Indien:Vorbehalte der katholischen Kirche gegenüber den Initiativen des indischen Aktivisten Anna Hazare

Kampf gegen die Korruption nicht instrumentalisieren

| 959 klicks

VASAI, 25. August 2011 (ZENIT.org). - „Die Bekämpfung der Korruption ist äußerst wichtig: das Phänomen durchdringt alle Bereiche und es sind Gesetze zur Bekämpfung notwendig. Doch die Initiative von Anna Hazare würde ich mit Vorbehalt betrachten. Er ist eine ehrliche und aufrichtige Person, doch er setzt sich unbewusst der Instrumentalisierung zu politischen Zwecken aus“, so Bischof Felix Machado von Vasai im Gespräch mit dem Fidesdienst. Bischof Machado ist ehemaliger Untersekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und nimmt im Gespräch mit dem Fidesdienst Stellung zu dem (inzwischen 9tägigen) Hungerstreik des indischen Aktivisten Anna Hazare und der im Zusammenhang damit entstandenen sozialen Bewegung, die die indische Gesellschaft spaltet.

Bischof Machado stammt wie Hazare aus dem indischen Unionsstaat Maharashtra und kennt ihn persönlich. Er schätzt ihn als „aufrichtig für das Wohl Indiens engagierten Menschen“, erinnert aber auch daran, dass „für die Korruption alle verantwortlich sind“, wobei er sich einen „Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft wünscht“ und darauf hinweist, dass „ein Mensch allein nicht ein ganzes Land in seinen Bann ziehen kann“. Man müsse „die demokratischen Mittel und die Verfassung respektieren, wenn es um Reformen oder ein Eingreifen in die Geschicke der Nation geht“.

Exzellenz, wie schätzen Sie die soziale Bewegung gegen die Korruption ein?

Bischof Felix Machado: Die Richtigkeit der Forderungen der Zivilgesellschaft steht außer Frage. In Indien sind wir Opfer einer alles durchdringenden Korruption, die von den höchsten politischen Sphären bis zum einfachen Bürger reicht. Alle sind davon betroffen. Auch diejenigen, die Bestechungsgelder bezahlen, machen sich zu Komplizen der Korruption. Es handelt sich um ein sehr ernstes Problem, und die Menschen sind diese Praktiken leid, denn sie betreffen alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens. Deshalb ist ein entschlossenes Eingreifen zur Korruptionsbekämpfung dringend notwendig, und wir sind glücklich, dass dieses Thema heute zu den Prioritäten der politischen Agenda gehört.

Wie beurteilen Sie die Bewegung, die im Zusammenhang mit der Initiative von Anna Hazare entstanden ist?

Bischof Felix Machado: Ich kenne Hazare persönlich, denn wir stammen aus derselben Region und er spricht meine Sprache, Marathi. Hazare ist ein einfacher und ehrlicher Mensch und ich schätze sein aufrichtiges Engagement zum Wohl des Landes, denn er hat sein ganzes Leben sozialen Belangen und Fragen der Rechte und Werte gewidmet. Das Problem ist jedoch, dass es in der Bewegung, die im Zusammenhang mit seiner Initiative entstanden ist, auch Opportunisten gibt. Hazare ist keine Führungspersönlichkeit wie Gandhi und setzt sich, wenn auch unbewusst, dem Risiko der Instrumentalisierung aus. Hinter ihm stehen heute auch Gruppen und Lobbys, die auf dem Weg einer Abkürzung an die Macht gelangen wollen und nichts mit Demokratie im Sinn haben. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein und abwarten, wie sich die Situation entwickelt.

Was schlägt die katholische Kirche vor? Stimmt sie dem Vorschlag einer „unabhängigen Antikorruptionsbehörde“ zu, wie Hazare sie fordert?

Bischof Felix Machado: Die indische Kirche macht sich Sorgen im Hinblick auf das Problem der Korruption. Es ist offensichtlich, dass der Kampf richtig ist und der Feind, die Korruption, konkret existiert. Die Kirche hat stets unmissverständlich erklärt, dass die Korruption eine Krankheit des Landes ist, dass sie gegen die persönliche Moral verstößt. Wir wollen, dass in der Gesellschaft Werte wie Wahrheit, Ehrlichkeit, Transparenz, Aufrichtigkeit beim Handeln der Menschen vorherrschen. Doch wie viele Intellektuelle, Journalisten und Schriftsteller zweifelt die Kirche an der Art und Weise, in der die um Hazare entstandene Bewegung vorgeht, die einen ‚antipolitischen’ Weg gewählt zu haben scheint. Dabei ist nicht ganz klar, wohin der Weg führen soll. Die Kirche unterstützt die Verfassung, die Werte und Regeln der Demokratie, legitime Formen und institutionelle Wege bei der Verwirklichung von politischen und sozialen Reformen. Indien ist ein großes demokratisches Land und ein einzelner Mensch, auch wenn er ehrlich ist und mit guten Absichten handelt, kann nicht ein ganzes Land in seinen Bann ziehen.

Was wünschen Sie sich in diesem Moment?

Bischof Felix Machado: Wir wünschen uns, dass ein konstruktiver Dialog zwischen der Regierung und den Gruppen um Hazare auf den Weg gebracht wird. Die Regierung ist dialogbereit und Hazare sollte nicht allzu großen Widerstand leisten, denn er sollte verhandeln und nicht einen Weg einschlagen, der für die demokratischen Strukturen gefährlich sein könnte. Anfangs hat die Regierung der Anti-Korruptions-Bewegung kein allzu großes Interesse gewidmet, doch diese hat sich ausgedehnt. Heute zeigt auch die Regierung Interesse an der Bewegung und es ist richtig, dass man Vereinbarungen trifft. Heute versammeln sich deshalb auch die Vorsitzenden der im Parlament vertretenen Parteien, die eine gemeinsame Plattform schaffen wollen. Premierminister Singh hat unterdessen in einem Schreiben an Hazare seine Dialogbereitschaft kundgetan. Ich hoffe, dass es einen konstruktiven Dialog zum Wohl des Landes geben wird. Ich erinnere daran, dass es nur durch individuelle Engagement und das moralisch einwandfreie Handeln des einzelnen Bürgers zu einem Wandel in unserem Land kommen kann.