Irakische Bischöfe beim EU-Präsidenten in Brüssel

Vorrang der Scharia bedroht Menschenrechte

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Von Jürgen Liminski und John Pontifex

BRÜSSEL, 15. September 2011 (ZENIT.org/KIN). - Die Notlage der Christen im Irak stand im Mittelpunkt des Treffens zwischen den beiden führenden irakischen Bischöfen und dem Präsidenten des Europäischen Rates, Hermann Van Rompuy.

Bei dem Treffen mit Van Rompuy am Dienstag erklärten die Erzbischöfe Bashar Warda von Erbil und Emil Nona von Mossul, dass es im Irak keine Religionsfreiheit gebe.

Die beiden Bischöfe des chaldäischen Ritus betonten, dass es notwendig sei, den Christen bei dem Aufbau von Schulen zu helfen. Da bis zu 90 Prozent der verfügbaren Plätze an Muslime vergeben würden, würde die gesamte Gesellschaft von den kirchlichen Bildungsprogrammen profitieren.

Erzbischof Warda: „Die Bildung wird zur Entstehung einer neuen Kultur beitragen sowie zur Religionsfreiheit und den jungen Menschen neue Perspektiven eröffnen.“

Das halbstündige Treffen fand in Brüssel im Rahmen einer Besuchsreihe statt, die von dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ organisiert wurde.

Während des Gesprächs erkundigte sich Van Rompuy nach den Lebensbedingungen der Menschen im Irak sowie den Rechten der Frauen und fragte, wie Europa Hilfe leisten könne.

Die Bischöfe schilderten die leidvolle Lage der Christen und anderer Menschen im Irak.

Auf Christen und Kirchengebäude in der Erzdiözese Mossul, der Erzdiözese von Erzbischof Nona, seien wiederholt Angriff verübt worden, und sein Vorgänger, Erzbischof Boulos Faraj Rahho, sei im März 2008 in der Gefangenschaft ums Leben gekommen.

Erzbischof Warda hatte im März in London in seiner Rede zum Bericht „Verfolgt und vergessen“ von „Kirche in Not“ über die Situation der unterdrückten Christen erklärt, dass seit 2003 an die 500 Christen aus religiösen oder politischen Gründen getötet worden seien.

In dem gleichen Zeitraum seien 66 Kirchen angegriffen worden und 4000 irakische christliche Familien seien in seine Diözese Erbil im kurdischen Nordirak geflohen, um der Gewalt und Einschüchterung zu entkommen.

Bei dem Treffen mit Van Rompuy drückten die Bischöfe angesichts Artikel drei der irakischen Verfassung, der den Vorrang des islamischen Scharia-Gesetzes festlegt, Bedenken hinsichtlich der Gewährleistung der Menschenrechte aus.

Erzbischof Warda erklärte: „Artikel drei der irakischen Verfassung gewährt der islamischen Scharia die Vorrangstellung, kein Gesetz darf gegen die Scharia verstoßen.“

Während des Besuchsprogramms von „Kirche in Not“ trafen die Bischöfe auch mit Mitgliedern des Europäischen Parlaments (MdEP), mit Beamten der Europäischen Kommission und mit Hans-Gert Pöttering, dem ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und derzeitigem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, zusammen.

Die Treffen machten das wachsende Interesse der Europäischen Union für die Christen im Nahen Osten deutlich.

[ZENIT-Übersetzung des englischen Originals]