Interreligiöser Dialog darf nicht nur die "Altbekannten" einbeziehen

Rede von Paul Bhatti im Rahmen des Kongresses zum Jubiläum der Enzyklika "Pacem in Terris"

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 426 klicks

Keine Religion darf als Vorwand zur Tötung oder zur Verletzung der Menschenrechte verwendet werden. Auf diesem Prinzip sollte die Religionsfreiheit fußen. Christen sind in dieser Hinsicht die am meisten benachteiligte Gruppe: Etwa 300.000 unserer Glaubensgenossen in aller Welt sind Opfer von Verfolgung und Diskriminierung, und ca. 75 Prozent aller aufgrund ihrer Religion Diskriminierten sind Christen.

Diese Themen standen im Mittelpunkt des ersten runden Tisches im Rahmen der Abschlusssitzung der Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum der Veröffentlichung der Enzyklika „Pacem in Terris“.

Der Einführung des Kardinals Peter Kodwo appiah Turkson, Präsident der Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden im Hotel „Domus Pacis“ in Rom folgten Redebeiträge von Kardinal Jean Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, dem ehemaligen apostolischen Nuntius in Ägypten Msgr. Michael Fitzgerald, und dem ehemaligen pakistanischen Minister für Nationale Harmonie, Paul Bhatti.

Letzterer ist der Bruder Shabhaz Bhatts, ebenso pakistanischer Minister, der am 2. März 2011 von den islamischen Fundamentalisten ermordet wurde, weil er seinen katholischen Glauben niemals verborgen hatte.

Die Lage der Religionsfreiheit in seinem Land schildernd, betonte Bhatti, dass dieses Recht (im Unterschied zu beispielsweise Saudi Arabien) von der Rechtsordnung anerkannt sei und auch das berüchtigte Blasphemie-Gesetz de facto keinen Menschen je zum Tode verurteilt habe.

Das wahre Problem seien die Flügel extremistischer und fundamentalistischer Splittergruppen. Diese lösten Hasskampagnen gegen Christen aus und beschuldigten sie oft unter dem Vorwand der Blasphemie. Dieser Fanatismus münde nur allzu oft in körperliche Gewalt und Tötungen.

Am Rande der Konferenz stellte ZENIT Paul Bhatti einige Fragen zu einem der entscheidendsten Themen für die Zukunft der Menschheit und des Weltfriedens.

Dr. Bhatti, aus welchem Grund sind Ihrer Meinung nach diplomatische Mittel für den Weltfrieden nicht mehr ausreichend, sodass der Faktor Religion immer öfter notwendig wird?

Paul Bhatti: Im Gespräch über Gewalt und Terrorismus wird die Religion oft als Vorwand verwendet. Dennoch legitimiert keine Religion die Tötung eines anderen Menschen im Namen Gottes. Daher müssen wir diese Vorstellung mit jenen teilen, denen ihre Religion am Herzen liegt und die sie schützen. Das Christentum impliziert nicht so sehr die Bekehrung der Nichtchristen, sondern vielmehr das Zeugnis Christi und ein den anderen Menschen gewidmetes Leben, d.h., die wie ein religiöser Glaube vermittelte Menschlichkeit und die Liebe. Andere Religionen wie der Islam habe wichtige Werte: Wenn jemand sie fördert, kann er jeglichen im Namen der Religion manifestierten Gewaltakt nur verurteilen.

War Aufruf von Papst Franziskus zum Gebet und zum Fasten für den Frieden in Syrien und in aller Welt ihrer Meinung nach sinnvoll?

Paul Bhatti: Meines Erachtens war der Aufruf des Papstes außergewöhnlich! Nur mit Gebet und Dialog ist ein Vorankommen möglich. Als er über den Frieden in Syrien sprach, hat er daran erinnert, dass ein Krieg einen anderen hervorruft und dass es so kein Entkommen gibt … Daher muss der Dialog auf diplomatischer Ebene die Kraft haben, weltweite humanitäre Krisen und Gewalt zu lösen. Wenn dies nicht gelingt, so mag dies daran liegen, dass der Realität der Situation vielleicht nicht ausreichend Rechnung getragen wurde oder dass keine zu einer Veränderung fähigen Personen in den Dialog mit einbezogen wurden. Jede Situation muss mit Entschlossenheit und unter Anwendung sowohl intellektueller als auch religiöser Kompetenzen Personen mit einem bestimmten Einfluss übergeben werden. Wenn in einem Gebiet Pakistans extremistische Demonstrationen ausgetragen werden und ich mich an einen den Islam gutheißenden Wissenschaftler oder Priester wende, dann werden sie zu keiner Veränderung beitragen, denn sie sind bereits davon überzeugt, dass es sich um ein Übel handelt. Vielmehr gilt es, unsere Ideen mit jenen Menschen zu teilen, die den Urheber der Gewalt beeinflussen können. Manchmal ist der Grund des Scheiterns des interreligiösen Dialoges der Umstand, dass keine andersdenkenden Personen involviert wurden.

Sie haben in Italien gelebt und sind somit ein Kenner der westlichen Kultur: Herrscht in Europa tatsächlich Religionsfreiheit?

Paul Bhatti: Ich denke, dass sich das Prinzip der Religionsfreiheit (inklusive des Rechtes, sich zu keiner Religion zu bekennen) durch die Entwicklung der Demokratie des Westens dort nunmehr als Grundlage der Menschenrechte etabliert haben sollte. Dennoch wird die Infiltration auch terroristisch geprägter Gruppen des Extremismus und Fanatismus eines Tages für Italien und den gesamten Westen ein Problem darstellen. Daher gilt es, eine Methode zur Eindämmung dieser Art von Gefahr zu entwickeln. 

Nichtsdestotrotz ist Europa durch den Faktor Laizismus vereitelt, und anders als in Asien wächst dort unablässig der Schatten der Christianophobie: In Frankreich werden alte Kirchen abgerissen, während an irischen Schulen ebenso wie in der früheren Sowjetunion Atheismus als Unterrichtsfach eingeführt wurde …

Paul Bhatti: Keine Regierung sollte sich bei Themen wie der Frage des Glaubens aufdrängen. Die an den Schulen erteilte Bildung muss allumfassend sein, und der Glaube ist vor dem Erreichen der Volljährigkeit der Kinder als der erzieherischen Verantwortung der Eltern zugehörig zu betrachten. Der Staat muss eine allumfassende Bildung gewährleisten, die es einem Individuum ermöglicht, in der Zukunft eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Wie engagieren Sie sich als Katholik politisch?

Paul Bhatti: Der politische Einsatz von Katholiken war auch ein Thema Johannes Pauls II. Dieser erinnerte daran, dass die Politik eine Form der Unterstützung anderer sei, besonders der Schwächsten: Wenn dies des Wesen des politischen Engagements ist, so sei es willkommen! Dann möge jeder Christ politisch aktiv sein.

Heute wird der Kongress anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der „Pacem in Terris“ enden: Wie aktuell ist diese Enzyklika ein halbes Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung?

Paul Bhatti: Die Welt steht vor einer Vielzahl an Herausforderungen, die die gesamte Welt involvieren. Daher ist das Gespräch über den Frieden auf Erden eine reale Notwendigkeit, die konkrete Schritte erfordert.