In der Liturgie nur das Beste als Ausdruck der Liebe zu Gott

Edle Schönheit für liturgische Gewänder

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Von Uwe Michael Lang CO*

ROM, Mittwoch, 15. Juni 2011 (ZENIT.org).- Die biblische Weisheitstradition verkündet Gott als „den Urheber der Schönheit“ (Weish 13,3) und preist ihn für die Erhabenheit und Schönheit der Werke der Schöpfung. Im christlichen Denken, das sich vor allem aus der Heiligen Schrift, aber auch aus der klassischen Philosophie herleitet, hat sich das Konzept der Schönheit zu einer theologischen Kategorie entwickelt.

Diese Lehre klang in der Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Einweihungsfeier der Basilika der Heiligen Familie in Barcelona am 7. November 2010 an: „Die Schönheit offenbart auch Gott, denn das schöne Werk ist wie er reine Unentgeltlichkeit; es ruft uns zur Freiheit und entreißt uns dem Egoismus.“ Göttliche Schönheit offenbart sich in einer ganz bestimmten Weise in der heiligen Liturgie, auch durch materielle Dinge, derer die Menschen bedürfen, die aus Körper und Seele bestehen, um zu den geistlichen Wirklichkeiten zu gelangen: das Gebäude des Gottesdienstes, die Ausstattung, die Gewänder, die Bilder, die Musik sowie die Erhabenheit der Zeremonien an sich.

In diesem Zusammenhang ist es das fünfte Kapitel „Die Zierde der Eucharistiefeier“ in der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ von Papst Johannes Paul II. vom 17. April 2003, in dem bekräftigt wird, dass Christus selbst eine geziemende Umgebung für das Letzte Abendmahl wollte und seine Jünger bat, es im Haus eines Freundes vorzubereiten, der über einen „großen Saal im Obergeschoss mit Polstern ausgestattet“ verfügte (Lk 22,12, vgl. Mk 14,15). Gegenüber Judas Protest, dass die Salbung mit kostbarem Öl eine nicht hinnehmbare „Verschwendung“ angesichts der Not der Armen sei, erklärte Jesus seine große Wertschätzung, ohne die Verpflichtung zur konkreten Nächstenliebe an den Bedürftigen zu schmälern, für die Tat der Frau, weil ihre Salbung „ihm gleichsam als Vorwegnahme jener Ehre zuteil wird, derer sein Leib wegen seiner unlösbaren Verbundenheit mit dem Mysterium seiner Person immerfort auch nach dem Tod würdig ist.“ („Ecclesia de Eucharistia“ Nr. 47). Johannes Paul II. schlussfolgert, dass die Kirche, wie die Frau von Bethanien „sich nicht davor gefürchtet hat zu ‚verschwenden’, wenn sie das Beste ihrer Mittel einsetzt, um ihr anbetendes Staunen angesichts des unermesslichen Geschenks der Eucharistie zu zeigen“ (ebd., Nr. 48). Die Liturgie verlangt nach dem Höchsten innerhalb unserer Möglichkeiten, Gott, den Schöpfer und Erlöser, zu verherrlichen.

Letztlich muss die Pflege der Kirchen und der Liturgie ein Ausdruck der Liebe zum Herrn sein. Auch an einem Ort, an dem die Kirche über keine großen finanziellen Mittel verfügt, darf diese Pflicht nicht vernachlässigt werden. Bereits ein bedeutender Papst des 18. Jahrhunderts, Benedikt XIV. (1740-1758), ermahnte in seiner Enzyklika „Annus qui hunc“ vom 19. Februar 1749, die vor allem der Kirchenmusik gewidmet ist, seine Geistlichen, dass die Kirchen gepflegt und mit allen notwendigen sakralen Gegenständen für die würdige Feier der Liturgie ausgestattet sein sollten: „Wir möchten betonen, dass wir nicht von der Pracht und Herrlichkeit der heiligen Tempel sprechen oder von der Kostbarkeit der heiligen Einrichtungen; wir wissen ebenso, dass sie nicht überall anzuschaffen sind. Wir haben von Anstand und Sauberkeit gesprochen, die von niemandem zu vernachlässigen sind, da Anstand und Sauberkeit auch bei Armut möglich sind.“

Die Konstitution über die Heilige Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils drückte es auf ähnliche Weise aus: „Bei der Förderung und Pflege wahrhaft sakraler Kunst mögen die Ordinarien mehr auf edle Schönheit bedacht sein als auf bloßen Aufwand. Das gilt auch für die heiligen Gewänder und die Ausstattung der heiligen Orte.“ („Sacrosanctum Concilium“ Nr. 124). Diese Passage verweist auf das Konzept der „edlen Einfachheit“, dass in derselben Konstitution in der Nummer 34 eingeführt wurde. Dieses Konzept scheint auf den Archäologen und Historiker der deutschen Kunst, Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), zurückzugehen, demzufolge die klassische griechische Skulptur sich durch „edle Einfachheit und stille Größe“ auszeichnete.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb der bekannte englische Liturgiker Edmund Bishop (1846-1917) die „Genialität des römischen Ritus“, die sich durch Einfachheit, Schlichtheit und Würde auszeichne (vgl. E. Bishop, „Liturgica Historica“, Clarendon Press, Oxford 1918, S. 1-19). Diese Bezeichnung ist nicht unbegründet, aber es ist notwendig, achtsam bei der Interpretation zu sein: Der römische Ritus ist „einfach“ im Vergleich zu anderen historischen Riten wie den östlichen, die sich durch großen Aufwand und Kostspieligkeit auszeichnen. Doch die „edle Einfachheit“ des römischen Ritus darf nicht mit einer falsch verstandenen „liturgischen Armut“ verwechselt werden sowie einem Intellektualismus, der zur Zerstörung der Feierlichkeit, der Grundlage des Gottesdienstes, führen kann (vgl. den hierzu wesentlichen Beitrag des hl. Thomas von Aquin in der Summa Theologiae III, q. 64, a. 2; q. 66, a 10; q. 83, a. 4).

Aus solchen Erwägungen heraus ist es offensichtlich, dass die liturgischen Gewänder zur „besonderen Ausschmückung der heiligen Handlung“ beitragen müssen („Grundordnung des römischen Messbuches“ Nr. 335), vor allem „durch das verwendete Material und die Form“, aber auch in angemessener Weise bei den Verzierungen (ebd. Nr. 344). Der Gebrauch der liturgischen Gewänder drückt die Hermeneutik der Kontinuität aus, ohne dabei einen bestimmten historischen Stil auszuschließen.

Benedikt XVI. bietet bei seinem Messfeiern ein Modell an, wenn er entweder das Messgewand modernen Stils trägt oder bei feierlichen Gelegenheiten das „klassische“ Messgewand, das auch von seinen Vorgängern benutzt wurde. Er folgt dem Beispiel des Schriftgelehrten, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, und den Jesus mit einem Hausherrn vergleicht, „der aus seinem reichen Vorrat beides hervorholt,  Neues und Altes“ (Mt 13,52).

[Übersetzung aus dem Englischen von Iria Staat]

*Pater Uwe Michael Lang, Priester der Kongregation des Oratoriums des hl. Philipp Neri, ist Konsultor des Amtes für die Liturgischen Feiern des Papstes und Mitarbeiter der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung.