In Erwartung der Heiligsprechung von Johannes Paul II. (zweiterTeil)

Msgr. Sławomir Oder erzählt vom Warten auf die Heiligsprechung des polnischen Papstes

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Von Włodzimierz Rędzioch

VATIKANSTADT, 22. Mai 2012 (ZENIT.org). –

ZENIT: Eigentlich hätte der Kult des seligen Johannes Paul II. auf Italien und Polen beschränkt bleiben sollen. Ich weiß aber, dass auch aus anderen Ländern der Welt Anträge eingetroffen sind, den Kult des neuen Seligen zu erlauben. Was können Sie dazu sagen?

Msgr. Sławomir Oder: Es stimmt, dass dies eine Eigenschaft der Seligsprechung ist: sie betrifft nur die Lokalkirche. Aber von Anfang an hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung den Lokaldiözesen die Möglichkeit gegeben, eine Erlaubnis für den Kult des neuen Seligen einzuholen, weil eine Persönlichkeit wie Johannes Paul II. von weltumspannender Bedeutung ist. Viele Bistümer haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und haben das Fest des seligen Johannes Paul II. in den Kalender ihrer Lokalkirche aufgenommen.

ZENIT: Es gibt ja auch schon eine lebhafte Verehrung der Reliquien des seligen Johannes Paul II. Jeden Tag beten Tausende von Menschen an seinem Grab im Petersdom. Aber es pilgern auch viele zu den Orten, an denen sich Reliquien von ihm befinden…

Msgr. Sławomir Oder: Diese Verehrung ist ganz spontan entstanden. Am Anfang waren es einzelne Personen, die ein Bildchen mit einer Reliquie „ex indumentis“ des Seligen anforderten. Seit der Seligsprechung ist es auch möglich, dem Seligen Johannes Paul Kirchen zu widmen. Verschiedene Bischöfe haben um Reliquien gebeten, die sie in irgendeiner Kirche oder einem Seminar ihrer Diözese aufbewahren wollen. Und um in gewisser Weise den Stil seines Pontifikats fortzusetzen – den Stil des Pilgers für Liebe und Frieden – haben seine Reliquien auch angefangen, auf Pilgerfahrt zu gehen. Ihre erste „Reise“ hat sie zum Weltjugendtag nach Madrid geführt, wo sie als ein besonderes Zeichen zu sehen waren. Danach sind sie nach Mexiko gereist.

ZENIT: Wie hat diese Pilgerreise stattgefunden, an der Sie auch persönlich teilgenommen haben?

Msgr. Sławomir Oder: Die Reise nach Mexiko führte von Oktober bis Dezember letzten Jahres durch alle Diözesen des Landes. Ich habe einen Teil der Reise persönlich mitgemacht. Es wurde zu einem sehr ergreifenden Erlebnis, weil das mexikanische Volk die Reliquien aufgenommen hat, als ob Johannes Paul II. persönlich sie noch einmal besucht hätte. Danach haben auch einige Bischöfe aus Kolumbien um einen Besuch der Reliquien gebeten. Zur Zeit befinden sich die Reliquien in Nigeria.

ZENIT: Besteht nicht die Gefahr, dass diese Reliquienverehrung missverstanden werden könnte?

Msgr. Sławomir Oder: Die Gefahr besteht schon, aber man darf eben nie vergessen, dass das ganze nichts mit Magie zu tun hat. Reliquien sind ein greifbares Zeichen der Gegenwart eines Heiligen unter uns. Es handelt sich nicht um magische Amulette, sondern um eine Aufforderung, den Werten und dem Beispiel des Menschen zu folgen, dem diese Reliquien angehören. Ich kann nur sagen, dass diese Pilgerreisen mich innerlich sehr erbaut haben. Die Menschen sind mit dem richtigen Geist, durch Katechese und das belehrende Beispiel des Papstes vorbereitet worden.

ZENIT: Ich möchte noch einmal auf Mexiko zu sprechen kommen. Wie haben Sie die Kirche und die Gläubigkeit in diesem Land erlebt?

Msgr. Sławomir Oder: Ich habe eine sehr lebhafte, freudige, hoffnungsvolle Kirche vorgefunden. Eine Kirche mit viel Volksgläubigkeit, die aber deswegen nicht weniger echt und tiefsinnig ist. Der Besuch der Reliquien war eine Gelegenheit, um die Liebe zur Eucharistie zu erneuern und dem Wort Gottes zu lauschen, vor allem aber war er ein Aufruf zu echter Bekehrung. Ich habe erfahren, dass die Durchreise der Reliquien von einer Vielzahl von Bekehrungen und Beichten begleitet wurde. Das ist ein Zeichen dafür, dass dieses Interesse für die Reliquien des Seligen nicht bloß menschliche Neugier ist, sondern auf der Anhörung des Heiligen Geistes basiert, der zur Kirche und zu den Gläubigen spricht.

ZENIT: Welche Rolle hat die Postulation nach der Seligsprechung von Johannes Paul II. noch?

Msgr. Sławomir Oder: Die Heiligsprechung erfordert keine Wiederaufnahme des Prozesses über die heroischen Tugenden; dieser sehr aufwendige Teil der Arbeit ist nun Geschichte. Meine Aufgabe besteht jetzt darin, wachsam zu bleiben, um ein etwaiges Wunder identifizieren zu können und zur Heiligsprechung zu schreiten. Zwischenzeitlich ist der Postulator zur Bezugsperson dieser ganzen geistlichen Bewegung geworden, die sich mit dem Wunsch verbindet, mehr über das Leben und die Heiligkeit von Johannes Paul II. zu erfahren.

Der selige Johannes Paul II. pflegte zu sagen, jedes Geschenk sei eine Verpflichtung. Deshalb nehme ich gern an Veranstaltungen teil, die dazu beitragen können, das Wissen über die Gestalt des Seligen und seine Botschaft zu verbreiten. Es ist für mich eine Pflicht, mit anderen zu teilen, was ich in diesen Jahren als Postulator empfangen habe. Diese Jahre waren für mich ein wahrer Segen.

ZENIT: Können Sie uns etwas über die Johannes Paul II. zugeschriebenen Wunder verraten, die der Postulation gemeldet wurden?

Msgr. Sławomir Oder: Wie auch schon vor der Seligsprechung gehen an meinem Büro noch immer zahlreiche Briefe ein, die Zeugnisse über empfangene Gnaden enthalten. Manche davon sind sehr interessant und bedeutsam. Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich besonders auf ein paar ganz bestimmte Fälle. Ich habe bereits die Dokumentation über einen dieser Fälle angefordert und wenn die Prüfung positiv ausfällt, kann der Prozess über das Wunder bald beginnen. Aber zur Zeit warte ich noch auf Antwort und will nicht auf Einzelheiten eingehen.

ZENIT: Was können sie den Menschen antworten, die wissen möchten, wie lange es noch dauern wird, ehe der selige Johannes Paul II. heiliggesprochen wird?

Msgr. Sławomir Oder: Dafür gibt es keine vom Kirchenrecht vorgesehene Obergrenze. Hier sieht man am deutlichsten, dass der wahre Leiter des Prozesses Gott ist. Sobald der Herr den richtigen Zeitpunkt wählt, um der Kirche dieses Zeichen zu geben, wird das Zeichen unmissverständlich kommen und wir werden wissen, dass die Zeit reif ist, um Johannes Paul II. unter den Heiligen der Kirche aufzunehmen.

ZENIT: Woran kann man ein Wunder, das der Fürsprache von Johannes Paul II. zugeschrieben wird, sicher erkennen?

Msgr. Sławomir Oder: Die erste Prüfung nehme ich selbst an der Postulation vor, selbstverständlich in Zusammenarbeit mit den Experten. Wird der Fall für gut befunden, folgt ein kanonischer Prozess, in dessen Verlauf die Dokumentation gesammelt wird, dann wird die sogenannte „Positio“ erstellt und das Ganze an die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse weitergeleitet. Innerhalb der Kongregation legt eine ärztliche Kommission fest, ob das Ereignis nach dem Standpunkt der menschlichen Wissenschaft erklärt werden kann oder nicht. Eine theologische Kommission hingegen muss prüfen, ob zwischen der Anrufung der Fürsprache des Seligen und der gewährten göttlichen Gnade ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

ZENIT: Wann tritt der Heilige Vater auf den Plan?

Msgr. Sławomir Oder: Der Heilige Vater gestattet, auf Anfrage des Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, die Veröffentlichung des Dekrets, mit dem das Wunder anerkannt wird. Danach ist der Weg zur Heiligsprechung offen.

Hoffen wir, dieses Dekret so bald wie möglich auf den Seiten des „Osservatore Romano“ lesen zu dürfen.

[Teil I dieses Interviews wurde am Montag, dem 21. Mai veröffentlicht]

[Übersetzung aus dem Italienischen von Alexander Wagensommer]