Interview Benedikts XVI. auf dem Flug nach Wien

Pilgerfahrt nach Mariazell, „Zeichen für die Vorrangstellung Gottes“

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ROM, 21. September 2007 (ZENIT.org).- „Nun, ich möchte einfach die Menschen im Glauben bestärken, darin, dass wir auch gerade heute Gott brauchen“, betonte Papst Benedikt XVI. am 7. September im Hinblick auf seine dreitägige Apostolische Reise nach Österreich anlässlich der 850-Jahr-Feier von Mariazell.



Jesuitenpater Federico Lombardi, Leiter des Pressebüros des Heiligen Stuhls, hatte einige Journalistenfragen zusammengetragen, die er dem Heiligen Vater an Bord des Flugzeuges vorlegte und auf die dieser bereitwillig einging.

Auch ZENIT berichtete über die Begegnungen und Ansprachen von Papst Benedikt XVI. in Wien, Mariazell und Heiligenkreuz (vgl. TAG 1: Ankunft, Am Hof, Hofburg; TAG 2: Mariazell; TAG 3: Stephansdom, Heiligenkreuz, Konzerthaus, Abschied; Schriftliche Ermutigung zum Apostolat und Bilanz Benedikts XVI.).

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Pater Federico Lombardi, der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, sagte einleitend: Wir danken dem Heiligen Vater, daß er gekommen ist, um uns am Beginn dieser Reise nach Österreich zu begrüßen. Ich werde nun einige Fragen stellen, die Sie mir in den letzten Tagen gegeben haben, damit ich sie dem Heiligen Vater vorlege.

Frage: Diese Reise führt den Heiligen Vater in ein Land, das er seit seiner Kindheit kennt. Welche Bedeutung schreibt er dieser Rückkehr nach Österreich zu?


Papst Benedikt XVI.: Meine Reise soll vor allem eine Pilgerfahrt sein; ich möchte mich dieser langen Reihe der Pilger durch die Jahrhunderte – es sind 850 Jahre – anschließen und so als Pilger unter Pilgern mit ihnen beten. Und dieses Zeichen der Einheit, das der Glaube bewirkt, scheint mir wichtig zu sein: Einheit zwischen den Völkern, weil es eine Wallfahrt vieler Völker ist; Einheit der Zeiten und daher ein Zeichen der einenden Kraft, der Kraft der Versöhnung, die der Glaube hat. In diesem Sinn soll diese Reise ein Zeichen der Universalität der Glaubensgemeinschaft der Kirche sein, ein Zeichen auch der Demut und vor allem auch ein Zeichen des Vertrauens, das wir in Gott haben; ein Zeichen für die Vorrangstellung Gottes, dafür, daß es Gott gibt, daß wir die Hilfe Gottes brauchen. Und natürlich auch Ausdruck der Liebe zur Muttergottes. Ich möchte also einfach diese grundlegenden Elemente des Glaubens in diesem Augenblick der Geschichte bekräftigen.

Frage: Die österreichische Kirche hat in den neunziger Jahren eine schwierige und unruhige Zeit erlebt, mit Spannungen auf pastoraler Ebene und Auseinandersetzungen. Ist der Heilige Vater der Ansicht, daß diese Schwierigkeiten überwunden sind? Möchte er mit diesem Besuch auch dazu beitragen, die Wunden zu heilen und die Einheit in der Kirche zu fördern, auch unter denen, die sich am Rand der Kirche fühlen?

Papst Benedikt XVI.: Vor allem möchte ich all jenen danken, die in diesen letzten Jahren gelitten haben. Ich weiß, daß die Kirche in Österreich schwierige Zeiten durchlebt hat: um so mehr bin ich all jenen – Laien, Ordensleuten und Priestern – dankbar, die trotz dieser Schwierigkeiten, mit denen die Kirche konfrontiert wurde, dem Zeugnis für Jesus treu geblieben sind, die in der Kirche der Sünder dennoch das Antlitz Christi erkannt haben. Ich würde nicht sagen, daß diese Probleme schon vollkommen überwunden sind: das Leben in unserem Jahrhundert – aber das gilt in etwa für alle Jahrhunderte – bleibt schwierig; auch der Glaube lebt immer in einem schwierigen Kontext. Aber ich hoffe, ein wenig dabei helfen zu können, daß diese Wunden heilen, und ich sehe, daß es eine neue Freude am Glauben gibt, daß es einen neuen Schwung in der Kirche gibt. Ich möchte soweit es in meiner Macht steht diese Verfügbarkeit bestärken, mit dem Herrn voranzugehen, darauf zu vertrauen, daß der Herr in seiner Kirche gegenwärtig bleibt und daß wir so – gerade dadurch, daß wir den Glauben in der Kirche leben – auch selbst das Ziel unseres Lebens erreichen und zu einer besseren Welt beitragen können.

Frage: Österreich ist ein Land mit einer tiefen katholischen Tradition und zeigt dennoch auch Zeichen der Säkularisierung. Mit welcher ermutigenden Botschaft wird sich der Heilige Vater an die österreichische Gesellschaft richten?

Papst Benedikt XVI.: Nun, ich möchte einfach die Menschen im Glauben bestärken, darin, daß wir auch gerade heute Gott brauchen. Wir brauchen eine Orientierung, die unserem Leben eine Richtung gibt. Man sieht, daß ein Leben ohne Orientierungspunkte, ohne Gott nicht gelingt: es bleibt leer. Der Relativismus relativiert alles und letztendlich sind Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden. Deshalb möchte ich einfach diese Überzeugung bestärken, die immer offensichtlicher wird, nämlich daß wir Gott, daß wir Christus brauchen und die große Gemeinschaft der Kirche, die die Völker vereint und sie miteinander versöhnt.

Frage: Wien ist der Sitz vieler internationaler Organisationen, unter ihnen auch die Internationale Atomenergiebehörde, und es ist der traditionelle Ort der Begegnung zwischen Ost und West. Beabsichtigt der Heilige Vater auch eine Botschaft weiterzugeben zur internationalen Politik und zum Frieden oder zu den Beziehungen mit der Orthodoxie und dem Islam, um Uneinigkeit und Polemik zu überwinden?

Papst Benedikt XVI.: Meine Reise ist keine politische Reise, sie ist eine Pilgerfahrt, wie ich schon gesagt habe. Es sind nur zwei Tage – ursprünglich war nur die Wallfahrt nach Mariazell vorgesehen, jetzt haben wir gerade ein wenig mehr Zeit, um verschiedenen Gliedern der österreichischen Gesellschaft zu begegnen. Es sind in dieser kurzen Zeit keine unmittelbaren Begegnungen mit anderen Konfessionen oder Religionen vorgesehen; nur ein kurzer Halt vor dem Mahnmal für die Schoah, um – sagen wir – unserer Trauer Ausdruck zu verleihen, unserer Reue und auch unserer Freundschaft mit den jüdischen Brüdern, um in dieser großen Einheit voranzugehen, die Gott mit seinem Volk geschaffen hat. Unmittelbar sind also derartige Botschaften nicht vorgesehen. Nur zu Beginn, bei der Begegnung mit der Welt der Politik, möchte ich ein wenig über diese Wirklichkeit, die Europa darstellt, sprechen, über die christlichen Wurzeln Europas, über den Weg, den wir einschlagen sollen. Aber es ist selbstverständlich, daß wir dies alles immer tun gestützt auf den Dialog, sei es mit den anderen Christen, sei es auch mit den Muslimen und den anderen Religionen. Der Dialog ist immer da: er ist eine Dimension unseres Handelns, auch wenn er bei diesem Anlaß nicht so explizit sein wird auf Grund des besonderen Charakters dieser Pilgerreise.

Pater Federico Lombardi: Heiligkeit, wir danken Ihnen sehr für diese Worte, und wir alle sprechen Ihnen die besten Wünsche aus für das gute Gelingen dieser Pilgerreise. Vielen Dank.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]