In der Zeitgeistfalle

Von Ingo Langner

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WÜRZBURG, 22. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Klar gibt es Denkverbote, aber nicht in der Kirche. Es sind die Denkverbote der Aufklärung, die heute mächtig wirken. Wer dagegen verstößt, lernt die modernen Tugendwächter ganz schnell kennen und wird mit einem Bannfluch belegt.



In der römisch-katholischen Kirche sind Denkverbote tabu. Wer ihre zweitausend Jahre alte Geschichte betrachtet, wird diesem Satz nicht widersprechen können. Selbst ein flüchtiger Blick in das Neue Testament beweist: von Denkverboten keine Spur. In der Apostelgeschichte wimmelt es von widerstreitenden Meinungen. Weder Paulus noch Petrus haben jemals ein Denkverbot aufgerichtet. Warum auch? Alle Apostel waren Mitarbeiter der Wahrheit, und die Wahrheit kennt keine Furcht. Sie fürchtet das Tageslicht nicht. Auch im Dunkeln schlottern ihr nicht die Knie.

Schon anno 49, auf dem ersten Apostelkonzil von Jerusalem, wurde heftig um den richtigen Weg gerungen. Das gleiche geschah in Nicäa (325), in Konstantinopel (381), in Ephesos (431) und in Chalcedon (451). Jedes dieser Konzile ist ein Sturmlauf gegen Denkverbote gewesen, und das Gleiche lässt sich durch Jahrtausende hindurch bis zum Zweiten Vatikanum sagen.

Jeder katholische Häretiker ist ein Beweis dafür, dass die Kirche Denkverbote nicht kennt. Was sie jedoch kennt, sind die Kategorien Wahrheit, Dogma und Lehramt, und genau hier liegt der Hund begraben. Denn die Mär von den römisch-katholischen Denkverboten ist eine der tragenden Säulen erst der Reformation und dann der atheistischen Aufklärung, deren Denken und Kampf schon immer gegen Wahrheit, Dogma und Lehramt gerichtet gewesen ist. Denn fallen diese drei, dann fällt auch die römisch-katholische Kirche, und das ist das Ziel aller, die bis heute nicht müde werden, gegen ihre Grundlagen zu protestieren.

Hexenwahn und „Gender“-Kult
Martin Luther durfte denken was er wollte. Aber was Luther dachte, war nun einmal von einem bestimmten Punkt an nicht mehr gut katholisch. Auch Galileo Galilei hat niemand gehindert, seine Ideen als Hypothesen zu verbreiten. Im Gegenteil: Papst und Inquisition haben vieles getan, um diesen hervorragenden Wissenschaftler vor Irrtümern zu bewahren.

Galilei irrte in der Naturwissenschaft, die Kurie in der Theologie. Die Inquisition war 1633 im Irrtum, weil sie nicht erkannte, dass der Widerspruch zwischen Heliozentrismus und Bibel nur ein scheinbarer war. Galilei hatte Unrecht, weil er seine Lehre nicht naturwissenschaftlich zweifelsfrei beweisen konnte. Recht hatte er im Bezug auf die Bibelerklärung. Denn die Bibel will nicht erklären, was am astronomischen Himmel vor sich geht, sondern wie man in den Himmel kommt.

Die Inquisition erkannte Galileis wissenschaftstheoretische Schwächen. Er selber nicht; auch seine maßlose Streitlust war ihm dabei im Wege. Für Kirche und Papst war das Kopernikanische Weltbild nie ein Problem. Ein Problem war es für Martin Luther, der die Bibel wörtlich auslegte.

Alle diese Fakten gehören zu den zahlreichen Denkverboten der Aufklärung. Erst kürzlich hat es wegen der Causa Galilei an der römischen Universität „La Sapienza“ Anti-Papst-Proteste gegeben. Doch trotz Widerruf ist Galilei bis zu seinem Tode ein frommer Katholik geblieben. Gleichwohl ist er zu einer Ikone säkularer Wissenschaftsfreiheit geworden. Von der Seite der Vernunft – und damit ist die römisch-katholische Kirche gemeint – ist „der Fall Galilei“ in all seinen komplizierten Einzelheiten dokumentiert und geklärt worden. Doch das Lager der Szientisten verharrt demgegenüber in ideologisch bedingter Realitätsblindheit und bewegt sich nicht. Vernunft oder Glauben, so die Parole der Kirchenfeinde bis heute. Das „oder“ ist falsch.

Im Lichte der katholischen Aufklärung gesehen ist die Wahrheit über Galilei ein besonders prominentes Beispiel auf der Denkverbotsliste der Aufklärung. Diese Liste ist lang und Voltaires Epigonen arbeiten schwer dafür, sie Jahr für Jahr zu verlängern.

Denn was für den Fall Galilei gilt, trifft auf die anderen „Schwerverbrechen“ der katholischen Kirche auch zu. Die Wahrheit über Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennungen wird von der gewöhnlichen Aufklärung bis heute unter den Teppich gekehrt. Stattdessen werden alte Propagandalügen gebetsmühlenartig wiederholt. Immer noch gilt das christliche Mittelalter als finster und immer noch ist der Kommunismus eine „eigentlich“ gute Sache, die bisher leider nur falsch realisiert worden ist.

Wer die Glorie der Französischen Revolution anzweifelt und stattdessen auf ihren blutigen Kern verweist, wird von den Tugendwächtern von heute sofort in ein reaktionäres Abseits gestellt. Wer gegen das „Abtreibung“ genannte Töten von ungeborenem Leben eintritt, ist angeblich ein Feind der Frauen. Wer die Verschmelzung von Samen und Eizelle für den Beginn menschlichen Lebens hält und nicht für einen Zellhaufen, gilt als wissenschaftsfeindlicher Fundamentalist.

Wer Ehe und Familie als den naturgegebenen und gottgewollten Nukleus jeder menschenwürdigen Zivilisation ansieht, steht schon in mehr als einem europäischen Land als „homophober“ Gesellschaftsfeind da. Wer glaubt, dass Mann und Frau ein Ebenbild Gottes sind, ihr Geschlechtsunterschied aber dennoch nicht seelisch, emotional und kulturell gleichgültig ist, wird von den Anhängern des „Gender“-Kultes mit einem Bannfluch belegt.

Die Jakobiner der Gegenwart
Mit dieser Aufzählung von säkular-atheistischen Denkverboten, sind längst noch nicht alle genannt. Um die Wahrheit zu sagen: So gut wie jeder Punkt im apostolischen Glaubensbekenntnis stößt auf mehr oder weniger heftigen Widerspruch. Wer sich öffentlich uneingeschränkt dazu bekennt, der wird sein blaues Wunder erleben. Kirchenmänner und Theologen, die dies nicht tun, sind in den Medien besonders gerne gesehen. Nur wer anzweifelt, dass Jesus am dritten Tage auferstanden ist von den Toten, gilt als „kritischer“ Geist. Nur wer die Hölle zum „Pfaffenmärchen“ erklärt, ist auf der Höhe unserer ach-so-modernen Zeit. Nur wer bereit ist, Ursünde und Satan auf den Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen, ist für die Jakobiner der Gegenwart noch satisfaktionsfähig.

Den menschenmordenden Ideologen des Marxismus-Leninismus kann man vieles vorwerfen, nur eines nicht: den Relativismus. Kommunisten haben niemals angezweifelt, dass es Wahrheit gibt. Im Gegenteil: Mit dem historischen und dialektischen Materialismus waren sie sicher, die Wahrheit wissenschaftlich bewiesen und auf ewig gepachtet zu haben. Mit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer Satrapen hat sich im linken Lager merkwürdigerweise auch die Wahrheit verflüchtigt. Dort predigt man seit 1990, dass es so etwas wie „die Wahrheit“ gar nicht gibt. „Alles ist relativ“ steht in Leuchtschrift auf dem goldenen Kalb, das die Fortschrittler heute anbeten. Sie verabscheuen die katholische Kirche ja gerade deshalb so sehr, weil sie erstens den Kommunismus überlebt hat und zweitens immer noch daran festhält, dass Jesus Christus ohne Wenn und Aber der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

Wer heute, mit welchen Motiven auch immer, von kirchlichen Denkverboten spricht, ist schon in die Zeitgeistfalle getappt. Joseph Ratzinger hat als Theologe, Kardinal und Papst überdeutlich gezeigt, wie man diese Falle vermeidet. Zu seinen Lehrmeistern gehört bekanntlich der heilige Augustinus. Der hat seinen Alltag als Bischof einmal so beschrieben: „Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellern hüten, Ungebildete lehren, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen, Verzagte ermutigen, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Guten Anerkennung zeigen, Böse ertragen und (ach!) alle lieben.“

Was Augustinus von Hippo einst so bestechend knapp formuliert hat, ist eine sehr gute Grundlage für jeden Christen. Heute ebenso wie vor rund eintausendsechshundert Jahren.

[© Die Tagespost vom 21. Februar 2008]