Israelischer Botschafter beim Heiligen Stuhl fordert umfassende Bildungskampagne zur Förderung des Friedensprozesses im Nahen Osten

Interview mit Oded Ben-Hur

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ROM, 29. November 2006 (ZENIT.org).- Um die trennenden „Mauern der Vorurteile“ einzureißen, bedürfe es einer weltweiten Bildungskampagne, bekräftigt der israelische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Oded Ben-Hur. Papst Benedikt komme dabei eine Schlüsselrolle zu.



Oded Ben-Hur, seit Juni 2003 offizieller Vertreter Israels beim Vatikan, wurde 1951 in Israel geboren und trat 1977 seine diplomatische Laufbahn an. Von 1996 bis 1999 arbeitete er als Botschafter in den baltischen Staaten, anschließend im israelischen Außenamt.

In diesem Interview mit ZENIT spricht Ben-Hur über seinen Vorschlag einer groß angelegten Bildungskampagne und bittet den Heiligen Stuhl, die Christen zu einer „Rückkehr in den Nahen Osten“ zu bewegen, da sie ein „wesentliches Element für den Frieden“ darstellten. Eine verstärkte Präsenz von Christen sei vor allem im Libanon und in den Palästinensergebieten notwendig, so Ben-Hur.

ZENIT: Herr Botschafter, wie schätzen Sie die dramatische Entwicklung im Heiligen Land und seinen Grenzgebieten ein?

--Ben-Hur: Es handelt sich hierbei um eine sehr komplexe Angelegenheit, die nicht in einigen wenigen Worten erschöpft werden kann. Wir sind Zeugen eines Konflikts, der im Inneren des palästinensischen Volkes stattfindet. Das Gleiche geschieht auch im Libanon. Es ist zu wünschen, dass aus diesen Konflikten ein neuer Ausweg gefunden wird, der zu Verhandlungen führt und nicht zu Bedrohungen durch Extremisten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der arabisch-israelische Konflikt in den Jahrzehnten nach der Gründung des israelischen Staats im Jahr 1948 durch den Hass der Araber auf die Israelis charakterisiert war. Nach Meinung der Araber ist der Staat Israel errichtet worden, um Europas schlechtes Gewissen über den Holocaust zu reinigen.

Mitte der 90er-Jahre erlebten wir mit dem Wachstum des islamischen Fundamentalismus eine wesentliche Veränderung; im Namen Allahs wurde in unserer Region eine „Kultur des Todes“ eingeführt.

Die Hamas, aber auch die Hisbollah verhindern jeglichen Versuch des Dialogs und leugnen das Existenzrecht des Staates Israel. Bei diesen beiden Organisationen handelt es sich um lokale Manifestationen einer globalen Gefahr, die „extremistischer Islam“ genannt wird.

Während die Überzeugung vorherrscht, dass der arabisch-israelische Konflikt die „Mutter aller Konflikte“ sei und dass sich die Welt bereits auf halbem Weg zum Frieden befände, wenn er gelöst wäre, sieht die Wahrheit ganz anders aus. Es genügt wohl festzustellen, dass 85 Prozent der jüngsten Terroranschläge weltweit von moslemischen Extremisten gegen gemäßigt moslemische Länder und Staatsbürger verübt worden sind, gegen Jordanien, die Türkei, Tunesien, Indonesien, usw. Und zwar mit dem Ziel, sie vom Dialog mit dem Westen abzubringen.

Der Iran ist der am meisten Besorgnis erregende Beweis dafür, da er weiterhin die Idee einer islamischen Revolution schiitischer Prägung exportiert, die Existenz Israels bedroht, die Schoah leugnet und den Wunsch äußert, dass die ganze Welt unter einer moslemischen Herrschaft leben solle. Ich sehe darin einen Grund großer Sorge für die christliche Welt.

Der Iran hat dank der Hisbollah und Syriens „guter Ämter“ den jüngsten Krieg im Libanon verursacht.

ZENIT: Sehen Sie einen möglichen Ausweg aus dieser Situation?

--Ben-Hur: Ich glaube, dass diese Spannungen und alle Feindseligkeiten auf einer abgrundtiefen Unkenntnis der Religionen und Kulturen basieren, was durch Jahrhunderte der Vorurteile, des Hasses und der Kriege verursacht worden ist.

Der einzige Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, besteht meiner Meinung nach darin, eine unaufhörliche Kampagne der Bildung und Formung zu beleben, um den Menschen überall zu helfen, Brücken des Verständnisses und der Kenntnis zu bauen und die Mauern der Vorurteile und der Gegensätze zwischen den Religionen abzureißen, die die Quelle für das gegenseitige „Verteufeln“ darstellen.

ZENIT: Wer könnte eine solche Kampagne beginnen?

--Ben-Hur: Diese Initiative sollte universal sein und auf drei Grundpfeilern gründen: auf finanziellen Ressourcen, auf Schulungsprogrammen und – was am wichtigsten ist – auf geeigneten Lehrern.

Natürlich hängt es von den Regierungen und Politikern ab, diese Schritte einzuleiten. Aufgrund ihrer besonderen Verantwortung können sie sich allerdings nur sehr selten über die vier oder fünf Jahre ihrer Amtszeit hinaus zu etwas verpflichten. Deshalb sollten die Förderer und Träger dieses „Bildungsmarathons“ die Führungspersonen der unterschiedlichen Weltreligionen sein, die ja nicht wiedergewählt werden müssen. Aus diesem Grund haben sie auch Weitsicht und große Motivation.

In diesem Sinn ist es unerlässlich, dass derjenige, der diese Initiative fördert, eine religiöse Führungsperson auf höchster Ebene ist. Im Islam gibt es keine einzelne Führungspersönlichkeit. Die kleine jüdische Welt kann sich aus ersichtlichen Gründen erlauben, sich führen zu lassen, aber sie ist nicht imstande, den Anfang zu machen.

Darum ist der Papst die geeignete Führungspersönlichkeit; er kann diese bedeutende Herausforderung am wirksamsten angehen, besonders im Licht der jüngsten Spannungen im interreligiösen Dialog.

Zenit: Wie sieht die Zukunft der Christen im Nahen Osten aus?

--Ben-Hur: Ich glaube, es ist dringend notwendig, dass der Heilige Stuhl die Christen aufruft, in den Nahen Osten zurückzukehren, besonders in den Libanon und die Palästinensergebiete.

Die christlichen Gemeinden sind für den Frieden immer ein wesentliches Element gewesen. Deshalb ist es notwendig, dass die Christen zurückkommen und in diesen Gebieten ein bedeutender Bestandteil der Gesellschaftsstruktur werden.

Die Bestrebungen nach interreligiösem und interkulturellem Dialog können nur Erfolg haben, wenn die Christen zurückkehren können, um in einer Weise, auf die man sich zuerst einigen muss, mit ihren moslemisch-arabischen Brüdern zusammenzuleben. Auf diese Art würde Bethlehem beispielsweise wieder zu einer Stadt des Friedens und des Miteinanders werden, wie es in den vergangenen Jahrzehnten der Fall gewesen ist.

Zenit: Welche Rolle spielen die Pilger in der politischen und sozialen Entwicklung dieser Gegend?

--Ben-Hur: Der Heilige Stuhl sollte die ganze christliche Welt und die Bischöfe darin bestärken, Wallfahrten in das Heilige Land und seine Nachbarländer zu fördern.

Wenn jedes Jahr auch nur jeder 1000. Katholik auf der Welt, das heißt als rund 1,2 Millionen Menschen das Heilige Land besuchten, dann würde eine Bewegung geschaffen, die die psychologische Situation tiefgreifend verändern könnte. Zugunsten des palästinensischen Volks und der christlichen Gemeinden in Israel, Libanon, Jordanien, Ägypten usw. könnten Investoren gefunden und das Wiederaufblühen der Tourismusindustrie ermöglicht werden. Und das würde den arabisch-israelischen Konflikt positiv beeinflussen. Ohne Zweifel kommt den Pilgern dabei die Rolle von „Botschaftern des Friedens“ zu.

ZENIT: Wie entwickeln sich die Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl?

--Ben-Hur: Wir begehen gerade das 13. Jahr unserer offiziellen Beziehungen, was auf Hebräisch das „Bar-Mizwa-Jahr“ genannt werden könnte. Es handelt sich dabei um einen traditionellen Ritus, der den Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter symbolisiert, die Zeit, in der man Verantwortung übernimmt und reift. Ich hoffe, dass das auch hier geschehen wird.

Die lange Geschichte zwischen Juden und Christen macht die Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl komplex und schwierig. Da die Regeln für Interviews nur beschränkten Raum gewähren, werde ich nur zwei wichtige Punkte erwähnen, um den gegenwärtigen Stand der Beziehungen zu erklären.

Der erste ist das finanzielle und wirtschaftliche Abkommen, das die Rechte und Pflichten der katholischen Gemeinschaften in Israel bezüglich Steuern, Grundbesitz, Heiliger Stätten, Zugang zum Rechtssystem des Landes usw. regelt. In diesen Tagen hat eine israelische Delegation den Vatikan besucht, um Vorschläge zur Überwindung der bestehenden Hindernisse zu besprechen und das Abkommen zu besiegeln.

Der zweite Punkt ist das Bedürfnis, unsere Beziehungen durch einen politischen Dialog nachhaltig zu stärken: Es muss ein Programm mit gemeinsamen Themen und Interessen ausgearbeitet werden, das durch gegenseitige Besuche der höchsten Autoritäten der zwei Staaten unterstützt wird.

Schließlich möchte ich auch unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der Papst Israel während des nächsten Jahres einen Besuch abstatten wird.

ZENIT: Sehen Sie auch Zeichen für Optimismus?

--Ben-Hur: Ich bin aus zwei Gründen optimistisch.

Erstens, weil ich in einer Familie mit optimistischen Eltern geboren worden bin, einer Familie, die trotz aller Schwierigkeiten, zusammen mit ihren Gefährten, die die Schoah überlebten, erfolgreich ein demokratisches, starkes und modernes Land errichteten, das sich jetzt in der vierten Entwicklungsphase der Anwendung der Bio- und Nanotechnologien befindet.

Der zweite Grund besteht schlichtweg in der Tatsache, dass wir uns in Israel den Luxus des Pessimismus nicht erlauben können: Wir können uns nicht einfach einschließen und den Schlüssel in das Mittelmeer werfen.

Wir müssen jede Bereitschaft zum Dialog seitens der Araber willkommen heißen und versuchen, jede Initiative für den Frieden zu fördern, an den wir zutiefst glauben.