In Erwartung der Heiligsprechung von Johannes Paul II. (erster Teil)

Msgr. Sławomir Oder erzählt vom Warten auf die Heiligsprechung des polnischen Papstes

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VATIKANSTADT, Sonntag, 21. Mai 2012 (ZENIT.org). - Zum 7. Todestag von Johannes Paul II. und 1. Jahrestag seiner Seligsprechung führte Włodzimierz Rędzioch ein Interview mit Msgr. Sławomir Oder, Postulator im Heiligsprechungsverfahren des polnischen Papstes.

Von Włodzimierz Rędzioch

Msgr. Sławomir Oder kam 1960 in Chełmża (Polen) zur Welt und empfing 28 Jahre später in Pelplinie die Priesterweihe, hat aber den größten Teil seines priesterlichen Lebens fern von seiner Heimat, in Rom zugebracht. In der Hauptstadt der katholischen Welt studierte er an der Päpstlichen Lateranuniversität, die ihm den Doktortitel in „utroque iure“ verlieh, und arbeitete am Päpstlichen Römischen Priesterseminar als Erzieher sowie am Appellationsgericht des Römischen Vikariats, dessen Generalvikar er geworden ist.

Polen hat er nie vergessen, deshalb hat er sich bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse um jene Verfahren gekümmert, die Landsleute von ihm betrafen: Stefan Frelichowski, Władysław Korniłowicz und Mutter Elżbieta Czacka.

Das Leben dieses jungen polnischen Priesters erhielt eine entscheidende Wende, als Kardinal Camillo Ruini, Kardinalvikar der Diözese Rom, ihn zum Postulator im Seligsprechungsverfahren von Johannes Paul II. ernannte.

Für Msgr. Oder wurde es „das Abenteuer seines Lebens“, dass ihn als Mensch und als Priester sehr bereichert hat.

Anlässlich des siebten Todestages von Johannes Paul II., der zugleich der erste Jahrestag seiner Seligsprechung ist, habe ich Msgr. Oder getroffen, um mich mit ihm über die ereignisreichen Jahre des Seligsprechungsverfahrens zu unterhalten, aber auch, um Näheres über den Kult des neuen Seligen und seine mögliche, baldige Heiligsprechung zu erfahren.

ZENIT: Was haben für Sie das Jahr 2011 und die Seligsprechung von Johannes Paul II. bedeutet?

Msgr. Sławomir Oder: 2011 ist für mich ein ganz besonderes Jahr gewesen: am 1. Mai wurde Johannes Paul II. seliggesprochen und am 22. Oktober hat das erste liturgische Fest des neuen Seligen stattgefunden. So habe ich im vergangenen Jahr, nach sechs Jahren intensiver Arbeit, ein wichtiges Ziel erreicht: endlich konnte die Kirche dem Volk Gottes und der ganzen Welt die leuchtende Gestalt dieses neuen Seligen überreichen. Doch das Jahr 2011 markiert nur eine erste Etappe, denn der Prozess ist noch nicht beendet. Von der theologischen Warte aus macht „selig“ oder „heilig“ keinen großen Unterschied. Aber die Ausmaße des Kults sind anders: ein Seliger darf nur lokal verehrt werden, während ein Heiliger weltweit verehrt wird. Auch die päpstliche Autorität wird tiefer mit einbezogen: die Heiligsprechung, also die verbindliche Stellungnahme zur Heiligkeit eines Menschen, steht unter dem Siegel der päpstlichen Unfehlbarkeit.

ZENIT: Heißt das, dass kein neuer Prozess geführt wird, um einen Seligen heiligzusprechen?

Msgr. Sławomir Oder: Die Heiligsprechung erfordert keinen neuen Prozess zur Feststellung des heroischen Grads der Tugenden, denn dieser wurde bereits festgestellt. Um das Ziel der Heiligsprechung zu erreichen verlangt der Brauch der Kirche jedoch ein zweites Wunder, dass nach der Seligsprechung geschehen muss.

ZENIT: Zurück zu den Jahren des Seligsprechungsverfahrens: welche bedeutenden Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Msgr. Sławomir Oder: Ganz sicher der Moment, als der Kardinalvikar der Diözese Rom mich mit dem Prozess beauftragt hat. Das war noch am selben Tag, als Benedikt XVI. die Lateranbasilika aufsuchte; sein erstes Treffen mit dem römischen Klerus. Der Papst selbst gab seinen Entschluss bekannt, die Wartezeit für die Eröffnung des Prozesses zu dispensieren. Damit zeigte mir der Kardinal großes Vertrauen. Ich bin Gerichtsvikar und arbeitete damals schon als Präsident des Appellationsgerichts des Vikariats der Stadt Rom. Diese neue Aufgabe kam zu meiner täglichen Arbeit noch hinzu. Das war für mich eine große berufliche, aber auch persönliche Herausforderung. Ich musste mein Leben völlig umstellen.

Der zweite Moment ist die Eröffnung des Verfahrens, am Hochfest der heiligen Peter und Paul, im Beisein der Vertreter der Lokalkirchen, darunter die römische und die polnische Kirche, aber auch der Schwesterkirchen, wie das Patriarchat von Konstantinopel. Diese ökumenische Note bei der Eröffnung des Verfahrens entsprach einem der wichtigsten Züge im Pontifikat von Johannes Paul II., nämlich seiner ökumenischen Dimension.

Dann kommt die mit dem Prozess verbundene Arbeit: das Sammeln von Urkunden und die Treffen mit den Zeugen. Zu diesen Zeugen zählen auch die Menschen, die zusammen mit dem Papst dazu beigetragen haben, unsere Zeitgeschichte zu verändern. Ich durfte das schöne Privileg erleben, diese Akteure der Gegenwartsgeschichte kennenzulernen.

Einen besonders ergreifenden Moment erlebte ich kurz nach Eröffnung des Verfahrens, als ich nach Frankreich gerufen wurde, um mich über das Ereignis zu informieren, das die Kirche dann als Wunder anerkannt hat: die Genesung der Schwester Simon Pierre. Das hat mich sehr bewegt.

Ich verberge auch nicht, dass die einzelnen Etappen des Verfahrens mich emotional sehr berührt haben: die Übergabe der „Positio“, die Anerkennung des Wunders und die Verkündung des Dekrets über die heroischen Tugenden.

Der schönste Augenblick war für mich jedoch der Friedensgruß mit dem Heiligen Vater während der Seligsprechungsmesse. Da habe ich die große Freude von Papst Benedikt XVI. gespürt, der von Anfang an diesen Prozess wohlwollend unterstützt hat, sowohl durch sein stilles Gebet als auch durch verschiedene Predigten und öffentliche Aussagen, die seinen indirekten Beitrag zu diesem Prozess darstellen.

Und gleich nach der Messe, als ich den Petersplatz verlassen habe, habe ich die Begeisterung der Menschen aus aller Welt gesehen, die feiernde Kirche, und da habe ich eine große Dankbarkeit und innere Genugtuung verspürt.

ZENIT: Was haben die „Nachforschungen“ zur Heiligkeit von Johannes Paul II. Ihnen persönlich gegeben?

Msgr. Sławomir Oder: Das Seligsprechungsverfahren ist für mich zu einem großen Abenteuer geworden, das darin besteht, das Leben eines ganz besonderen Priesters näher kennen zu lernen. Denn Johannes Paul II. war zwar Papst, Kardinal und Bischof, ist jedoch immer ein Priester geblieben und hat sein ganzes Leben mit priesterlichem Geist gelebt. Sein Leben zu „erforschen“ hat mir die Gelegenheit gegeben, mich einem wunderbaren Beispiel priesterlichen Lebens zu nähern, das mich begeistert hat, meine Berufung gestärkt und mir viele Ansätze zu meinem persönlichen Wachstum gegeben hat.

 [Teil II dieses Interviews am Dienstag, dem 22. Mai]

[Übersetzung aus dem Italienischen von Alexander Wagensommer]