Institution statt Familie: Siegt die Dummheit bei der Kinderbildung?

Analyse des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.

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OLPE, 2. Dezember 2011 (ZENIT.org/i-DAF). -Die Familienpolitik in Deutschland liegt im Argen. Die von Papst Benedikt XVI. immer wieder als Keimzelle einer gesunden Gesellschaftsordnung geforderte Familie, die, basierend auf einer Ehe zwischen Mann und Frau, fähig ist, Werte weiterzugeben und überaus wichtige Erziehungsarbeit zu leisten, wird von allen Seiten angegriffen. Das „Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.“ hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Thematik aufzugreifen. Einen dieser Aspekte, die außerhäusliche Betreuung von Kleinkindern in Krippen, behandelt sie in ihrem neuen Newsletter, in dem es heißt:

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In den Kulturkämpfen der „Bewusstseinsindustrie" (Hans M. Enzensberger) sind Wörter die schärfsten Waffen: Ist einmal das richtige „Label" verpasst, verdrängt das ideologische Klischee immer mehr die Wirklichkeit. Beispielhaft dafür ist der Streit um die Kinderbetreuungspolitik: Zu große Gruppen, zu wenige und wechselnde Erzieherinnen und zu wenig Aufmerksamkeit für das einzelne Kind - die Alltagsprobleme in Kindertagesstätten sind vielen Eltern bekannt. Gleichzeitig belegen einschlägige Studien, dass nur bei hoher Betreuungsqualität eine (zeitlich begrenzte) außerfamiliäre Betreuung für Kleinkinder förderlich oder zumindest unschädlich sein kann (1). Dessen ungeachtet gilt der quantitative Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur im politisch-medialen Jargon als „Bildungsinvestition", die den Lebenschancen der Kinder diene. Spiegelbildlich dazu ist die finanzielle Familienförderung in Verruf: Den Eltern gewährtes Bargeld würde von diesen lediglich für Flachbildschirme, Spirituosen und Zigaretten verschwendet, während ihre Kinder verwahrlosten. Die Polemik auf die Spitze trieb jüngst ein Bertelsmann-Funktionär: Ein Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, denunzierte er als „Verdummungsprämie" (2).

Meist kommt die öffentliche Disqualifikation familiärer Erziehung weniger verbalradikal daher; sie artikuliert sich eher in gefälligen Begriffen wohlmeinender Fürsorge: Eltern sollen durch „soziale Dienste" von der „Alleinzuständigkeit" für ihre Kinder entlastet und Kinder durch Bildungsangebote gefördert werden (3). Um dies zu erreichen, müssten Kinder von klein auf „einen wesentlichen Teil des Tages in öffentlich organisierten und verantworteten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen" verbringen (4). Familiäre Kinderbetreuung steht dieser Systemveränderung zur „Institutionenkindheit" im Weg; statt diese durch Geldleistungen zu unterstützen, müsse der Staat daher die Betreuungsinfrastruktur ausbauen so lautet das Credo der Advokaten einer Entfamilisierung der Kindheit (5).

Befürworter elterlicher Wahlfreiheit hingegen sehen institutionelle Kinderbetreuung und finanzielle Hilfen nicht als Widerspruch, sondern als sich ergänzende Alternativen. Nach ihrer Ansicht sollten Eltern die Wahl haben zwischen einem Betreuungsplatz einerseits und einer Geldleistung für die Eigenbetreuung ihrer Kleinkinder andererseits (6). In anderen Ländern wie Frankreich oder Finnland ist das möglich. Die dort gezahlten Beträge (ca. 300 Euro) übersteigen dabei deutlich die Höhe des von der Bundesregierung geplanten Betreuungsgeldes (100 bis 150 Euro). Im Vergleich zu den öffentlichen Aufwendungen für einen Krippenplatz, der in Westdeutschland etwa 1200 Euro pro Monat kostet, sind das eher Taschengeldbeträge (7). Diese massive Begünstigung institutioneller Betreuung bleibt im politisch-medialen Diskurs meist ausgeblendet; dagegen wird das Ehegattensplitting, das  Einverdienerfamilien begünstigt, als vermeintliche „Subvention" häuslicher Kinderbetreuung kritisiert (8).

Die Präferenzen in der Bevölkerung sehen anders aus: Häusliche Kinderbetreuung bevorzugen besonders kinderreiche Eltern; am Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur ist ihnen deshalb weniger gelegen als an Geldleistungen. Transfers wie das Kindergeld sind für diese Familien ein dringend benötigter Teil ihres meist knappen Budgets. Dessen weitaus größter Teil ist für den gemeinschaftlichen Grundbedarf an Nahrung, Kleidung und Wohnraum verplant. Sonderausgaben wie Restaurantbesuche und Reisen können sich kinderreiche Eltern nur relativ selten leisten. Im Unterschied zu Journalisten oder Politikern pflegen sie deshalb eher einen „häuslichen" Lebensstil (9). Fehlen Kindern in diesem Umfeld deshalb die Bildungsanregungen? Den verbreiteten kulturpessimistischen Klischees widerspricht die erstaunlich gute Ausstattung der meisten Mehrkinderhaushalte mit Spielzeug, Sachbüchern, Lernsoftware und Musikinstrumenten (10). Diese „Bildungsinvestitionen" entspringen der Aufmerksamkeit der Eltern für die Bedürfnisse ihrer Kinder. Für die Motivation und Ausdauer von Kindern beim Erlernen zum Beispiel eines Musikinstruments ist diese elterliche Zuwendung ein entscheidender Faktor (11). In einer durch Betreuungsinstitutionen bestimmten Kindheit droht dieser unersetzbare Bildungsfaktor zu verknappen - zum Schaden des kreativen Potentials nachwachsender Generationen. Wahrhaft verdummend sind daher nicht Transfers an Eltern, sondern die öffentliche Geringschätzung elterlicher Erziehungsmühen.

Buchtipp:
"Abenteuer Familie: Erfolgreich erziehen: Liebe und was sonst noch nötig ist."
Von Jürgen und Martine Liminski
Sankt-Ulrich-Verlag, geb. 215 S.
18,90€

(1) Siehe hier.

(2) So Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung) wörtlich in der WDR-Sendung „Westpol“ hier.

(3) Exemplarisch für diese Argumentation: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Elfter Kinder- und Jugendbericht), Berlin 2002, S. 57-58.

(4) Siehe: Thomas Rauschenbach: Vorwort, S. 25-27, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Zwölfter Kinder- und Jugendbericht), Bundestagsdrucksache 15/6014, Berlin 2005, S. 25.

(5) Beispielhaft für diese Sichtweise: Klaus Hurrelmann: Sozialisation - Bildung - Gesundheit. Kann wissenschaftliche Forschung politische Effekte erzielen? Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld im Januar 2009, veröffentlicht in: ZSE - Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29. Jahrgang, 3/2009, S. 234-235.

(6) Siehe hier.

(7) Zu den Kosten unterschiedlicher Modelle der Kinderbetreuung in Deutschland und Frankreich hier. Zur Kinderbetreuungspolitik in Finnland: Gerda Neyer et al: Fertilität, Familiengründung und Familienerweiterung in den nordischen Ländern, S. 207-234, in: Hans Bertram/Helga Krüger/C. Katharina Spieß (Hrsg.): Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, S. 222-223.

(8) Zur Diskussion um das Ehegattensplitting hier.

(9) Zur Lebenssituation und der familienpolitischen Interessenlage von Mehrkinderfamilien hier.

(10) Siehe: „Materialien zum Spielen und Lernen in Familien“ (Abbildung unten).

(11) Zur Rolle der Eltern für Bildungsprozesse von Kindern hier.