Irak: Erzbischof von Bagdad warnt vor einem Bürgerkrieg

Aussöhnung hat Vorrang

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BAGDAD, 5. September 2005 (ZENIT.org).- Erzbischof Jean Benjamin Sleiman von Bagdad (Irak) warnte am Freitag in "Radio Vatikan" vor der Gefahr eines Bürgerkriegs in seinem Land. Damit Demokratie eine Chance habe, müsse "eine neue Kultur und eine neue Mentalität" entstehen.



"Wir leben wirklich in einem gesetzlosen Land. Zahlreiche, bereits überwunden geglaubte Wirklichkeiten wie etwa Stammeskonflikte oder Fanatismus sind mit voller Kraft zurückgekehrt", mit diesen Worten beschrieb Erzbischof Sleiman von Bagdad die schwierige Situation im Irak. In einem Interview, das am Freitag in "Radio Vatikan" ausgestrahlt wurde, sagte der Erzbischof: "Nach wie vor leben wir in einem großen Chaos, auch wenn dieser Begriff vielleicht nicht ganz die tägliche Dramatik unserer Lage widerzuspiegeln vermag. Jedenfalls wird dieses Chaos von Gewalt gespeist, und zwar nicht von einer 'blinden Gewalt', sondern von einer Gewalt, die sehr gut geplant und wirklich pervers ist."

Demokratie auf wackeligen Beinen

Die Debatten um den Verfassungstext und die Zukunft des Landes hätten die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten verschärft, betonte Erzbischof Sleiman. Die Gefahr des Bürgerkriegs sei bereits sehr groß, "aber ich glaube, viele Politiker wissen darum und lassen nichts unversucht, um ihn zu verhindern". Den Irakern müsse man in dieser Situation helfen, sich untereinander, mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Problemen auszusöhnen. Es sei nötig, "eine neue Kultur und eine neue Mentalität zu fördern".

Demokratie könne es im Irak schon in naher Zukunft geben – "aber vielleicht auch niemals", so Erzbischof Sleimann. Das "Problem der Demokratie" sei nämlich nicht durch einen Verfassungstext oder durch Wahlen zu beheben, sondern gehe weit darüber hinaus: "Demokratie ist der politische Ausdruck einer Philosophie, einer Anthropologie, einer Kultur. Ich glaube, dass hier noch große Anstrengungen vonnöten sind."

Im Irak gebe es viele Menschen, "die keine Demokratie wollen. Und zwar nicht deshalb, weil sie einfach dagegen sind, sondern weil sie gegen diejenigen sind, die sie einführen wollen. Es gibt also innen- und außenpolitische Probleme, aber vor allem gehört der gesamte gesellschaftliche und anthropologische Hintergrund neu hinterfragt."