In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde (Lk 2,8)

Sind wir nicht alle unheimlich krank an Snobismus, an einer hochmütigen Skepsis?

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ROM, 18. Dezember 2012 (ZENIT.org). - Betrachtung zum Weihnachtsevangelium von Papst Benedikt XVI.:

„In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde (Lk 2,8)“

Was sind demnach diese Hirten, die den Weg wussten, die nur hinüberzugehen brauchten, für Menschen gewesen?..Die Überlieferung hat immer zwei Angaben für sehr wichtig angesehen: Die Hirten lagerten auf dem freien Feld und sie waren wach; sie waren unbehaust wie Joseph und Maria in dieser Nacht. Die Menschen in den Palästen, den Häusern, die hörten den Engel nicht, sie schliefen. Die Hirten waren wachende Menschen. Und darin wird etwas Tieferes sichtbar, was auch den behausten Menschen angehen kann, angehen muss. Es muss die Wachheit des Herzens in uns bleiben, die Fähigkeit, die tieferen Wirklichkeiten zu vernehmen, die Fähigkeit, sich von Gott ansprechen zu lassen. Diese Wachheit des Herzens, die Anrufbarkeit durch Gott, die nicht erloschen war, die ist es, die die Weisen aus dem Morgenland, die heiklen Seelen, mit den Hirten verbindet und sie den Weg finden lässt, auch wenn es bei ihnen langsamer, umständlicher und mit mehr Umwegen und nachfragen geschieht.

So ist die Frage: Sind wir eigentlich wach? Sind wir frei? Sind wir beweglich? Sind wir nicht alle unheimlich krank an Snobismus, an einer hochmütigen Skepsis? Kann der die Stimme des Engels hören, der im Voraus schon sicher weiß, dass es ihn gar nicht gibt? Selbst wenn er sie hören würde, müsste er sie umdeuten. Und derjenige, der sich angewöhnt hat, immer von oben her über alles zu urteilen, alles besser zu wissen, alles zu hinterfragen, wie sollte ihm Zustimmung möglich sein? Immer mehr wird mir deutlich, dass der Tod der Demut der eigentliche Grund unserer Glaubensunfähigkeit und damit der Krankheit unserer Zeit ist, und immer mehr begreife ich, wieso der heilige Augustinus die humilitas –die Demut- als den Kern des Christusgeheimnisses erklärt hat. Er war ja selbst einer jener heiklen Seelen, die nur mühsam von dem hohen Sockel heruntersteigen und nur auf vielen Umwegen und sehr schwer den Weg zur Krippe finden.

Unser Herz ist nicht wach, es ist nicht frei. Es ist vollgestopft mit Vorurteilen und mit Besserwissen. Es ist betäubt durch Geschäfte und Pflichten, gelähmt durch ihre Hektik. Und dennoch, es bleibt der Trost, dass es auch für die heiklen Seelen den Weg gibt, dass auch sie Hirten werden können, wenn sie eines mit ihnen gemeinsam haben, das Wachsein und das Freisein. Und so sollten wir diese Tage nicht dazu nehmen, uns neu betäuben zu lassen, sondern als eine Zeit des Aufatmens, des Freiwerdens, damit das Herz wieder hören und sehen lernt!

Aus einer Weihnachtspredigt von 1980