Ist Dankbarkeit so etwas wie ein Anti-Depressivum? (Teil 1)

Wandlung - amerikanischer Therapeut erinnert an eine vergessene Dimension des Seelenlebens

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ALEXANDRIA, 2. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wer dankbar sei, der erlebe Wandlung. Ein negatives Selbstbild verändere sich, weil es durch die Wertschätzung einer empfangenen Wohltat einen positiven Ausgangspunkt bekomme.

In der danbaren Beziehung stecke ein Wandlungspotential, das die Beziehungen zu Gott und den anderen stärke. Es reiße aus einer gedrückten Stimmung heraus und rufe die eigene Liebesfähigkeit hervor, erklärt der amerikanische Therapeut Eric Gudan gegenüber ZENIT.

Eric Gudan, der an einem Projekt der amerikanischen „Alpha Omega Klinik und ihrem Beratungsservice“ mitwirkt, arbeitet derzeit an seiner Promotion am Institut für Psychologische Wissenschaften, einer katholischen Hochschulfakultät für Psychologie in den USA.

In diesem Interview sprach Eric Gudan mit ZENIT über seine Erfahrungen und Studien, und besonders darüber wie die Haltung der Dankbarkeit wirksam die negativen Auswirkungen einer Depression einzudämmen vermag.

ZENIT: Was ist aus Ihrer psychologischen Perspektive kennzeichnend für die Tugend der Dankbarkeit? Welche Eigenschaften kann man in bei einer dankbaren Person vorfinden?

-- Eric Gudan: Dankbarkeit ist die positive emotionale Erfahrung, die aus der Anerkennung der Tatsache resultiert, dass eine andere Person Ihnen einen Vorteil verschafft hat.

Dankbarkeit ist eine positive moralische Regung. Mit anderen Worten, sie ist ein angenehmes Gefühl, das aus der Wohltat, die uns ein anderer erwiesen hat und aus der Beurteilung, dass dies gut für uns ist, resultiert.

Fast jeder hat so etwas wie Dankbarkeit schon einmal empfunden und hält es für angenehm; aber manche Leute sind zudem schlicht gesagt dankbarer als andere.

Jemand, der dankbarer eingestellt ist, wird natürlich gegenüber weitaus mehr Menschen Dankbarkeit empfinden. Ein solcher Mensch findet natürlich mehr Anlässe, um dankabr zu sein und dies führt zu einem länger andauernden Gefühl der Zufriedenheit.

Viele Studien haben gezeigt, dass die Dankbarkeit oftmals durch die empfangene Bestätigung als ein positiver Impuls wirkt und die Welt in ein anderes Licht taucht. Das Gefühl der Dankbarkeit entlässt Menschen möglicherwiese aus tiefer Traurigkeit und wirkt als handlungsweisender Impuls, der im Gegenzug dem Wohltäter etwas Gutes erweisen möchte.

So ist ein dankbarer Mensch empfindlich gegenüber den Geschenken und der Güte dieser Welt. Er sieht die positiven Dinge, die ihn umgeben. Das muntert ihn auf und bewegt ihn zum Handeln für andere.

ZENIT: Welche Wirkungen kann die Tugend der Dankbarkeit für unsere psychische Gesundheit haben? Was bedeutet Mangel an Dankbarkeit in unserem seelischen Haushalt?

-- Eric Gudan: Studien haben gezeigt, dass die meisten Menschen angesichts einer Geste aus Dankbarkeit festgestellt haben, dass sie zu einem Gefühlszustand führte, den sie mit „sehr glücklich" oder „recht zufrieden" beschrieben haben.

Eine wachsende Zahl von Studien hat im Zusammenhang mit dem Thema Dankbarkeit festgestellt, dass Menschen mit einem größeren Dankbarkeitsempfinden dem Leben gegenüber insgesamt zufriedener eingestellt sind. Dazu gehören auch Menschen, die nicht notwendigerweise von Natur aus „dankbar“ veranlagt sind, sondern vielmehr durch achtsames Umgehen und wertschätzendes Bedenken der Geschenke, die sie empfangen haben, eine Haltung der Dankbarkeit entwickeln. Das Resultat ist: Wer dankbar ist, der ist glücklicher. Wer Dankbarkeit pflegt, ist glücklicher!

ZENIT: Aber wie nun kann eine Haltung der Dankbarkeit Auswirkungen im Leben von jemandem zeigen, der sich mit Depressionen plagt?

-- Eric Gudan: Depression ist eine komplizierte Angelegenheit, ein eng verwobenes Geflecht mit vielen Ursachen und Folgen, wie Genetik, Gehirn, Chemie, Einstellungen, Verhaltensweisen und zwischenmenschliche Beziehungen. Es ist schwierig für Psychologen zu unterscheiden, was da Ursache und Wirkung ist und was letztlich die Konsequenzen der verschiedenen Aspekte der Depression sind.

Allerdings stellt das Wissen um die Macht negativer Einstellungen auf unsere Wahrnehmung von Umwelt und Beziehungen einen Weg der Auseinandersetzung mit Depression dar. Das beeinflusst unser Verhalten und letztlich auch unser Hirnchemie.

Depressive Persönlichkeiten haben im Allgemeinen einen Hang zu einer negativen Grundhaltung und werden durch alle schlechten Dinge, die passieren, recht schnell frustriert. Sie haben das Gefühl, „sie können einfach nicht zur Ruhe kommen und sie können einfach nie das bekommen, was sie wollen."

Diese negative Haltung wird zu einer Form von Wahrnehmung, die alle schlechten Dinge, die passieren, in dieser Weise aufnimmt und in diesem Sinne verstärkt.

Aus irgendeinem Grund scheint es viel einfacher für uns zu sein, eher die schlechten Erlebnisse Revue passieren zu lassen, als die guten Dinge. Depressive Personen sind der Meinung, dass „das Leben immer zu hart mit ihnen umgeht und sie einfach nicht das bekommen, was sie wollen."

Dankbarkeit ist aber auf der anderen Seite ein erhebendes Gefühl, das auf der Erkenntnis, dass da jemand anderes etwas Gutes für uns getan hat, gründet. Statt den Schwerpunkt auf ein negatives Selbstbild zu legen, das herunterzieht, hat die Dankbarkeit einen komplett anderen, einen positiven Fokus.

Darüber hinaus spornt uns Dankbarkeit immer zur Tat an. Depressive Personen haben ihre Schwierigkeiten damit, sich voll Energie für etwas zu engagieren.

Dankbarkeit hilft uns altruistisch zu sein und das hat natürlich viele positive Nebenwirkungen.

Das Interview führte Genevieve Pollock. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Angela Reddemann.

(Teil 2 des Interviews erscheint morgen, Mittwoch, 3. Dezember 2008.)