Irakischen Christen beistehen, damit sie bleiben können

Solidaritätsreise einer Delegation der Österreichischen Bischofskonferenz in den Nordirak

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WIEN, 31. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Den bedrängten Christen helfen, im Irak zu bleiben. Dieses große Anliegen der Bischöfe im leidgeprüften Zweistromland hat sich nun die Kirche in Österreich zu Eigen gemacht.



„Es ist unsere Pflicht, an die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, der Regierungen und jedes Einzelnen zu appellierten, um den Christen im Irak eine gute Zukunft zu sichern“, bekräftigte heute, Freitag, in der Wiener Innenstadt Bischof Dr. Franz Scharl.

Der Wiener Weihbischof blickte im Rahmen einer Pressekonferenz auf die von ihm geleitete Solidaritätsreise zurück, die vom 17. bis zum 24. Oktober eine Delegation der Österreichischen Bischofskonferenz in den Nordirak geführt hatte. Der Generalsekretär der österreichischen Caritas für die Auslandshilfe, Christoph Petrik-Schweifer, und Prof. Dr. Hans Hollerweger, Gründer der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO), hatten genauso wie Hauptorganisator Ing. Heinz Hödel, Geschäftsführer der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission (KOO), an der Reise teilgenommen.

Als Glaubensgemeinschaft bedroht

Man habe den Christen im Irak in erster Linie zeigen wollen, dass man sie nicht vergesse. „Wir sind aufmerksam, wir sind da“, so Bischof Scharl zum Hauptziel der Reise. Außerdem sei es darum gegangen, die Situation der „Vertriebenen“ kennen zu lernen, um ihnen beistehen zu können.

Ende September waren mindestens 15.000 Christen aus der nordirakischen Stadt Mossul vertrieben worden. „Drohungen, Einschüchterungen und nackte Gewalt haben bei den Christen Angst und Panik ausgelöst. Viele sind traumatisiert“, berichtete Bischof Scharl.

Die irakischen Christen, die eine 2.000-jährige Tradition und somit eine sehr reiche Vergangenheit hätten – die bedeutendste christliche Gruppe, die chaldäisch-katholische Kirche, verwende in Theologie und Liturgie bis heute das Aramäische, die Sprache Jesu –, würden nun auch im Norden des Landes systematisch verfolgt werden. „Seit der Entführung und Ermordung von Erzbischof Faraj Raho im März dieses Jahres sehen sich die seit Jahrhunderten in Mossul und Umgebung siedelnden Christen insgesamt als Glaubensgemeinschaft bedroht.“

Bischof Scharl äußerte seine Betroffenheit angesichts des Leids der vielen Binnenflüchtlinge, brachte zugleich aber auch seine Dankbarkeit angesichts der gelebten Solidarität der Menschen untereinander zum Ausdruck.

Dass die Hilfe für die bedrängten Christen manchmal auch von den benachbarten muslimischen Familien komme, darüber berichtete der Caritas-Auslandshilfechef Petrik-Schweifer. „Was sich im Irak abspielt, sind keine Gewaltakte von Moslems gegen Christen“, bekräftigte er. „Drahtzieher sind vielmehr eine Gruppe von Extremisten, die die restliche Bevölkerung terrorisiert. Die Gewalt und die Not ziehen sich durch alle Gruppen und durch alle Landstriche. Die Christen treffen Hass, Gewalt und Fanatismus freilich besonders hart.“

Es brauche rasche humanitäre Hilfe im Irak und in den Nachbarländern. „Die internationale Staatengemeinschaft muss auf die wachsende Verzweiflung reagieren.“

Christen wollen auch weiterhin „Salz der Erde“ sein

Die dringlichsten Anliegen der Not leidenden Christen seien „der Zugang zur Bildung, die Wasserversorgung, der humanitäre und medizinische Bereich und die Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten besonders für die Jugend“, erklärte Prof. Hollerweger. Die von ihm gegründete „Initiative Christlicher Orient“ bemüht sich unter anderem in Zusammenarbeit mit der Stiftung Pro Oriente darum, den Bewohnern der 15 christlichen Flüchtlingsdörfer, die seit 2003 im Nordirak entstanden sind, Hilfe zukommen zu lassen. Bisher habe man unter anderem den Ankauf von 320 Schafen für vier Dörfer finanzieren können. Nun soll vor Ort ein Entwicklungskoordinator installiert werden.

Das Gebet wieder ernst nehmen – das sei „das Wichtigste und das Erste“, was man für die verfolgten Schwestern und Brüder im Irak tun könne, betonte Ing. Heinz Hödel, Geschäftsführer der „Koordinierungsstelle für internationale Entwicklung und Mission“ (KOO). Er beleuchtete die Hintergründe der systematischen Einschüchterung und Vertreibung, die nach Worten des „Gastgebers“ der österreichischen Delegation, Erzbischof Louis Sako, mit der im September verabschiedeten Wahlrechtsreform in engem Zusammenhang stehen.

Sollte diese Reform nicht mehr verändert werden, befürchte der chaldäische Erzbischof von Mossul, dass alle Christen das Land verlassen müssten. Bisher seien die Rechte der Minderheiten nämlich durch Artikel 50 geschützt gewesen. Außerdem waren ihnen bisher eine „gewisse Anzahl“ von Sitzen in den so genannten Provinzräten zugestanden worden.

Der Idee eines Sonderstatus für Christen in der Niniveh-Ebene – eine Art autonome Region nördlich von Mossul, die einer „Enklave von wehrlosen Christen“ gleichkomme – könnten die irakischen Bischöfe nichts abgewinnen, so Hödel. „Die Christen sehen sich als volle Staatsbürger und wollen sich weiterhin für Dialog, friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit einsetzen… Sie wollen ‚Salz der Erde’ sein – das ist ihre Mission.“

Ganz in diesem Sinn hätten die chaldäisch-katholischen Bischöfe bekräftigt: „Niemand darf ein Interesse daran haben, dass der Irak von allen Christen verlassen wird. Das Bestreben, eine größere Anzahl von Christen in Europa aufzunehmen, wird nicht gutgeheißen; es wäre eine unnotwendige Ermutigung für noch mehr Christen, das Land zu verlassen.“

Hödel appellierte wie alle Beteiligten der Pressekonferenz an die internationale Politik, der Gewalt gegen die Christen Einhalt zu gebieten. In diesem Zusammenhang begrüßte er die klaren Worte der österreichischen Außenministerin Ursula Plassnik, die vor kurzem erklärt hatte: „Menschen wegen ihres Glaubens zu bedrohen, zu verfolgen und zu vertreiben, ist inakzeptabel. Die jüngsten Ereignisse im Nordirak sind nicht nur besorgniserregend, sie werfen auch einen Schatten auf den Aufbau einer offenen und demokratischen Gesellschaft im Irak." Österreich setze sich „nachhaltig" für die Rechte der Christen im Irak ein, hatte sie hinzugefügt.

Am Ende ihres Solidaritätsbesuchs wurden die Österreicher von den irakischen Hirten mit folgenden Worten verabschiedet: „Wir bitten euch um eure Solidarität durch Gebete sowie durch moralische und materielle Unterstützung.“

Von Dominik Hartig