Ist Dankbarkeit so etwas wie ein Anti-Depressivum? (Teil 2)

Wandlung - amerikanischer Therapeut erinnert an eine vergessene Dimension des Seelenlebens

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ALEXANDRIA, 3. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wer dankbar sei, der erlebe Wandlung. Ein negatives Selbstbild verändere sich, weil es durch die Wertschätzung einer empfangenen Wohltat einen positiven Ausgangspunkt bekomme.

In der danbaren Beziehung stecke ein Wandlungspotential, das die Beziehungen zu Gott und den anderen stärke. Es reiße aus einer gedrückten Stimmung heraus und rufe die eigene Liebesfähigkeit hervor, erklärt der amerikanische Therapeut Eric Gudan gegenüber ZENIT.

Eric Gudan, der an einem Projekt der amerikanischen „Alpha Omega Klinik und ihrem Beratungsservice“ mitwirkt, arbeitet derzeit an seiner Promotion am Institut für Psychologische Wissenschaften in den USA.

In diesem zweiten Teil des Interviews erzählt Eric Gudan ZENIT von den kleinen Übungen der Dankbarkeit, die schrittweise das Wohlbefinden steigern. Die Haltung der Dankbarkeit, so seine These, die er im ersten Teil des Interviews erläuterte, könne die negativen Auswirkungen einer Depression eindämmen.

ZENIT: Manchmal fällt es jemanden, der deprimiert ist, schwer, den „ersten Schritt" zum persönlichen Wohlbefinden zu tun. Wie sieht nun der „erste Schritt" in Richtung einer Haltung der Dankbarkeit aus?

Gudan: Ja, Depressionen können wie eine dunkle Wolke sein, die unser Denken verdüstern und alle Bewegungen verlangsamen. Kleine Funken von Dankbarkeit reichen anscheinend nicht aus, um ein Feuer positiver Aktivitäten in dieser nasskalten Umgebung zu entfachen.

Ich glaube jedoch an Zeichen der Dankbarkeit als Teil einer positiven Spirale. Die deprimierte Person beginnt so einfach damit, die empfangenen Geschenke der anderen zu würdigen, und die Wertschätzung führt dazu, dass jemand sich dankbar fühlt.

Dies kann frei nach dem Spruch „Fake it 'till you make it" [Täusche es vor, bis es Dir gelingt] sehr effektiv sein.

Aber Sie fragten mich nach dem ersten Schritt. Dankbarkeit ist keine rosarote gefärbte Brille, die im Sinne von „Friede, Freude, Eierkuchen“, alle unsere Probleme im Nu verschwinden lässt.

Wer deprimiert ist, sollte nun nicht erwarten, dass so ein Gefühl der Dankbarkeit nun quasi über Nacht alle seine negativen Einstellungen oder Gewohnheiten aufhebe, die ihn durch seine Depressionen für Wochen bestimmt haben.

Als erstes würde ich der Person raten, eine realistische Bestandsaufnahme zu machen, um zu wissen, wie es um sie steht.

Ja, das Leben ist nicht so toll, wie man es gern hätte. Ja, es gibt Dinge, die man nicht mag. Aber diese Haltung nimmt immer den Wind aus den Segeln und macht traurig. "Versuchen Sie mal, eine andere Sicht der Dinge einzunehmen", wäre mein Ratschlag.

Dann würde ich Übungen der Dankbarkeit vorschlagen, um eine Haltung der Dankbarkeit durch wiederholtes Probieren zu lernen. Auch hier gilt: Dankbarkeit wird nicht jedes Problem auf einen Schlag lösen, aber es hilft, die Probleme ins rechte Licht zu rücken, und auch verborgenen Ressourcen und Leistungen wahrzunehmen.

In der Regel zeigt jemand, der depressiv ist, wenig Willen zur Dankbarkeit, und dementsprechend dauert es einige Zeit, bis die Person Dankbarkeit leichter, häufiger und intensiver fühlt.

Aber es ist definitiv etwas, das zu einem besseren Lebensgefühl beiträgt, und uns durch den gewonnenen Mehrwert glücklicher macht. Sonja Lyubomirsky, eine renommierter Forscherin zum Thema Glück, vertritt die These, dass das Erleben von rund 40% unserer Glückserfahrung in unserer Hand liegt, obwohl äußere Umstände und genetische Determinanten für einen Großteil unseres Glücksempfindens zuständig sind.

Man sollte einfach drei Erlebnisse aufschreiben, für die man dankbar ist, und wem man sie verdankt. Wichtig ist es auch, das positive Gefühl, das sich nun entwickelt, hochkommen zu lassen. Das kann so etwas Einfaches wie die Begegnung mit einem alten Freund, die Schönheit eines Sonnenuntergangs, oder ein Abendessen sein.

Eine weitere Übung, die besonders wirksam ist: Besuchen Sie jemanden, dem sie Dankbarkeit gegenüber empfinden. Gibt es jemanden in Ihrer Vergangenheit, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass es Ihnen gut geht, und dem Sie noch nie, oder nie wirklich, ausdrücklich gedankt haben? Dann schreiben Sie demjenigen einen Brief, und bringen Sie den persönlich vorbei. (...)

Wir sind geschaffen, zu lieben und geliebt zu werden. Wenn wir einüben, jeden Menschen, dem wir begegnen, als Geschenk wahrzunehmen, und die gottgegebene Chance beim Schopf ergreifen, denjenigen zu lieben, gehen uns nie die Gelegeneheiten aus, uns dankbar zu fühlen.