In der Beratungsfalle

Deutschlands Katholiken sind in der Frage der Schwangerschaftsberatung nach wie vor gespalten

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Von Professor Manfred Spieker

WÜRZBURG, 13. Juni 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Im vergangenen Jahr erinnerte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation Kardinal William Joseph Levada deutsche Bischöfe in einem Schreiben daran, klug darauf hinzuwirken, dass katholische Laien die Arbeit von „donum vitae“ nicht unterstützen, da der Verein das Zeugnis der Kirche für den Lebensschutz verdunkele. Der folgende Text setzt sich mit der innerkirchlichen Kontroverse um „donum vitae“ auseinander. Er entstammt der erweiterten zweiten Auflage des Buches „Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konflikts“, Paderborn 2008. Im Buch finden sich auch die genauen Quellenangaben.

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Der Verein „donum vitae“ ist seit dem Ausstieg der Kirche aus der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung zentraler Gegenstand innerkirchlicher Kontroversen geblieben. Zweck seiner Gründung war und ist die Fortführung der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung nach den §§ 5–7 Schwangerschaftskonfliktgesetz mit Ausstellung des Beratungsscheines entgegen der Anweisung von Papst Johannes Paul II. Organisatorisch hat sich der Verein konsolidiert als Bundesverband mit zwölf Landesverbänden und sechzig Orts- oder Regionalverbänden, die Träger der gut hundert Beratungsstellen an insgesamt mehr als 180 Orten sind. Die finanzielle Basis für dieses Netz ist nach wie vor allein die staatliche Förderung. An der Spendenzurückhaltung der deutschen Katholiken hat sich nichts geändert. Die breiten Sympathiebekundungen, die „donum vitae“ in weiten Teilen des deutschen Katholizismus genießt, machen seit der Gründung 1999 vor dem Geldbeutel halt. Die Spenden dürften weiterhin unter zehn Prozent der damals erwarteten jährlichen Summe von fünfzehn Millionen Euro liegen.

Sympathiekundgebung Kardinal Lehmanns

Die Sympathiebewegung beginnt bei Bischöfen und reicht über Priester, Laienräte, katholische Verbände, Medien und Bildungseinrichtungen bis zum ZdK und Gruppen prominenter Mandatsträger von CDU und CSU, die mit eigenen „Manifesten“ oder „Zwischenrufen“ an die Öffentlichkeit treten. Öffentliche Sympathiebekundungen deutscher Bischöfe waren zwar selten. In der Öffentlichkeit dürften sogar Distanzierungen der Bischöfe Braun, Degenhardt, Dyba, Meisner, Mixa und Schlembach überwogen haben. Später kamen auch die Bischöfe Gerhard Ludwig Müller (Regensburg) und Schick (Bamberg) hinzu. Aber die Mehrheit der Bischöfe schwieg ebenso wie die Deutsche Bischofskonferenz entsprechend der Losung von Kardinal Wetter, „weder billigen noch missbilligen“. Es war ein beredtes Schweigen. Kardinal Lehmann vermied öffentlich jede Unterstützung, hatte aber am 24. Januar 2000 im Ständigen Rat so unverhohlen sein Wohlwollen gegenüber „donum vitae“ zum Ausdruck gebracht, dass die Gründer des Vereins durchaus zu Recht behaupten konnten, sie hätten bischöfliche Unterstützung. Es sei, hatte Kardinal Lehmann erklärt, „grundsätzlich zu begrüßen, dass namhafte Laien, Frauen und Männer, sich nach den Entscheidungen zum Ausstieg aus dem gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatungssystem nicht mit der Tatsache abfinden wollten, dass der Lebensschutz für das ungeborene Kind, den sie mit vielen Bemühungen jahrelang unterstützten, vermindert werden sollte... Wir können grundsätzlich froh sein, dass die Laien in unserer Kirche angesichts der schwierigen Situation sich nicht einfach aus diesem Verantwortungsfeld des christlichen Zeugnisses für den Lebensschutz zurückziehen, sondern nach neuen Wegen suchen.“ In der ihm eigenen Dialektik unterstrich Kardinal Lehmann zwar gleichzeitig, dass die Entscheidung des Papstes, der man nicht ausweichen könne, „für Laien, Priester und Bischöfe“ gleichermaßen gelte, aber für „donum vitae“ war die anfängliche Sympathiebekundung entscheidend, zumal er wenige Zeilen später in einer erneuten Wende hinzufügte, die Entscheidung des Papstes erscheine ihm „nicht ohne weiteres reversibel..., mindestens in der jetzigen Situation“.

So verwundert es nicht, dass „donum vitae“ auch bei Priestern, Pfarrgemeinde-, Dekanats- und Diözesanräten und in vielen katholischen Verbänden verbale und logistische Unterstützung fand. Die meisten Kirchenzeitungen unterstützten „donum vitae“. In katholischen Akademien und Bildungswerken überwog ebenfalls die Unterstützung, wenngleich die Tabuisierung des Themas Schwangerschaftskonfliktberatung in den Programmen dieser Einrichtungen wie auch auf Katholikentagen noch auffallender war. Die Gefährdung des Lebensschutzes schien und scheint, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nicht zu den Zeichen der Zeit zu gehören, deren Erörterung sich diese Einrichtungen zur Aufgabe gemacht haben. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken schließlich war in den ersten Jahren von „donum vitae“ das Flaggschiff der Unterstützer. Inzwischen wird der Eindruck einer Symbiose vermieden, wenngleich niemand im ZdK die Sympathien für „donum vitae“ leugnet.

Auch die Sympathiebekundungen in katholischen Verbänden sind nach zahlreichen Distanzierungen der Glaubenskongregation und päpstlichen Ermahnungen zur Einheit von Bischöfen und Laien leiser geworden, wenngleich jede römische Stellungnahme auch gleich wieder laute und öffentliche Opposition provozierte.

Dramatischer als die äußere Konsolidierung von „donum vitae“ war die innere Entwicklung. Die ebenso heftige wie gut begründete Ablehnung der Beratungsregelung im deutschen Abtreibungsstrafrecht seitens des ZdK wandelte sich innerhalb von zehn Jahren in eine vorbehaltlose Unterstützung. Am deutlichsten spiegelt sich dieser Wandel in den Stellungnahmen von Rita Waschbüsch, die als Präsidentin des ZdK den Paradigmenwechsel im Abtreibungsstrafrecht 1992 noch als „unannehmbar“, als „ethisch unverantwortlich und verfassungswidrig“ und das neue Gesetz zutreffend als „Fristenregelung“ bezeichnet hatte, als Bundesvorsitzende von „donum vitae“ aber den leichten Rückgang der vom Statistischen Bundesamt für 2003 gemeldeten Abtreibungen als Erfolg der Beratungsregelung pries. Die Statistik bestätige, „dass das Beratungskonzept nach §§ 218/219 StGB in Verbindung mit dem Schwangerschaftskonfliktgesetz greift“. Sie forderte die Bischöfe auf, mit Rom zu sprechen, um „wieder Schwangerschaftskonfliktberatung innerhalb des gesetzlichen Systems anzubieten“.

„Donum vitae“ hat sich das einst so heftig kritisierte Beratungskonzept des Schwangerschaftskonfliktgesetzes inzwischen voll angeeignet, das von der „Ergebnisoffenheit der Beratung“ ausgeht und eine „gewissenhafte und verantwortliche Entscheidung“ der Schwangeren anstrebt. Trotz der wiederholten Betonung des Lebensrechts des ungeborenen Kindes ist dieses Beratungskonzept mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar, da für die Kirche die Tötung des Kindes keine wählbare Alternative ist. Auch das ZdK selbst identifizierte sich zunehmend mit der Beratungsregelung und pries sie als die bessere Alternative sowohl zur Indikationenregelung als auch zur Fristenregelung.

Es sei „verantwortungslos“, schrieb der Leiter der Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft im Generalsekretariat des ZdK, in den „Salzkörnern“, einem Mitteilungsblatt des Zentralkomitees, „die Beratungskonzeption in Frage zu stellen, ...weil derzeit keine im Sinne eines effektiven Lebensschutzes realisierbare Alternative im Blick ist.“ Dass die Gründung von „donum vitae“ dem bis 1995 selbstverständlichen Bündnis von ZdK und Lebensrechtsbewegung in Deutschland ein Ende machte, dokumentiert ein Brief des Generalsekretärs des Zentralkomitees Stefan Vesper an den Vorsitzenden der Juristen-Vereinigung Lebensrecht Bernward Büchner vom 23. Mai 2003, in dem Vesper schrieb: „Im Gegensatz zu Ihnen sind wir ... nicht von der ,offenkundigen Schutzuntauglichkeit des Beratungskonzeptes‘ überzeugt. Denn zum Schutz des ungeborenen Lebens hat sich der deutsche Gesetzgeber ... für ein Schutzkonzept entschieden, welches das Leben des ungeborenen Kindes – vor allem mit der Mutter und nicht gegen sie – schützt. Dieses geltende Schutzkonzept mit verpflichtender psycho-sozialer Beratung ist zweifellos ein anspruchsvolles Konzept, welches nach unserer Auffassung der Unterstützung und vor allem der konsequenten Umsetzung bedarf.“

Johannes Paul II., Benedikt XVI. und die römische Glaubenskongregation haben „donum vitae“ immer als Spaltpilz im deutschen Katholizismus betrachtet. Dies gilt auch für jene Minderheit deutscher Bischöfe, die sich öffentlich von „donum vitae“ distanzierte und für die Pro-Life-Gruppen in Deutschland. Bereits in seinem Brief vom 15. September 2000 an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber hatte Kardinal Ratzinger den „tiefen Riss“ beklagt, den „donum vitae“ in die Kirche trage. „Die Erschütterung, die sich daraus für die Christen unseres Landes in ihrem Verhältnis zur Kirche ergeben wird, kann auf längere Sicht nur äußerst negative Folgen nach sich ziehen. Das Ergebnis einer solchen Absage an die innere Einheit der Kirche wird unweigerlich sein, dass die seelische Verbundenheit der Gläubigen mit ihrer Kirche tiefgehend geschwächt und ihre Glaubwürdigkeit ernstlich gefährdet wird.“

Fundamentalistisches Kaffeekränzchen

Nur sechs Wochen später hatte Nuntius Giovanni Lajolo in einem von der Glaubenskongregation autorisierten Brief an Edelgard Leipholz festgestellt: „Der Verein ,Donum Vitae‘ befindet sich in offenem Widerspruch zu den Anweisungen des Heiligen Vaters und den Entscheidungen der Bischöfe...“ Er verdunkle „unvermeidlich das Zeugnis der katholischen Kirche, für die alle ihre Glieder – Geistliche, Ordensleute und Laien – Verantwortung tragen“. Deshalb „müssen die katholischen Gläubigen darauf verzichten“, seine Beratungsstellen zu unterstützen. Leipholz hatte den Nuntius im Namen von Mitgliedern der KFD und der KAB, die Hans Joachim Meyer daraufhin als „fundamentalistisches Kaffeekränzchen“ beschimpfte, um „eindeutige Klärung“, eventuell „durch kompetente Stellen in Rom selbst“ gebeten, ob Katholiken „donum vitae“ unterstützen dürften.

Am 4. Juli 2003 schrieb Kardinal Ratzinger einen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, der nach einer realistischen Beschreibung der auseinanderdriftenden Entwicklungen im deutschen Katholizismus und einer sachten Kritik am Schweigen der Mehrheit der Bischöfe die Bitte an die Bischöfe enthielt, nicht nur sich selbst von „donum vitae“ zu distanzieren, sondern auch dafür zu sorgen, „dass Priester, Mitglieder von kirchlichen Räten, katholische Verbände sowie kirchliche Zeitungen und Bildungseinrichtungen die Tätigkeit von ,donum vitae‘ nicht unterstützen“. Der Verein habe inzwischen dank massiver staatlicher Unterstützung „in fast allen Teilen Deutschlands Fuß gefasst“ und fördere „separatistische Tendenzen unter den deutschen Katholiken“. Einige Bischöfe hätten sich klar und deutlich gegen ,donum vitae‘ ausgesprochen und die Gläubigen aufgefordert, den Verein nicht zu unterstützen. Die Mehrheit habe es jedoch vorgezogen, „den Verein bloß zur Kenntnis zu nehmen, ohne ihn zu billigen oder zu missbilligen“.

Der Adressat des Briefes, Kardinal Lehmann, hatte jedoch kein Interesse, der Bitte der Glaubenskongregation nachzukommen – angesichts seiner zitierten Sympathiebekundungen für die Gründer von „donum vitae“ kein Wunder. Der Brief wurde weder der Herbstvollversammlung noch späteren Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt. Es dauerte fast drei Jahre, bis sich der Ständige Rat zu einer abgrenzenden Stellungnahme durchrang, die jedoch mehr neue Fragen aufwarf als alte beantwortete. Die Bischöfe erklärten am 20. Juni 2006, „donum vitae“ stünde „außerhalb der katholischen Kirche“. Zwischen den Beratungsstellen der SkF und jenen von „donum vitae“ seien „keine institutionellen und personellen Kooperationen möglich“.

Sie baten die Gläubigen, „die in den kirchlichen Räten und Mitwirkungsorganen sowie in den kirchlichen Verbänden und Organisationen Verantwortung übernahmen, zum Zweck der größten Klarheit des kirchlichen Zeugnisses auf eine leitende Mitarbeit in ,donum vitae‘ e. V. zu verzichten“. Diese Formulierungen warfen sofort die Frage auf, ob Gläubige, die keine Verantwortung in kirchlichen Räten und Verbänden übernommen haben, sondern nur einfache Mitglieder sind, bei „donum vitae“ mitarbeiten dürfen und ob, wenn nur auf die „leitende“ Mitarbeit zu verzichten sei, dann auch eine nichtleitende Mitarbeit unmöglich sein sollte. In der Erklärung der Bischöfe steckte eine dialektische Botschaft: Mitwirkung bei „donum vitae“ ist zugleich verboten und erlaubt.

„Zwischenruf“ deutscher Politiker

Auch der Glaubenskongregation war die Dialektik dieser Botschaft, die Kardinal Lehmann am 21. Juni 2006 nach Rom geschickt und bei seinem Antrittsbesuch beim neuen Präfekten der Kongregation Kardinal Levada am 2. Oktober 2006 erläutert hatte, nicht entgangen. Kardinal Levada schrieb am 5. Oktober 2006 an Kardinal Lehmann, die deutschen Bischöfe mögen „entschieden darauf hinwirken, dass die Gläubigen ... nicht nur auf eine leitende Mitarbeit in ,donum vitae‘ e. V., sondern auf jegliche Unterstützung dieses Vereins verzichten“. Dieses Bemühen sei „umso notwendiger, als einflussreiche katholische Politiker, die hohe Ämter im Zentralkomitee der deutschen Katholiken bekleideten“, dazu aufgerufen hätten, „donum vitae“ weiterhin zu unterstützen.

Die Politiker – darunter Hans Maier, Bernhard Vogel, Annette Schavan, Friedrich Kronenberg und Hanna-Renate Laurien – hatten mit einem „Zwischenruf“ vom 20. Juli 2006 der Erklärung der Bischöfe vom 20. Juni widersprochen. „Donum vitae“ stünde nicht außerhalb der Kirche. Man betrachte die Erklärung des Ständigen Rates als dem Druck Roms geschuldetes abschließendes bischöfliches Bemühen um die Einheit der Kirche. Die Katholiken sollten sich aber nicht davon abhalten lassen, die Arbeit von „donum vitae“ weiter nach Kräften zu unterstützen. Die Bischöfe reagierten weder auf den „Zwischenruf“ noch auf den Brief von Kardinal Levada, den Kardinal Lehmann am 27. Oktober 2006 an die Diözesanbischöfe weitergeleitet hatte, nicht ohne in seinem Begleitbrief zu bemerken, dass er jede derartige Reaktion für kontraproduktiv halte.

Als dann das Thema „donum vitae“ beim Besuch Benedikts XVI. in seiner bayerischen Heimat im September 2006 keine Rolle spielte und die Bischöfe von ihrem Ad-limina-Besuch in Rom im November 2006 mit hörbaren Seufzern der Erleichterung zurückkamen, weil „donum vitae“ auch dort keine Rolle gespielt hatte, ja dem neuen Präfekten der Glaubenskongregation William Kardinal Levada beim entsprechenden Stichwort nur die Erklärung der Glaubenskongregation zur künstlichen Befruchtung „Donum vitae“ vom 10. März 1987 eingefallen sei, hatte offenkundig auch „Rom“ den Eindruck, es sei an der Zeit, eine korrigierende Klarstellung vorzunehmen. So schrieb Kardinal Levada am 12. Februar 2007 an den damaligen Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz Kardinal Wetter, er solle „klug und entschieden“ darauf hinwirken, dass die Gläubigen „nicht nur auf eine leitende Mitarbeit bei donum vitae e. V., sondern auf jegliche Form der Unterstützung verzichten“.

Einmal mehr wurde in Erinnerung gerufen, dass die Entscheidung Papst Johannes Pauls II., den Beratungsschein nicht mehr auszustellen, „für alle Glieder der Kirche“ gelte, und dass „donum vitae“ die Einheit zwischen Bischöfen und Gläubigen unterhöhle. Kardinal Wetter wurde gebeten, „die Überzeugungsarbeit bei Repräsentanten kirchlicher Räte und Organisationen sowie bei den katholischen Politikern fortzusetzen“. Diese Bitte war gewiss diplomatischer Höflichkeit geschuldet, ist es in Bayern doch kein Geheimnis, dass es eine derartige Überzeugungsarbeit des ehemaligen Kardinals von München zumindest bei Politikern nicht gab. Rita Waschbüsch reagierte auf diesen Brief gereizt. Sie erwarte, dass die bei „donum vitae“ engagierten Katholiken von ihren Bischöfen „in Schutz genommen werden vor ehrabschneiderischen und unwürdigen Verleumdungen, die ihnen Beteiligung an der Tötung Ungeborener und Handeln gegen die Kirche unterstellen“.

Nicht „donum vitae“, sondern „die Denunzianten“ gefährdeten die Einheit der Kirche. Es sei Sache der Bischöfe, „ob sie sich erneut durch einen in Rom erbetenen Brief von einigen wenigen Ultras und ihrem Sprachrohr, einem erzkonservativen Würzburger Nischenblatt, vorführen lassen“. Sowohl die Sprache dieser Stellungnahme als auch die Unterstellung, die Glaubenskongregation in Rom ließe sich von wem auch immer instrumentalisieren, zeigten, dass der Einsatz für „donum vitae“ nicht nur im Hinblick auf die Einschätzung der Beratungsregelung im deutschen Abtreibungsstrafrecht, sondern auch im Hinblick auf das Leben und die Mission der Kirche zu einer Art Realitätsverweigerung führt und zunehmend Feindbilder konstruiert.

Die direkten Interventionen der Glaubenskongregation in Sachen „donum vitae“ wurden seit den Mahnungen Johannes Pauls II. im November 1999 zu einem einheitlichen Vorgehen in der Schwangerschaftskonfliktberatung mehrfach flankiert von allgemeinen Appellen an die Laien, in grundlegenden ethischen Fragen die Übereinstimmung mit der katholischen Soziallehre zu wahren. In ihrer „Lehrmäßigen Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“ vom 24. November 2002 stellte die Glaubenskongregation fest, es sei in jüngerer Zeit gelegentlich vorgekommen, „dass – auch innerhalb einiger Vereinigungen und Organisationen katholischer Prägung – Positionen zugunsten politischer Kräfte und Bewegungen vertreten wurden, die in grundlegenden ethischen Fragen von der Moral- und Soziallehre der Kirche abweichen“. Solche Positionen widersprächen grundlegenden Prinzipien des christlichen Gewissens und seien „nicht mit der Zugehörigkeit zu Vereinigungen und Organisationen vereinbar, die sich katholisch nennen“. Diese Feststellung konnte auch auf die „Catholics pro Choice“ und auf katholische niederländische und belgische Christdemokraten bezogen werden, die die Legalisierung der Abtreibung und Euthanasie unterstützten, aber sie war gewiss auch an „donum vitae“ gerichtet.

Der Streit um „donum vitae“ ist auch mit dem Brief von Kardinal Levada vom 12. Februar 2007 nicht an sein Ende gelangt. Dieser Streit liegt wie Mehltau auf der katholischen Kirche in Deutschland. Er lähmt sie in ihrem Einsatz für eine Verbesserung des Lebensschutzes. Bischofskonferenz und ZdK haben wenig Interesse, die wachsende Lebensrechtsbewegung in Deutschland zu unterstützen; deren Engagement scheint ihnen im Gegenteil eher peinlich zu sein. Immer wieder sehen sich die Mitglieder der Lebensrechtsgruppen als „sogenannte Lebensschützer“ diffamiert.

Obwohl der Präsident des Päpstlichen Rates Justitia et Pax Kardinal Renato Martino am 18. März 2005 die Bischofskonferenzen aufforderte, mit den Pro-Life-Bewegungen zusammenzuarbeiten, zeichnet sich eine derartige Kooperation in Deutschland nicht ab. Im Gegenteil: Eine Bitte an die Bischofskonferenz um eine Intensivierung der Kontakte wurde negativ beantwortet. Die gewünschte Zusammenarbeit solle „wie bisher, bei konkreten Anlässen, stattfinden. Eine andere Form ist nicht erforderlich.“ Da es die Zusammenarbeit „bei konkreten Anlässen“ nie gegeben hat, war die Versicherung, sie fortführen zu wollen, eher ein Affront.

Illusion, das beste Lebensschutzgesetz Europas zu haben

Ein Versuch von Bischof Walter Mixa, im Rahmen der Bischofskonferenz nach dem Vorbild der USA ein Pro-Life-Sekretariat einzurichten, scheiterte ebenfalls. Der Vorschlag sei, so berichtete Bischof Mixa bei der Jahrestagung der Juristen-Vereinigung Lebensrecht am 5. Mai 2006 in Köln, vom Ständigen Rat der Bischofskonferenz nicht aufgegriffen worden. Von der Empörung wegen der Tötung ungeborener Kinder, zu der Hans Maier beim Katholikentag 1978 in Freiburg aufgerufen hat, sind die deutschen Katholiken weiter entfernt denn je. Sie fahren fort, sich in der Illusion zu sonnen, die besten Lebensschutzgesetze in Europa zu haben.

Seit mehr als dreißig Jahren scheint der Trend kontinuierlich auf einen Abbau des Lebensschutzes in Deutschland hinauszulaufen – nicht nur durch die Legalisierung der Abtreibung, sondern auch durch die Schwächung des Embryonenschutzes im Stammzellgesetz. Eine ganze Generation ist inzwischen in der Kultur des Todes aufgewachsen, eine Generation, die durch nahezu neun Millionen Abtreibungen seit 1974 sichtbar geschrumpft ist. Ist es unter diesen Umständen nicht verwegen, nach Trendwenden zu fragen? Wie soll Empörung aufkommen, wenn Abtreibung zu einer normalen medizinischen Dienstleistung und zu einem sozialstaatlichen Leistungsangebot wurde? Und wie soll aus Empörung Politik werden, wenn die Illusion gehegt wird, das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz von 1995 diene dem Schutz des ungeborenen Kindes?

Nichtsdestoweniger gibt es Trendwenden, die im Kampf um das Lebensrecht ungeborener Kinder und die Legitimität des demokratischen Rechtsstaates ermutigen – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, ja sogar in Deutschland. Am deutlichsten ist die Trendwende in den USA, wo die Zahl der Abtreibungen seit Anfang der 90er Jahre um etwa ein Drittel zurückging und eine signifikante Zahl von Abtreibungskliniken schließen musste, wo das Pro-Life-Lager das Pro-Choice-Lager inzwischen deutlich übertrifft, wo zahlreiche Bundesstaaten Gesetze verabschiedet haben, die Abtreibungen verbieten oder beschränken, und wo der Supreme Court am 17. April 2007 den Partial Birth Abortion Ban Act vom November 2003 als verfassungsgemäß bestätigt hat. Nichts unterstreicht die Trendwende deutlicher als dieses Urteil, mit dem das Verbot der grausamsten Methode der Spätabtreibung endlich in Kraft treten konnte, einer Methode, bei der das Kind während des Geburtsvorgangs gezielt getötet wird.

Dreimal hatte der Kongress diese „Teilgeburtsabtreibung“ verboten, aber zweimal hatte Präsident Clinton sein Veto eingelegt und jedes Mal fehlten im Senat wenige Stimmen, um das Veto mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zurückzuweisen. Präsident Bush hat dagegen das Gesetz am 5. November 2003 unterzeichnet. Die Klagen der Abtreibungsorganisationen gegen das Gesetz hatten in drei einzelstaatlichen Gerichten Erfolg, aber der Supreme Court hat diese Urteile kassiert. Sein Urteil vom 12. April 2007 war der erste Schritt zur Überwindung von „Roe versus Wade“ und „Doe versus Bolton“, jenen Urteilen vom Januar 1973, die das Tor zur Kultur des Todes weit geöffnet hatten und deren Überwindung die amerikanischen Bischöfe und ihr nationales Pro-Life-Sekretariat unablässig öffentlich gefordert hatten.

In Deutschland zeichnet sich auf der Ebene der Gesetzgebung ebenfalls noch keine Wende zu einer Verbesserung des Lebensschutzes ab. Selbst wenn die CDU/CSU allein regieren würde, wäre bei ihrer gegenwärtigen Verfassung eine derartige Wende wenig wahrscheinlich. Dennoch gibt es eine Reihe von Silberstreifen am Horizont, die auf Trendwenden in Kirche und Gesellschaft hinweisen. Verschiedene Landesverbände der Jungen Union (Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen) sowie die Schülerunion haben sich seit 2006 verstärkt des Themas Lebensschutz angenommen und eine Reform des § 218 gefordert.

Lebensschützer in der Union

Mitglieder der Jungen Union engagieren sich stark in der Arbeit der Christdemokraten für das Leben (CDL), jener Vereinigung innerhalb von CDU und CSU, die 1986 von Johanna Gräfin von Westphalen gegründet und seit 2002 von Mechthild Löhr geleitet wird und die die Politiker, nicht nur jene der CDU/CSU, an die unverhandelbaren Grundsätze des Lebensschutzes erinnert. Sie ist eine kleine, aber die am schnellsten wachsende Vereinigung der CDU/CSU. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung bemüht sich um eine Sensibilisierung der CDU für die Aufgaben des Lebensschutzes, die sich aus christlicher Weltverantwortung ergeben.

In zahlreichen neueren katholischen Jugendorganisationen in Deutschland und Österreich steht der Lebensschutz im Zentrum der Agenda. Sie orientieren sich an der Enzyklika Johannes Pauls II. „Evangelium Vitae“ und am Zeugnis, das dieser Papst und sein Nachfolger Benedikt XVI. unablässig und öffentlich für den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod geben. Diese neue Generation zu ermutigen und zu begleiten, ist die Aufgabe der Kirche in Deutschland und in Österreich. „Jeder Bischof ist aufgerufen, im Bereich seiner Diözese mit Hilfe qualifizierter Personen darauf hinzuwirken, dass das Evangelium des Lebens unverkürzt verkündet wird“, schrieb Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben über die Hirtenaufgabe der Bischöfe „Pastores gregis“ vom 16. Oktober 2003.

Er soll die Soziallehre der Kirche verkünden, die „auch in den schwierigsten Situationen Hoffnung zu wecken vermag“. Johannes Paul II. hat diesen Aufruf als Bischof von Rom während seines ganzen Pontifikats umgesetzt. Die Jugend der Welt hat es ihm bei den von ihm begründeten Weltjugendtagen und anlässlich seines Todes am 2. April 2005 gedankt. Das Wort „Habt keine Angst“ stand seit seiner Amtseinführung am 22. Oktober 1978 über seinem Einsatz für eine Kultur des Lebens. Es war und ist für jeden Christen eine Ermutigung zur Verteidigung des Menschenrechts auf Leben und damit des Rechtsstaats.

[Professor Manfred Spieker lehrt Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück; © Die Tagespost vom 12. Juni 2008]