Indien: Verteidigung von Frauenrechten durch Missionsschwestern

Die ersten italienischen Ordensfrauen gingen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Indien

Mailand, (ZENIT.org) | 1049 klicks

Im Dezember gelangte in Indien der Skandal der weitverbreiteten Gewalt gegen Frauen an die Öffentlichkeit, über den die Medien auch in Europa viel berichtetet haben. Gewalt von manchmal schier unfassbarer Grausamkeit, wie im Fall der Vergewaltigung eines siebenjährigen Mädchens. Anscheinend nimmt diese Art von Gewalttaten in den indischen Großstädten zu. Jetzt jedoch haben die Frauen beschlossen, ihr Schweigen zu brechen. Im ganzen Land haben Demonstrationen stattgefunden, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese von der indischen Politik und Justiz offensichtlich unterschätzten Verbrechen gelenkt haben.

Diese jüngsten Ereignisse werden verständlicher, wenn man sie in einen geschichtlichen Kontext setzt. So beschrieben zum Beispiel die Missionare des Päpstlichen Instituts für die auswärtigen Missionen („Pontificium Institutum pro Missionibus Exteris“, kurz PIME) schon Mitte des 19. Jahrhunderts die fast sklavenhaften Lebensbedingungen der indischen Frauen. Aus den Briefen dieser Missionare geht aber auch hervor, dass die Ankunft der Missionsschwestern in Indien den Beginn der Befreiung der Frauen, der Hälfte der indischen Gesellschaft, bedeutete.

Heute denkt niemand mehr daran, dass die Emanzipation der Frau in Indien mit der Gründung der ersten christlichen (katholischen und protestantischen) Missionen und ihrer sozialen Tätigkeit begann, und dass katholische Ordensfrauen die ersten waren, die auch Mädchen in ihre Schulen aufnahmen und ihnen lesen und schreiben beibrachten. Dies gilt auch für andere nichtchristliche Kulturen Asiens und Afrikas, in denen die soziale Befreiung der Frauen mit der Verkündung des Evangeliums begann. In Indien waren die Missionsschwestern schon lange vor der englischen Kolonialzeit (die 1876 einsetzte und die ersten Gesetze zum Schutz der Frauen brachte) tätig und kümmerten sich vor allem um die Ausbildung der jungen Frauen. So zeigten die ersten christlichen Gemeinden des Landes durch ihr konkretes Beispiel, welchen Nutzen eine Gesellschaft daraus zieht, wenn man den Frauen dieselben Rechte auf Freiheit und Ausbildung einräumt wie den Männern.

Es geht dabei nicht einmal nur um Schulausbildung und die Sicherung der elementarsten Menschenrechte. Oft hört man in Indien, dass junge Christinnen mehr Heiratsanträge bekommen als andere Frauen, dass also die Männer lieber eine Christin heiraten, weil christliche Frauen eine andere Ausbildung genossen haben und ihren Familien in vielerlei Hinsicht mehr nützen können.

Die ersten italienischen Ordensschwestern, die nach Indien kamen, waren von den Missionaren des PIME gerufen worden, die seit 1855 in Andhra Pradesh eine Mission unterhielten. Pater Albino Parietti schrieb 1858 an Msgr. Marinoni, dem Direktor des damals neu gegründeten Mailänder Missionsinstituts, er hoffe auf eine baldige Ankunft der Schwestern, weil es „ohne sie unmöglich ist, eine reguläre Schulausbildung für Mädchen zu sichern. Die lokalen Religionen (Hinduismus und Islam) wollen so etwas nicht.“ Des Weiteren riet P. Parietti: „Man muss damit beginnen, die Mädchen in den typischen Frauenarbeiten zu unterrichten, bevor man so weit gegen die tief verwurzelten Vorurteile verstößt, dass man eine echte Mädchenschule eröffnet.“ Und weiter: „Die Frauen, die der Religion der Brahmanen angehören, sind zur Unwissenheit verpflichtet; es ist ihnen nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen.“ Diese Dinge sind in Indien bekannt, und der Erfolg des christlichen Glaubens in diesem Land erklärt sich auch gerade daraus: Die christlichen Missionen waren die ersten, die den unterdrückten Schichten der indischen Gesellschaft, den Frauen, aber auch den Kastenlosen (Parias) und den Angehörigen niederer Kasten die Hand reichten.