In Frankreich ist es kein „Verbrechen“ mehr, ein bekennender Christ zu sein

Kardinal Vingt-Trois erklärt die „offene Laizität“ Benedikts XVI.

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LOURDES, 17. September 2008 (ZENIT.org).- Die Religionsgeschichte Europas und Frankreichs liefere genug Gründe, um Benedikt XVI. das Recht zu geben, eine „offene Laizität“ voranzutreiben, erklärte Kardinal Andre Vingt-Trois, Erzbischof von Paris, auf einer Pressekonferenz gegenüber ZENIT.

Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz kommentierte am vergangenen Sonntagabend in Lourdes die gesellschaftliche Debatte in Frankreich: Politische Stimmen hatten sich gegen die Worte von Präsident Nicolas Sarkozy gestellt, der für eine „positive Säkularisierung“ eingetreten war. Sie bekräftigten stattdessen, dass der Laizismus keine Adjektive habe.

Kardinal Andre Vingt-Trois verwies auf die Entwicklung im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, die in Frankreich und anderen europäischen Staaten wie Polen eine Bewegung zur „Bekämpfung des katholischen Glaubens" entstehen ließ. Dieser „Kulturkampf“ oder kulturelle Konflikt, mit dem sich Otto von Bismarck zwischen 1871 und 1880 als Kanzler des Deutschen Reiches gegen die Kirche gestellt habe, „richtete sich nicht gegen den Islam oder das Judentum", hob der Kardinal hervor.

„Und in dem Erlass des französischen Rechts, der mit ‚Trennung von Kirche und Staat’ betitelt ist, war für alle klar, dass die Trennung des Staates von der Kirche sich auf die katholische Kirche bezog“, bemerkte er. „Dieses Problem des säkularen politischen Systems und des Staates wurde stets als Kontroverse und aus einer militanten Perspektive her gelebt. Aber der Staat ist nicht das volle Abbild der Gesellschaft“, so der Kardinal.

Der „Zeitenwandel“, der seit dem Ersten Weltkrieg das Land bestimmte, habe dazu eingeladen, „die Dinge aus einer anderen Perspektive zu untersuchen“; das habe „zu Fortschritten in der Praxis eines pragmatischen Säkularismus geführt, der immer weniger militant wurde und zu einer Koexistenz führte, die wir friedlich nennen können“.

Der Schritt, den der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy getan habe, als er in seinem Vortrag in der Lateranbasilika in Rom am 20. Dezember 2007 und in Riad (Saudi-Arabien) am 14. Januar 2008 eine Analyse des sozialen Miteinanders bot, führte nach Worten des Kardinals dazu, „dass die religiöse Zugehörigkeit nicht mehr als ein Tabu gesehen wurde, sondern als ein spezifischer Beitrag, der für das Leben der Gesellschaft nützlich ist.

Zu sagen, dass es sich hierbei um einen ‚offenen Säkularismus’ handelt bedeutet, dass wir uns nicht mehr in einer Situation befinden, in der man nur dann an gemeinsamen Initiativen beteiligen kann, wenn man nicht sagt, warum man das tut. Man konnte ein guter Bürger sein, ‚obwohl man gläubig war’. Heute kann man sagen, dass es nicht mehr unmöglich ist, ein ‚guter Bürger zu sein, weil man ein guter Gläubiger ist’. Es ist nicht mehr wie früher.“

All dies bedeute konkret, „dass viele Männer und Frauen, die sich für gemeinsame Initiativen verpflichtet haben, die nicht konfessionell gebunden sind, so wie beispielsweise die ‚Restos du Coeur’ (Restaurants des Herzens, das heißt karitative Tütigkeiten, die von berühmten Musikern und anderen Vertretern der französischen Unterhaltungsbranche gefördert werden, Anm. d. Red.), zumindest einige der Gründe, warum sie das tun, zum Ausdruck bringen können und dies eben keine Schande mehr ist".

Allerdings sollten katholische Initaitiven, die aus religiösen Gründen durchgeführt werden, gemäß einigen Vertretern des Laizismus keinen öffentlichen Charakter haben.

Mit Blick zurück auf die legale Verfolgung von Ordensgemeinschaften zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erklärte Kardinal Vingt-Trois: „Es kann doch nicht beschämend sein, dass ein Christ sich für die Umsetzung der Solidarität stark macht. Es handelt sich doch nicht um ein ‚Verbrechen’, das gerichtlich bestraft werden sollte!“

Als Bezugspunkt zitierte der Kardinal aus dem Schreiben von Papst Johannes Paul II. an die Französische Bischofskonferenz anlässlich des Gedenkens an den Jahrestag des Gesetzes aus dem Jahr 1905, mit dem die Trennung von Kirche und Staat legitimiert worden war.

Der verstorbene Papst, so erinnerte der französische Oberhirte, habe die Bischöfe dazu aufgefordert, „über die Religionsgeschichte Frankreichs im letzten Jahrhundert nachzudenken". Und abschließend bekräftigte der Kardinal: „Niemand habe Angst vor den religiösen Initiativen von Einzelpersonen oder Gruppen. Werden sie mit Respekt vor einer gesunden Laizität umgesetzt, können sie nicht weniger sein als eine Quelle der Dynamik und zur Förderung des Menschen dienen.“

Von Anita S. Bourdin. Aus dem Französischen übersetzt von Angela Reddemann und Dominik Hartig