nur vom Leiden, sondern lassen auch viel Hoffnung erkennen…

Msgr. Bregantini: Das stimmt. Die Botschaft der Hoffnung wird von vier wunderbaren Figuren verbreitet, die „das Lächeln“ des Kreuzweges entstehen lassen. Die erste dieser Gestalten ist Simon von Cyrene, der das Kreuz gemeinsam mit Jesus trägt. Ich habe ihn in allen Bereichen des Volontariates und der Solidaritätsverträge abgebildet. Anschließend begegnet uns die zärtliche Hingabe der Veronika, der Inbegriff aller ohne Gegenleistung vollbrachten Taten. Darin ist auch ein indirekter Hinweis auf den Sonntag enthalten. Dieser ist als heilig zu betrachten; ich hätte diesem Thema gerne eine eingehendere Betrachtung gewidmet. Das dritte, sehr schöne Element, sind die Frauen aus Jerusalem, denen ich am meisten Raum gegeben habe…

Aus welchem Grund?

Msgr. Bregantini: Es handelt sich um ein Thema von höchster Aktualität. Man denke nur an den Frauenmord! Ich wollte das Bild einer Frau schaffen, die nicht als Objekt, sondern als Subjekt auftritt, als Subjekt der Hoffnung… Dabei ist jedoch eine wichtige Präzisierung vonnöten. So bittet Jesus um Mitgefühl, nicht um Mitleid. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied: Während Mitgefühl einen Menschen reifen lässt, ist Mitleid erdrückend. Christus leidet und will den Frauen in ihrem Leiden nahe sein; dennoch will er nicht bemitleidet werden, sondern in Würde leiden. Daraus erwächst die entscheidende Einsicht, dass der Satz „Schau, was diesem Armen hier passiert ist…“ eine Situation nicht lösen kann. Vielmehr kann die Annahme der im Schmerz eines anderen verwurzelten Kraft zur Erlösung führen.

Schildern Sie uns bitte das vierte Element der Meditationen.

Msgr. Bregantini: Es ist die erhabene Darstellung Jesu und Mariens in der Pietà von Michelangelo. Dieses Bild der Jungfrau, die ihren toten Sohn in den Armen hält, offenbart die ganze Zärtlichkeit und Schönheit  einer Mutter, die ihren Sohn im Himmel niemals vergessen hat. Ich dachte daher an all die Mütter, die ihr Kind durch einen Unfall oder ein Verbrechen der Mafia verloren haben und dennoch spüren, dass es nicht verloren ist und geliebt wird, denn wie aus dem Hohelied hervorgeht, ist die Liebe stärker als der Tod.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihren Überlegungen?

Msgr. Bregantini: Ich habe mein Herz und alles von ihm Erlebte darin hineingelegt. Daher hoffe ich, dass sich die Leser meiner Meditationen nicht vom Gewicht des Kreuzes erdrückt fühlen. Vielmehr soll dieses Kreuz den Herzen aller Menschen die Erlösung schenken, die mir zuteil wurde.

Wie hat der Papst all diese Themen kommentiert?

Msgr. Bregantini: Noch gar nicht. Meine Begegnung mit ihm wird erst stattfinden. Ich hoffe, dass er zufrieden ist…