Irak: Christen in einem gespaltenen Land

Eine Bilanz zehn Jahre nach Beginn des Irakkriegs

München, (ZENIT.orgKIN) | 944 klicks

Am 20. März 2003 begann unter dem Codenamen „Operation irakische Freiheit“ der Einmarsch der sogenannten „Koalition der Willigen“ in den Irak. Britische und US-amerikanische Truppen gewannen den Krieg in weniger als zwei Monaten, der Diktator Saddam Hussein wurde zu Fall gebracht. Doch was als Startschuss für Frieden und Demokratie geplant war, entwickelte sich vor allem für die christliche Minderheit im Irak zu einem Albtraum.
Der Pressesprecher des Hilfswerks „Kirche in Not“ in Deutschland, André Stiefenhofer, hat das Land 2011 bereist und kennt die Situation der Christen im Irak. Im Interview zieht er eine Bilanz ihrer Lebenssituation zehn Jahre nach dem Einmarsch der Alliierten.

Herr Stiefenhofer, wie hat sich die Lage im Irak direkt nach dem Einmarsch der Alliierten im Jahr 2003 entwickelt?

Dem relativ kurzen Irakkrieg folgte ein viel blutigerer Bürgerkrieg – auch wenn dieser selten als solcher bezeichnet wurde. Unter Saddam Hussein stellte die sunnitische Bevölkerungsminderheit die Elite in Politik und Militär. Diese Seilschaften waren nun zwar entmachtet, aber nicht immer entwaffnet worden. Die Sunniten gingen in den Untergrund und kämpften gegen die durch den Demokratisierungsprozess zwangsläufig an Macht gewinnende schiitische Bevölkerungsmehrheit. Terrororganisationen wie die sunnitische al-Qaida aber auch gewöhnliche Kriminelle nutzten diesen Machtkampf zu ihrem Vorteil. Die öffentliche Sicherheit brach zusammen, und die Besatzungstruppen erlitten nach Ende der eigentlichen Kriegshandlungen weit größere Verluste als im Krieg. Der Terror erreichte 2007 seinen Höhepunkt und ebbt seitdem leicht ab. Das ist vor allem den erfolgreichen Bemühungen zu verdanken, Sunniten und Schiiten gleichermaßen in den politischen Prozess einzubinden.

Ist die Lage heutzutage also stabil?

Diese Formulierung wäre wohl übertrieben. Aber immerhin sind inzwischen die ausländischen Truppen so gut wie vollständig aus dem Irak verschwunden und die immer noch bestehenden Auseinandersetzungen finden größtenteils auf politischer Ebene und nicht mehr vorrangig auf der Straße statt. Dennoch ist die Sicherheitslage im Irak weiterhin sehr schlecht. Immer wieder gibt es Bombenanschläge auf zivile Ziele und bewaffnete Überfälle auf Polizeiposten. Der Staat hat den Terror noch nicht im Griff. Oft gibt es sogar Hinweise darauf, dass die Politiker selbst Kriminelle oder sogar eigene Privatmilizen mit Angriffen auf politische Gegner oder unliebsame Volksgruppen beauftragen. Die großen „Gewinner“ des Bürgerkriegs sind momentan die irakischen Kurden, die im Nordosten des Landes ein autonomes Gebiet besitzen – mit eigener Sprache, Währung und eigenem Militär.

Das klingt nach einem gespaltenen Land …

Einerseits ja. Nach dem Ende der autoritären Herrschaft Saddam Husseins sind die Menschen wieder auf ihre alten Stammesstrukturen zurückgefallen. Die Staaten im Nahen Osten sind meist Kunstgebilde aus Zeiten britischer Kolonialherrschaft. Damals ging es den Briten nicht darum, jedem Volk sein eigenes Gebiet zuzuweisen. Sie handelten vielmehr nach dem Prinzip: „Teile und herrsche.“ Die Nachwirkungen dieser imperialistischen Politik spüren wir heute noch in der gesamten Region. Gibt es keine zentrale autoritäre Staatsgewalt, wird die Politik schnell sehr kleinteilig, was eine föderale Demokratie schwierig macht. Denn es fällt den Menschen schwer, Allianzen und Koalitionen zu bilden. Die Kurden hatten im Bürgerkrieg den Vorteil, dass sie vergleichsweise geeint aufgetreten sind und in einem klar definierten Gebiet ansässig waren. Darum herrscht in ihrer Region heute auch die beste Sicherheitslage.

Andererseits muss man der irakischen Politik zugutehalten, dass sie sich den geschilderten Umständen entsprechend gar nicht so schlecht schlägt. Es gibt kein „irakisches“ Nationalbewusstsein, dafür inzwischen aber große, durch viele Kompromisse geformte Volksparteien. Das ist angesichts der innenpolitischen Querelen zwar noch nicht ausreichend, aber immerhin ein Anfang. Ob es genug ist, das Land vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, bleibt abzuwarten.

Wo haben die irakischen Christen ihren Platz in diesem politischen Ränkespiel?

Von Anfang an hatten sie versucht, sich aus der Politik herauszuhalten. Als alle anderen sich bewaffneten, haben die irakischen Christen das verweigert. Diese friedliebende Strategie ging aber leider nicht auf und die Christen gerieten zwischen alle Fronten. Sie wurden zum einen von Islamisten verfolgt und getötet, die sich einen „christenfreien“, rein islamischen Irak wünschten. Zum anderen wurden sie als angebliche Günstlinge Saddam Husseins gebrandmarkt, weil sie unter dessen Herrschaft sicher leben konnten und wegen ihrer guten Ausbildung auch oft einflussreiche Posten besaßen. Und zum dritten galten sie vielen Irakern völlig zu Unrecht als „Verräter am Vaterland“, weil sie derselben Religion wie die Soldaten der westlichen Invasionstruppen angehörten.

Dass die Christen die Ureinwohner des Iraks sind und dort schon lange vor Gründung des Islams lebten, wissen nur wenige Iraker. Und auch zu vielen deutschen Medien hat sich das noch nicht herumgesprochen. Das Ergebnis jahrelangen Terrors war im Irak die millionenfache Vertreibung von Christen. Von den einst 2,5 Millionen Christen lebt heute noch höchstens ein Zehntel im Irak.

Welche Zukunft haben die verbliebenen irakischen Christen?

Das hängt ganz von der zukünftigen Entwicklung im Land ab. Insbesondere von der des Kurdengebiets, in dem die meisten Christen eine Zuflucht gefunden haben. Die kurdische Autonomieregierung strebt nach Unabhängigkeit und begibt sich damit auf politisches Glatteis. Denn weder die Türkei im Norden, noch der Iran im Osten und schon gar nicht die Zentralregierung in Bagdad werden einen souveränen Kurdenstaat ohne Weiteres dulden. An den Grenzen des Kurdengebiets gibt es in allen Richtungen immer wieder Scharmützel: Mal fliegt die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen in den irakischen Bergen, mal feuert die iranische Artillerie auf Kurdendörfer, ein andermal stehen sich in der Erdölstadt Kirkuk kurdische und irakische Panzer feuerbereit gegenüber, weil die Grenzen umstritten sind. Unter diesen Umständen fällt es natürlich schwer, die Zukunft vorherzusagen. In der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil ist aber inzwischen ein blühendes Christenviertel entstanden. Und auch in vielen Dörfern im kurdischen Hinterland erwacht wieder christliches Kulturleben. Das macht Hoffnung!

Wie kann man den Christen im Irak helfen?

Die Christen sind gut ausgebildet, darum sind sie bei entsprechender Sicherheitslage eigentlich durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen. Doch viele haben die Hoffnung und den Glauben an die Zukunft verloren. Hier setzt die pastorale Hilfe von „Kirche in Not“ an: Wir helfen den Menschen dabei, wieder Hoffnung zu gewinnen. Das geschieht durch den Ausbau pastoraler Strukturen und Unterstützung der Seelsorger. Die Flüchtlingshilfe im Irak und in Jordanien ist ein weiteres wichtiges Standbein unserer Arbeit. Insgesamt konnten wir die irakische Kirche in den vergangenen zehn Jahren mit über 3,6 Millionen Euro unterstützen. Das klingt nach viel, ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn es ist unser Anliegen, die verbliebenen Christen wieder in ihrer Heimat zu verwurzeln. Dafür müssen Pfarreien, christliche Schulen und Universitäten aufgebaut, Priester und Laien ausgebildet werden und die Gemeindemitglieder müssen Orte haben, an denen sie sich ohne Angst treffen können. Es gibt also noch viel zu tun!