In der Kirche Brasiliens weht ein Wind der Freude

Dem neuen Botschafter beim Heiligen Stuhl zufolge wünsche sich Papst Franziskus eine durch Vielseitigkeit und Achtung der Identität gekennzeichnete Welt

Rom, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 414 klicks

Am Freitag, dem 13. September 2013, überreichte der neue brasilianische Botschafter beim Heiligen Stuhl Denis Fontes de Souza Pinto Papst Franziskus sein Beglaubigungsschreiben. ZENIT traf den Diplomaten zu einem Interview.

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Worüber unterhielten Sie sich mit dem Papst im Rahmen dieser Begegnung?

Fontes: Unser Gespräch kreiste um mehrere Themen. Der Heilige Vater bestätigte mir seine Freude über den WJT 2013 in Rio de Janeiro, über seinen Besuch der Basilika von Aparecida und über den Empfang und die Herzlichkeit der Menschen. Als nächsten Punkt thematisierten wir die internationale Lage. In diesem Zusammenhang erwähnte er die Gebetswache für Syrien und charakterisierte diese als mit Teilnehmern anderer Religionen gemeinsam erlebten großen Moment der Ökumene, von dem er sich positive Entwicklungen erwarte.

Ebenso sprach der Papst über die Bedeutung der Stärkung der regionalen Institutionen Südamerikas und der Integration der verschiedenen Länder Lateinamerikas, sodass wir vor der internationalen Gemeinschaft mit lauterer Stimme sprechen können und einen höheren Stellenwert auf der internationalen Tagesordnung erhalten. Der Heilige Vater bezeichnete es als wichtig, dass die internationale Gemeinschaft nicht „rund“ (mit den Händen eine Kugel formend) sei, sondern vielmehr gleich einem Polyeder eine Einheit bilde, wobei die eigene Identität und die individuellen Merkmale und Besonderheiten jedoch erhalten bleiben sollen. Dieser schöne Vergleich hat mich zutiefst berührt. Ich glaube, noch nie zuvor einen solchen Gedanken gehört zu haben.

Besprachen Sie weitere Themen in Bezug auf Lateinamerika?

Fontes: Wir erkannten einen Ort in der Gesellschaft. Der Papst sprach viel über die Notwendigkeit, nach einer sozialen Dimension im Inneren der jeweiligen Länder zu suchen. Einerseits gilt es, in den nationalen Gesellschaften mehr Platz zu schaffen, andererseits ist eine Stärkung der regionalen Institutionen erforderlich.

Beziehen Sie sich auf die Frage der Bildung?

Fontes: Das ist richtig. Es geht um die Verankerung der Bildung in diesen Kontext, denn je gebildeter das Volk ist und je größer das vorhandene Wissen, desto besser gelingt die Integration in die Gemeinschaft.

Welche weiteren Aspekte waren Gegenstand Ihres Meinungsaustausches?

Fontes: Wir sprachen über viele Dinge. Er bat mich um eine Schilderung meines beruflichen und persönlichen Lebens. Daraus entwickelte sich ein mehr als zwanzigminütiges Gespräch. Am Anfang sagte er zu mir, dass er nicht portugiesisch, aber „brasilianisch“ sprechen könne …

Wie verhält es sich mit der Beziehung zwischen Kirche und Staat?

Fontes: Laut der brasilianischen Gesetzgebung ist die Abtreibung verboten, und die Position der Kirche ist bekannt. Dabei handelt es sich um ethische Voraussetzungen, denen man befürwortend oder ablehnend gegenüberstehen kann. Ich glaube, dass der Papst im Rahmen seines Besuches jene Themen bevorzugte, die den Gegenstand eines konstruktiven gemeinsamen Einsatzes bilden können.

Wie lassen sich die Proteste in Brasilien erklären?

Fontes: Ich habe diese nach wie vor spürbare Protestwelle in Brasilien seit ihrem Beginn vor Ort miterlebt. Meines Erachtens handelt es sich um einen Ausdruck der DemokratieVolkes. Demokratie kennt keine Grenzen. Ein Prozess wie jener vor 30 Jahren in meinem Land zeichnet sich dadurch aus, dass nach einer Phase wirtschaftlicher Stabilisierung und sozialer Inklusion wie mit Präsident Lula und nun mit Präsident Roussef eine immer größere Zahl von Brasilianern über Zugang zu Konsum und Dienstleistungen verfügt. Daher verlangen diese Menschen eine Erhöhung der Transparenz und der Effizienz sowie bessere Schulen, Transportmittel und Krankenhäuser. Es kam zu demokratischen Protesten für eine quantitative und qualitative Verbesserung. Dies ist im Interesse der brasilianischen Regierung, denn das Ziel bestand in der Emanzipierung einer immer größeren Zahl von Menschen pro Jahr. Dabei handelte es sich um eines der vom Papst angesprochenen und anerkannten Themen. Dieser Prozess schreitet in Brasilien immer noch voran.

Was wird sich mit einem lateinamerikanischen Papst in Bezug auf die zwischen Brasilien und Peru entstandene Befreiungstheologie verändern? 

Fontes: Offen gesagt, „bringe ich einem Pfarrer nicht gerne das Vaterunser bei“, denn ich verfüge über kein großes theologisches Fachwissen. Dieses Thema möchte ich den Experten überlassen. Ich beobachte, dass die Kirche sich traditionell stets den Armen angenommen hat. Heute ist die soziale Emanzipation von Bedeutung, doch ich kann nicht sagen, ob diese mit der Befreiungstheologie gleichzusetzen ist.

Umfragen zufolge ist die Kirche in Brasilien die glaubwürdigste Einrichtung: Welchen Einfluss hat Papst Franziskus darauf?

Fontes: Ich denke, dass die immense Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche Brasiliens in deren Geschichte begründet liegt. Nun wird ihr mit Papst Franziskus sicherlich erneut enorme Begeisterung zuteilwerden. Es weht ein Wind der Freude.