Iran: Druck auf religiöse Minderheiten verstärkt

Bildungsverweigerung und Verschwörungstheorien

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ROM, 17. Januar 2012 (ZENIT.org). - Die iranische Regierung habe in den letzten Monaten den Druck auf die über 300.000 Anhänger der iranischen Baháí-Gemeinde durch neue Maßnahmen der Bildungsverweigerung, Berufsverbote und Medienhetzkampagnen erheblich verstärkt, wie die IGfM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) berichtet. Das Bildungsnetzwerk der Baháí sei für illegal erklärt und einige seiner Dozenten zu Haftstrafen verurteilt worden. Abschlüsse an staatlichen Hochschulen würden den Baháí verwehrt.

Darüber hinaus seien allein im Oktober 2011 bei Übergriffen auf sechzehn Haushalte in der Stadt Rasht drei Frauen unter dem Vorwurf verhaftet worden, gegen die nationale Sicherheit des Landes gehandelt zu haben. In Semnan seien zehn Läden von den Behörden geschlossen und zwei Geschäftslizenzen entzogen worden. Systematisch werde den Baháí ihre Lebensgrundlage entzogen. In 25 Branchen sei es den Baháí verboten zu arbeiten, da sie als „Unreine" in Berührung mit ihren schiitischen Mitbürgern kommen könnten. Mehr als einhundert Baháí würden derzeit in iranischen Gefängnissen festgehalten. Rund 300 weitere Baháí warteten auf einen Bescheid über ihren Haftantritt.

Am 21. Oktober 2011 schrieb deswegen der Menschenrechtsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Markus Löning, an die iranische Regierung. Er protestierte gegen die jüngsten Urteile. Genauso intervenierten Dr. Rolf Mützenich, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, und die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch.

Neben diesen Protesten auf politischer Ebene gibt es auch aus der Zivilgesellschaft Gegenstimmen: 49 namhafte deutsche Professoren protestierten nach den BIHE-Urteilen im Oktober 2011 gegen die systematische Verletzung des Rechts auf Universitätsbildung.

Den Ausschluss von Bildung setzt die iranische Regierung zunehmend als allgemeines Mittel ihrer Politik der Unterdrückung ein. Die Absicht der Regierung, im Land eine zweite „Kulturrevolution" zu vollziehen, betrifft auch studentische Aktivisten, Andersdenkende, missliebige Professoren oder Menschenrechtsverteidiger. Die Baháí sind nur ein Beispiel, wenn auch das drastischste.

Die Behörden streuen in den Medien Verschwörungstheorien, etwa dass ausländische Medien wie die BBC von Baháí kontrolliert würden. Sie werden als Feinde des Islam gebrandmarkt und zu Sündenböcken gesellschaftlicher Fehlentwicklungen gemacht. Die Angriffe verfolgen eine Strategie der Schuldzuweisung, indem die Baháí mit anderen, vollkommen fremden Gruppen, wie Satanisten oder der Geheimpolizei des Schahs, in einen Topf geworfen werden.
Die Baháí berufen sich auf den Religionsstifter Baha’u’llah (1817-1892). Ihre Zahl beträgt weltweit fünf bis acht Millionen Anhänger vor allem in Indien, Afrika, Süd- und Nordamerika.

In ihrem Ursprungsland Iran bilden die Bahai die größte religiöse Minderheit. Sie lehren einen abrahamitischen Monotheismus eigener Prägung, in dessen Mittelpunkt der Glaube an einen transzendenten Gott, die mystische Einheit der Religionen und der Glaube an die Einheit der Menschheit in ihrer Mannigfaltigkeit steht. Die formelle Trennung vom Islam erfolgte im Juli 1848 in Badascht. Die zunehmende Missionstätigkeit der Babi führte zum Widerstand schiitischer Gruppen, bald zu (auch staatlich) organisierter Verfolgung der Gemeinde.
Die Bahá’i International Community ist bei den Vereinten Nationen als Nichtregierungsorganisation anerkannt und betreut weltweit 1714 soziale und wirtschaftliche Entwicklungsprojekte sowie 348 Schulen.[jb]