Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum

Seligsprechung Hildegard Burjans am 29. Januar 2012

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ROM, 17. Januar 2012 (ZENIT.org). - Am 29. Januar 2012 wird Hildegard Burjan im Wiener Stephansdom seliggesprochen werden, wie das Erzbistum Wien bestätigte. Erzbischof Dr. Christoph Kardinal Schönborn bekräftigte, „Für die Erzdiözese Wien, aber auch für ganz Österreich, ist Hildegard Burjan eine beeindruckende Gestalt – ein Mensch zum Vorzeigen.“

Das Seligsprechungsverfahren war 1963 von Kardinal Dr. Franz König eingeleitet worden. Die Seligsprechung wird Erzbischof Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig-und Heiligsprechungen, vornehmen.

Hildegard Burjan wird am 30.1.1883 in Görlitz an der Neiße als zweite Tochter einer jüdischen Familie geboren. Schön früh zeichnet sich ihre problemorientierte und freiheitliche Geistesgesinnung ab. Sie zählt mit zu den ersten Frauen, die eine Universität besuchen und zieht als erste Frau in die Österreichische Nationalversammlung ein. Das in Zürich absolvierte Studium der Philosophie schließt sie 1908 als Dr. phil. mit „summa cum laude" ab.

Hildegard Burjan, seit 1907 mit Alexander Burjan verheiratet, zieht gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Wien, wo dieser als Industrieller tätig ist.

In Wien trifft Hildegard Burjan auf große soziale Gegensätze. Vor dem sozialen Elend verschließt sie keineswegs die Augen, sondern als aufmerksamer und kritischer Beobachter der unerträglichen sozialen Situation beginnt sie, sich ernsthaft sozial zu engagieren.

Hildegard Burjan schließt sich Frauen an, die sich für die Umsetzung der in der Sozialenzyklika Papst Leos XIII. „Rerum novarum" formulierten Ideen einsetzen. Burjans Arbeit ist tief vom katholischen Glauben geprägt, zu dem sie 1909 nach einer schweren Krankheit konvertiert.

Die innere Freiheit des Menschen und die Herausbildung seiner Persönlichkeit hält sie für seine innere Entwicklung unabdingbar. Deshalb kann soziale Hilfe ihrer Meinung nach nur in der Hilfe zur Selbsthilfe liegen. Für sie steht die Würde des Menschen stets im Vordergrund.

1912 gründet sie den „Verein christlicher Heimarbeiterinnen“, 1918 werden alle Arbeiterinnenverbände im Verein „Soziale Hilfe“ zusammengefasst. Die Hunger leidende Bevölkerung des Erzgebirges unterstützt Burjan mit einer Lebensmittelsammlung und gründet außerdem die Familienhilfe im Sudetenland.

Gemäß ihrem Grundsatz, dass Hilfe auf privater und politischer Ebene erfolgen und sich diese beiden Ebenen miteinander ergänzen müssen, engagiert sich Hildegard Burjan seit 1918 auch politisch. Ihr Ziel ist es, die sozialen Strukturen zu verändern und dauerhaft zu verbessern. Ihre dabei an den Tag gelegte Sensibilität für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Zeit ist bestechend.

Bei ihrer politischen Arbeit konzentriert sich Hildegard Burjan auf die Sozialpolitik. Sie setzt sich für Gleichberechtigung, Mindestlöhne der Heimarbeiterinnen, Gefährdetenfürsorge und gegen Kinderarbeit ein. Sie nimmt mit ihrer Arbeit entscheidenden Einfluss auf die heutige Gestalt der Sozialpolitik und der entsprechenden staatlichen Einrichtungen.

Am 4. Oktober 1919 gründet Hildegard Burjan schließlich mit Hilfe des Prälaten Dr. Ignaz Seipel, von 1919 bis 1932 österreichischer Bundeskanzler, die apostolische Schwesterngemeinschaft „Caritas Socialis“. Diese Gemeinschaft entspringt der Idee, dass die Gesellschaft Menschen brauche, die ihr Leben ganz dem sozialen Engagement widmen. Ganz bewusst verzichtet Burjan auf die Klausur oder einengende klösterliche Formen. Die Flexibilität bei der Arbeit steht damals (und steht auch heute noch) im Vordergrund. Die von Hildegard Burjan vorgelebten Grundsätze und Ideen leben bei „Caritas Socialis“ bis heute weiter.

„Caritas Socialis“ unterhält in Wien diverse Einrichtungen wie ein Wohnheim für Mutter und Kind, eine Beratungsstelle, Kindergärten und Horte, die CS Pflege- und Sozialzentren mit spezialisierten Angeboten für die Pflege und Betreuung älterer und chronisch kranker Menschen bei der Betreuung zu Hause, integrativ-geriatrische, Alzheimer- und Multiple Sklerose-Tageszentren, Wohngemeinschaften für Demenzkranke, Einrichtungen stationärer Pflege mit Spezialstationen sowie Einrichtungen des mobilen und stationären CS-Hospizes Rennweg.

Hildegard Burjan hat mit ihrem unermüdlichen und vorbildhaften Einsatz ein Lebenswerk geschaffen, das nach ihrem Tode am 11. Juni 1933 bis heute lebendig ist und auch für die zukünftigen Generationen  ein Wegweiser und Orientierungspunkt sein wird.

Das aktuelle Programm anlässlich der Seligsprechung Hildegard Burjans kann dieser Seite entnommen werden.

Von Britta Dörre