"In Eintracht für eine gerechtere, freiere und versöhntere Gesellschaft arbeiten"

Heilige Messe mit Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und 123 Märtyrern und Dankesworte des Erzbischofs von Seoul

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 550 klicks

Nach dem Besuch des Heiligtums von Seo So-Mun begab sich der Papst zu seinem nächsten Termin, der Heiligen Messe mit der Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und 123 Märtyrerkameraden an der Pforte von Gwanghwamun in Seoul. Die Seligen gehören der ersten Generation katholischer Koreaner an und starben zwischen 1791 und 1888 während der Christenverfolgungen den Märtyrertod.

Unter lautem Jubel der abertausenden Gläubigen, die die Straßen in Seoul säumten, fuhr der Papst im offenen, weißen Papstmobil durch die Stadt. Immer wieder hielt das Mobil an, damit der Papst einzelne Gläubige persönlich begrüßen konnte, darunter einige kleine Kinder, die er auf die Stirn küsste und segnete. Den Menschen zulächelnd fuhr Papst Franziskus unter den Jubelrufen „Viva il Papa“, die von der Menschenmenge immer wieder begeistert angestimmt wurden. Überschwänglich war die Freude der Gläubigen, wenn der Papst an ihnen vorbeifuhr. In italienischer Sprache wurde der Papst über eine Lautsprecherdurchsage begrüßt: „Benvenuto, Papa Francesco e grazie mille. Herzlich willkommen, Papst Franziskus und vielen Dank.“

Auf die verzweifelten Rufe eines Gläubigen hin ließ Papst Franziskus den Wagen anhalten, stieg aus dem Mobil, begrüßte den jungen Mann und ließ ihn sprechen. Der junge Mann bedankte sich mit einem „Thank you“ bei dem Papst. Der Mann, der ein gelbes Blatt mit einem koreanischen Text in den Händen hielt, sprach koreanisch mit dem Papst. Ein Übersetzer war zugegen.

Danach setzte der Papst seine Fahrt fort; die Sicherheitsbeamten begleiteten den Wagen im Laufmarsch. Je mehr er sich seinem Ziel näherte, desto lauter wurden der Jubel und das Klatschen der Menschenmenge. Über Lautsprecher wurde die Menge immer wieder aufgefordert, Sprechchöre anzustimmen: „Viva il Papa“ und Rufe in koreanischer Sprache.

Um 2.38 MESZ erreichte der Papst seinen Zielort, verließ das Papstmobil und begab sich zu dem eigens errichten Altarbereich, der in einer schlichten weißen Architektur gestaltet war. Die zu Abertausenden versammelten Gläubigen konnten die Heilige Messe über Großbildschirme verfolgen.

Die Messfeier begann um 2.53 Uhr MESZ. Um 3.00 Uhr MESZ näherte sich Msgr. Francis Xavier Ahn Myong-ok mit dem Postulator dem Heiligen Vater und fragte, ob man mit der Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und der 123 Märtyrer fortfahre könne. Danach wurden in koreanischer Sprache die Biographien der Gottesdiener von dem Postulator verlesen. Papst Franziskus verlas darauf in lateinsicher Sprache die Seligsprechung. Die Gläubigen brachen in lauten Jubel aus und unter Orchesterklängen wurden die Portraits der neuen Seligen enthüllt. Danach dankte Msgr. Francis Xavier Ahn Myong-ok gemäß dem Protokoll „von Herzen“ dem Heiligen Vater in lateinischer Sprache. Der Papst umarmte den Bischof und den Postulator, der den Heiligen Vater zum Lachen brachte, was in der Schar der Gläubigen Heiterkeit auslöste. Die Stimmung war sehr gelöst.

Papst Franziskus begann seine Predigt in italienischer Sprache, der absatzweise die Übersetzung in die koreanische Sprache folgte, mit einem Zitat aus dem Römerbrief: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? (Röm 8,35). Mit diesen Worten spricht der heilige Paulus von der Herrlichkeit unseres Glaubens an Jesus: Christus ist nicht nur vom Tod erstanden und in den Himmel aufgefahren, sondern er hat uns mit sich selbst vereint und gibt uns Anteil an seinem ewigen Leben. Christus ist siegreich, und sein Sieg gehört uns!“ 

Danach nahm er auf die eben erfolgte Seligsprechung Bezug: „Heute feiern wir diesen Sieg in Paul Yun Ji-Chung und seinen 123 Gefährten. Ihre Namen stehen jetzt neben denen der heiligen Märtyrer Andreas Kim Taegon, Paul Chong Hasang und ihrer Gefährten, denen ich eben meine Ehrerbietung erwiesen habe. Sie alle lebten und starben für Christus, und nun herrschen sie mit ihm in Freude und Herrlichkeit. Gemeinsam mit dem heiligen Paulus sagen sie uns, dass Gott uns im Tod und in der Auferstehung seines Sohnes den größten aller Siege verliehen hat.“

Papst Franziskus betonte, wie wichtig das Zeugnis der Märtyrer für die Kirche heute in Korea sei: „Unsere Feier des seligen Paul und seiner Gefährten gibt uns die Gelegenheit, zu den ersten Augenblicken, sozusagen zur Anfangsphase der Kirche in Korea zurückzukehren. Sie lädt euch Katholiken von Korea ein, euch an die großen Dinge zu erinnern, die Gott in diesem Land gewirkt hat, und das Erbe an Glauben und Liebe, das euch von euren Vorfahren anvertraut wurde, in Ehren zu halten.“ 

In diesem Zusammenhang verwies der Papst auf die besondere Geschichte des christlichen Glaubens in Korea, der nicht durch Missionare Verbreitung fand: „Er trat vielmehr durch die Herzen und den Geist des koreanischen Volkes selbst ein. Er wurde durch die geistige Neugier, durch die Suche nach religiöser Wahrheit ausgelöst. Durch eine anfängliche Begegnung mit dem Evangelium öffneten die ersten koreanischen Christen ihren Geist für Jesus. Sie wollten mehr erfahren über diesen Christus, der gelitten hat, gestorben ist und vom Tod erstand. Das Lernen über Jesus führte bald zu einer Begegnung mit dem Herrn, zu den ersten Taufen, zur Sehnsucht nach dem vollen sakramentalen und kirchlichen Leben und zu den Anfängen missionarischen Aufbruchs. Es brachte auch Frucht in Gemeinschaften, die sich an der Urkirche orientierten, in der die Gläubigen wirklich ein Herz und eine Seele waren, ohne Rücksicht auf traditionelle soziale Unterschiede, und alles gemeinsam hatten (vgl. Apg 4,32).“

Papst Franziskus betonte die Bedeutung des Laienapostolats und nutzte die Gelegenheit, um „die vielen gläubigen Laien, die hier sind, und besonders die christlichen Familien, die täglich durch ihr Vorbild unserer Jugend den Glauben und die versöhnende Liebe Christi lehren“, zu begrüßen. Ebenso richtete er seine Grußworte „auch an die vielen anwesenden Priester; durch ihren hingebungsvollen Dienst geben sie das reiche Glaubensgut weiter, das frühere Generationen koreanischer Katholiken gepflegt haben.“

Danach ging der Heilige Vater auf das heutige Evangelium ein, das „eine wichtige Botschaft für uns alle“ enthält. „Jesus bittet den Vater, uns in der Wahrheit zu heiligen und uns vor der Welt zu beschützen.“ 

Papst Franziskus führte aus: „Zu allererst ist bedeutsam, dass Jesus, während er den Vater bittet, uns zu heiligen und zu beschützen, ihn nicht bittet, uns aus der Welt zu nehmen. Wir wissen, dass er seine Jünger aussendet, ein Sauerteig der Heiligkeit und der Wahrheit in der Welt zu sein: das Salz der Erde, das Licht der Welt. Darin zeigen uns die Märtyrer den Weg.“ Die Märtyrer und ersten Christen seien Jesus gefolgt, obgleich sie Verfolgung und Flucht hätten erleiden müssen. „Besitz und Land, Ansehen und Ehre“ hätten sie geopfert –, „denn sie wussten, dass Christus allein ihr wahrer Schatz war“.

Auch heute sei der christliche Glaube oft Gefahren ausgesetzt: „So oft können wir heute bemerken, dass unser Glaube durch die Welt herausgefordert wird, und auf vielerlei Weise wird uns nahegelegt, Kompromisse mit unserem Glauben zu schließen, die radikalen Forderungen des Evangeliums abzuschwächen und sie dem Zeitgeist anzupassen.“ Hier komme den Märtyrern eine Beispielfunktion zu: „Doch die Märtyrer rufen uns zu, Christus an die erste Stelle zu setzen und alles andere in dieser Welt in Beziehung zu ihm und zu seinem ewigen Reich zu sehen. Sie fordern uns auf, darüber nachzudenken, wofür wir selbst – wenn überhaupt – zu sterben bereit wären. Das Beispiel der Märtyrer lehrt uns auch die Bedeutung der Liebe im Glaubensleben.“

Papst Franziskus betonte: „Ihre Weigerung, das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe aufzuspalten, trieb sie zu so großer Sorge für die Bedürfnisse der Brüder. Ihr Beispiel hat uns viel zu sagen, die wir in Gesellschaften leben, wo neben unermesslichem Reichtum schreckliche Armut lautlos zunimmt; wo der Schrei der Armen selten Gehör findet und wo Christus uns immer noch ruft und uns bittet, ihn zu lieben und ihm zu dienen, indem wir uns um unsere notleidenden Brüder und Schwestern kümmern.“

Der Heilige Vater forderte die Gläubigen auf: „Wenn wir der Spur der Märtyrer folgen und den Herrn beim Wort nehmen, werden wir die erhabene Freiheit und Freude verstehen, mit der sie in den Tod gingen. Wir werden die heutige Feier auch in dem Sinn verstehen, dass sie die unzähligen namenlosen Märtyrer in diesem Land und in der ganzen Welt einschließt, die – besonders im vergangenen Jahrhundert – ihr Leben für Christus hingaben oder um seines Namens willen schwere Verfolgung um erlitten.“

Der Papst schloss seine Predigt: „Heute ist ein großer Freudentag für alle Koreaner. Das Erbe des seligen Paul Yun Ji-Chung und seiner Gefährten – ihre Lauterkeit in der Suche nach der Wahrheit, ihre Treue zu den höchsten Prinzipien der Religion, die sie für sich erwählt hatten, und ihr Zeugnis der Liebe und Solidarität allen gegenüber – ist ein Teil der reichen Geschichte des koreanischen Volkes.“

Die Märtyrer sollten die Gläubigen dazu anregen, „in Eintracht für eine gerechtere, freiere und versöhntere Gesellschaft zu arbeiten und dadurch zum Frieden und zum Schutz authentischer menschlicher Werte in diesem Land und in unserer Welt beizutragen.“

Der Papst schloss seine Predigt mit den Worten: „Mögen die Gebete aller koreanischen Märtyrer gemeinsam mit der Fürbitte der Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, uns die Gnade der Ausdauer im Glauben und in allen guten Werken sowie Heiligkeit, Reinheit des Herzens und apostolischen Eifer erwirken zum Zeugnis für Jesus in diesem geschätzten Land, in ganz Asien und bis an die Enden der Erde. Amen.“

Nach der Predigt applaudierte die Menschenmenge kurz. Die Fürbitten wurden von Gläubigen aus den verschiedenen asiatischen Ländern in ihrer jeweiligen Landessprache vorgetragen.

Am Ende der Messe richtete Kardinal Andrew Yeom Soo-jung, Erzbischof von Seoul, Dankesworte an den Heiligen Vater. Der Besuch des Papstes sei eine Freude, und er fühle sich geehrt, die Dankesworte sprechen zu dürfen. Der Kardinal wurde zu Beginn seiner Ansprache durch das laute Jubeln der Gläubigen unterbrochen, worauf Papst Franziskus lächelte.

Der Kardinal fuhr fort, die katholische Kirche in Korea habe bereits 103 heilige Märtyrer, seit heute sei die Schar um 124 Selige erweitert worden. Der Ort der Seligsprechung um Gwanghwamun sei ein geschichtsträchtiger Ort, an dem viele Märtyrer den Tod erlitten hätten. Auf dem Glauben seien auch die Hauptdikasterien der Chosun Dynastie fundiert gewesen. In Korea sei die katholische Kirche auf dem Blut der Märtyrer gewachsen und habe sich als gutes Beispiel für die Gesellschaft erwiesen, weil sie Gerechtigkeit und Menschenrechte verbreitet habe. Deshalb sei die Seligsprechung heute eine Gelegenheit, Eintracht und Einheit nicht nur unter den koreanischen Katholiken, sondern auch mit den anderen asiatischen Völkern zu fördern durch universelle Brüderschaft. Die koreanische Kirche versuche stets, das Licht und Salz der Evangelisation der Welt zu sein und den Armen, Unterdrückten und den Menschen am Rand der Gesellschaft zu dienen, indem man sie die Freude des Evangeliums vernehmen lasse. Der Erzbischof schloss seine Ansprache mit der Bitte an den Papst, für die koreanische Kirche zu beten und sie zu segnen. Während der Ansprache applaudierten die Gläubigen mehrfach.