Ingrid Betancourt verrät, wie Gott ihr Herz berührte

Pressekonferenz nach der Begegnung mit Papst Benedikt XVI.

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ROM, 2. September 2008 (ZENIT.org).- Die ehemalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt verriet gestern, Montag, im Anschluss an ihre 25-minütige Begegnung mit Papst Benedikt XVI. im Apostolischen Palast von Castel Gandolfo bei einem Pressegespräch, wie Gott ihr Herz berührt hat.

Vor ihrer Entführung im Februar 2002 sei sie, wie sie selbst zugab, wenig gläubig gewesen. Die einzigen Bücher, die sie während der fast siebenjährigen FARC-Gefangenschaft im kolumbianischen Dschungel bei sich hatte, seien dennoch die Bibel und ein Wörterbuch gewesen, so dass sie viel Zeit damit verbrachte, das Wort Gottes zu lesen und zu meditieren.

Weihe an das allerheiligste Herz Jesu

Täglich habe sie Radio gehört, um auf dem Laufenden zu bleiben und sich ein wenig zu unterhalten. Einen Monat vor ihrer Befreiung, am 1. Juni, hörte sie das katholische Weltradio EWTN und vernahm dort die Verheißungen, die jenen Menschen zuteil werden, die sich dem allerheiligsten Herzen Jesu weihen.

Auch wenn sie meinte, sich nicht an alle zu erinnern, zählte sie sie vor den Journalisten einzeln auf: Die erste Verheißung besteht demnach darin, das harte Herz derer zu berühren, die einem Leid zufügen. Die zweite Verheißung ist, dass die Pläne des Betroffenen gesegnet werden, und die dritte, dass man Hilfe erfährt, um das eigene Kreuz tragen zu können.

Diese Verheißungen ließen Betancourt aufhorchen, so dass sie zu sich sagte: „Das ist ja für mich! Gott muss für mich das harte Herz der Guerilla berühren. Er muss das harte Herz all der Menschen berühren, die es nicht zulassen, dass wir unsere Freiheit wiedererlangen.

Mein Vorhaben, für uns alle die Freiheit zu erlangen, muss sich Gott zu Eigen machen. Er muss es segnen und zulassen, dass es Wirklichkeit wird. Und er muss mir helfen, dieses Kreuz zu tragen – denn alleine schaffe ich es nicht mehr.“

Nachdem sie diese Verheißungen kennen gelernt hatte, sagte sie zum Allerheiligsten Herzen: „Jesus, in all diesen Jahren habe ich Dich um nichts gebeten. Aber heute werde ich etwas von Dir erbitten: Da ja jetzt der Monat des Allerheiligsten Herzens ist – Dein Monat! –, möchte ich Dich bitten, dass Du ein Wunder vollbringst: nicht das Wunder meiner Befreiung – denn ich glaube nicht, dass das möglich ist –, sondern dass ich weiß, wann ich befreit werde. Wenn ich das nämlich weiß, werde ich – selbst wenn es noch viele Jahre dauern sollte – die Kraft haben durchzuhalten. Wenn Du dieses Wunder für mich machst, mein Herr, will ich Dir gehören.“

Betancourt erklärte beim Pressegespräch, dass sie dem Papst diesbezüglich bekannt habe: „Ich weiß nicht, was es heißt, Christus zu gehören“, worauf Benedikt XVI. geantwortet habe: „Er wird dir den Weg zeigen.“

Am 27. Juni kam ein FARC-Kommandant zu Betancourt und erklärte ihr: „Es gibt eine internationale Kommission, die die Gefangenen besuchen wird, und es ist sehr wahrscheinlich, dass einige von ihnen freigelassen werden.“

Zur Befreiung habe der Heilige Vater ihr während der Audienz gesagt: „Er [der Herr] vollbrachte das Wunder deiner Befreiung, da du verstanden hast, ihn darum zu bitten. Denn du hast nicht für deine Befreiung gebeten, sondern darum, dass sein Wille geschähe und dass er dir helfe, seinen Willen zu verstehen.“

Gottvertrauen


Betancourt nutzte die Gelegenheit, um an alle Ungläubigen zu appellieren: „Es gibt viele Menschen, die mit Gott hadern und nicht glauben wollen, und so viele andere, die sich dafür schämen, an Gott zu glauben. Das einzige, was ich ihnen sagen kann, ist, dass es jemanden gibt, der uns hört und zu uns spricht – mit Worten. Und wenn wir verstehen, wie man mit ihm spricht, wird er uns helfen.“

Betancourt wies nach ihrer Begegnung mit Benedikt XVI. außerdem darauf hin, dass der Heilige Vater immer auch für die Entführer bete. „Der Papst trägt den Schmerz derer, die leiden, in seiner Seele“, fügte sie hinzu. Er sei ein „Mann des Lichts“.

Jenen, die sie während ihrer Gefangenschaft begleitet hatten und auch jetzt noch nicht befreit worden sind, sagte Betancourt: „Ich weiß, dass diese Stimme auch im kolumbianischen Dschungel vernommen wird. Ich weiß, dass ich euch bald in Freiheit umarmen werde.“

Ihr Aufruf galt auch den Mitgliedern der Revolutionären Streitkräfte, die gegenwärtig rund 3.000 Gefangene in ihrer Gewalt haben. „Sie haben mich sieben Jahre gefangen gehalten. Ich kenne Sie sehr, sehr gut. Ich kenne Ihre Organisation, und weiß, wie Sie sich Ihre Ziele ausdenken. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt auf Sie wartet. Die Welt will, dass es Platz gibt in Ihren Köpfen, damit es Ihnen gelingt, in Kolumbien Frieden herbeizuführen... Die Antwort findet sich in Ihren Herzen, nicht in militärischem oder politischem Kalkül.“

Von Carmen Elena Villa Betancourt; Übertragung ins Deutsche von Dominik Hartig