Ist der menschliche Embryo Person?

Antwortet P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 594 klicks

Mich interessieren bestimmte vorhergehende Fragen über menschlichen Embryo. Beginnt das menschliche Leben mit der Seele, oder ohne sie? Sie setzen voraus, dass jeder Embryo, also auch der eingefrorene, menschliche Seele hat. Wirklich von Anfang an unsterbliche Seele?

     Kann man sagen, dass der menschliche Embryo bereits ein Individuum, eine Einzelperson ist, oder wird er das erst im Laufe des Entwicklungsprozesses im Mutterleib?

     Wie ist es möglich, diese Embryonen als menschliche Personen zu betrachten, wenn sie noch kein Bewusstsein besitzen, nichts von sich selbst wissen, besitzen keinen Willen, kein Gedächtnis, keine Freiheit? Bei ihnen handelt es sich nur um den Beginn eines vegetativen, vielleicht auch eines gefühlsmäßigen Lebens, aber keinesfalls eines Lebens mit Verstand. Das Gehirn befindet sich nicht mal am Anfang seiner Entwicklung, geschweigedenn, das man sich seines bedienen könnte.

     Verfügt die katholische Lehre über genaue Antworten auf diese Fragen? 

Z. A.

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     Die Fragen, die du überraschend meisterhaft stellst, als wärest du selber ein Fachmann auf diesem Gebiet, übersteigen menschliche, auf Erfahrung beruhende, Wissenschaften. Sie kommen nicht aus dem Bereich der Biologie: ein Biologe kann sie nicht beantworten. Die Fragen sind philosophisch-metaphysischer Natur. Aber, auch diese Wissenschaften können darauf, ohne die Hilfe der Theologie, d. h. ohne die Offenbarung Gottes, ohne das Licht des Glaubens, keine Antwort geben.

     Den Begriff der menschlichen Seele, auch der unsterblichen Seele, als auch des menschlichen Individuums, kennt bereits die griechische Philosophie (Platon, Aristoteles), noch ausdrücklicher die Stoiker (Cicero, Seneca). Aber der Begriff der Person und ihrer unverfälschten Freiheit kommt erst in der katholischen Theologie, besonders in den Abhandlungen über die göttliche Dreieinigkeit und über die Menschwerdung Christi, vor.

     Wie es denn auch sei, du stellst drei verschiedene Fragen: über die Seele, über das Individuum und über die Person. Obwohl es drei Fragen sind, sind sie untereinander eng verbunden, durchdringen einander und sie fließen in die fundamentale Frage über die menschliche Seele hinein. Ohne die Seele gibt es kein Individuum und keine Person. Und die Seele als solche ist weder menschliches Individuum, noch die Person, was an sich nicht sofort klar sein muss.

     Die Lehre der katholischen Kirche ist heute in diesen Fragen viel deutlicher als sie, sagen wir, in der Zeit der großen Scholastiker (Albert, Thomas, Bonaventura) war. Sie stützten sich auf die damals noch ungenügenden Kenntnisse der Biologie des Menschen, die, mehr oder weniger, unverändert seit der Zeit des Aristoteles blieben. Die gegenwärtige Kirche begleitet ganz genau die Entwicklung der Wissenschaft und legt großen Wert darauf, eigene Fachleute auf allen Gebieten der Wissenschaft zu haben. Das tut sie nicht, um die Resultate der anderen zu entkräften und auch nicht deswegen, um eigene Lehre auf ihnen zu bauen. Die Kirche beschäftigt sich mit den empirischen Wissenschaften mit dem Ziel, sie im Lichte des Glaubens zu beurteilen, inwiefern sie sich in irgendeiner Weise auf die Fragen der Heiligung und der Erlösung des Menschen  beziehen, was ihre einzige Aufgabe ist, die ihr vom Christus dem Herrn anvertraut worden ist. Ihre Lehre ist begründet auf der Heiligen Schrift, auf der Botschaft der Schrift durch alle Jahrhunderte, auf Überlegungen der Theologen und des offiziellen Lehramtes. Deshalb befindet sich die Doktrin der Kirche durch Jahrhunderte hindurch im ununterbrochenen Wachstum: im Wesentlichen immer gleich bleibend, und doch immer wieder neu, entsprechend den Umständen der Zeit, der Kultur, der Art des Denkens und der Bekundung, im neuen Gewand, in neuen Ausdrucksformen, in der Sprache der jeweiligen Zeit.

Die Ergebnisse der Wissenschaft können, in diesem Bemühen der Kirche, neue „Reflektoren“ bieten, auf neue Gesichtspunkte der Probleme aufmerksam machen und ähnliches. Gerade das geschieht heute mit der Biologie, Mikrobiologie, besonders mit der Genetik. Der Kirche geht es sehr darum, nicht nur die Meinung der Experten außerhalb der Kirche zu hören, sondern auch eigene erstklassige Fachleute zu haben. Deswegen sind in diesem Bereich die moderne Wissenschaft und der Glaube in der heutigen Zeit einheitlicher als irgendwann in früheren Zeiten.

     Beginnt das menschliche Leben mit der Seele? - Um eine deutliche Antwort zu geben, muss das biologische Problem gleich von dem philosophisch-theologischen getrennt werden.  Die Biologen beweisen: leiblicher Beginn des menschlichen Lebens geschieht mit der Verknüpfung der männlichen und der weiblichen Geschlechtszelle. Philosophen und Theologen stellen dementsprechend fest: geistiger Beginn des menschlichen Lebens ist die menschliche Seele.

Sie ist auch das Prinzip der wesentlichen Einheit des Leibes und der Seele des Menschen. Deswegen ist der Mensch „in Leib und Seele einer“, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt (GS 14). Damit werden Grundsätze von gewisser (akzidentalen) Verbindung des Leibes und der Seele, sog. Dualismus, verworfen: sei es des platonischen, wonach die Seele bereits vorher existiert hätte, und in einem bestimmten Moment in den Kerker des Leibes „hineingefallen“ wäre; sei es des kartesischen, wonach die Seele im Leib keine bestimmte Aufgabe hätte. Im Gegenteil, die katholische Doktrin ist klar: im Menschen gibt es von Anfang an zwei wesentliche Elemente - leibliches und geistiges. Diese zwei Elemente bilden einheitliches menschliches Wesen: Individuum, Person. Die Person besteht, also, aus zwei wesentlichen Teilen: dem Leib und der Seele. Deshalb ist die Person nicht nur Leib oder Materie, wie es Materialisten wollen, und auch nicht nur Seele oder geistiges Element, wie Platon, Augustinus, Leibniz dachten. Die Person ist Vereinigung beider Teile (des Leibes und der Seele) in esenzieller Einheit, deshalb ist die Person Träger der Handlungen der Seele und des Leibes, entsprechend der Lehre von Thomas von Aquin, Maritain, Gilson, heute allgemein aller Theologen. Den Menschen (konstituirte Person) können wir uns, also, ohne die Seele nicht vorstellen.

     Wo kommt die menschliche Seele her und wie ist ihre Natur? - Hat das Kind die Seele von seinen Eltern (Tertullian)? Ist sie nicht das Wort, Logos - des höchsten Wesens (Stoiker)? Entsteht sie nicht durch Entwicklung der Materie (Materialisten)? Hat Gott nicht alle Seelen zusammen geschaffen, noch vor dem Leib (Philon, Origenes)?

     Im Gegenteil, die katholische Kirche lehrt ohne Unterbrechung: Gott, und Gott allein, ist der  unmittelbare Schöpfer der menschlichen Seele „im Augenblick“ der Gestaltung seines Leibes. Schöpfung, wie auch Freiheit, sind emminent biblisch-christliche Begriffe. Die Seele ist vernünftige Wesenheit mit der Tendenz des Willens, in Freiheit, die Herrin ihrer Handlungen. Weil sie geistige Wesenheit ist, kann sie nicht sterben (Thomas von Aquin): von erstem Augenblick ihrer Existenz an ist sie unsterblich. Das gleiche bestätigt der Katechismus der Katholischen Kirche: „die menschliche Seele ist geistig und unsterblich“ (Nr. 1703).

     Zu welchem Zeitpunkt wird die Seele im Menschen von Gott geschaffen? - Weder Philosophen noch Theologen werden diesen Augenblick jemals entdecken. Hier befinden wir uns im Mysterium. Die Biologen werden dies nie durch ihre empirischen Methoden feststellen können.  Doch viele wertvolle Ergebnisse der Wissenschaft über menschlichen Embryo bieten uns Elemente, auf Grund derer wir schließen können, dass dies im Augenblick der Empfängnis stattfindet. Die Genetik sagt: im Augenblick der Befruchtung der weiblichen Eizelle mit der männlichen Spermie beginnt das neue Leben. Dieses Leben ist weder des Vaters, noch der Mutter, sondern des neuen menschlichen Lebewesens. Es besitzt einen eigenen genauen genetischen Entwicklungsprozess, der erstaunt. Das würde nie zu einem menschlichen Wesen werden, wenn es nicht von Anfang an menschliches Wesen wäre. Die Philosophen und die Theologen werden aus diesen Ergebnissen schließen und bestätigen, dass die Person schon seit den ersten Zeichen des menschlichen Lebens anwesend ist. So ist auch das betreffende Individuum gut gekennzeichnet und bestimmt von dem gleichen ersten Augenblick des Lebens an. Demnach ist dieses winzige lebendige Geschöpf in der Ordnung der Wesenheit, oder, ontologisch, konstituirte menschliche Person. Im psychologischen und moralischen Sinne wird diese Person zur „Persönlichkeit“ erst dann, wenn sie fähig für bewusste, freie, und dementsprechend, verantwortliche eigene Handlungen ist. Und die Frage, “wann Gott die Seele des Menschen erschafft“,  stellen manche folgenderweise: Wann geschieht die Vereinigung von Leib und  Seele oder  die Animation?

     Andere fragen gerne danach, in welchem Augenblick die menschliche Frucht zur „Person“ wird. Die Antwort ist gleich wie auf die vorhergehende Frage. Die Vereinigung von Leib und Seele oder Animation finden im Augenblick der Schöpfung der menschlichen Seele statt. Auf diesen Augenblick schließen wir aufgrund von soliden Gründen, wie wir gesehen haben. Es ist wichtig zu wissen, dass allen Überlegungen der Gelehrten und den philosophischen Behauptungen durch die Geschichte hindurch (und es waren nicht wenige), die Kirche nie ausdrücklich zugestimmt hat. Sie hat gelehrt und lehrt fortdauernd, dass der Frucht der menschlichen Geburt (dem Embryo) vom ersten Augenblick der Empfängnis an bedingungslos jede Achtung gehört, die sonst einem menschlichen Wesen oder der Würde der menschlichen Person, in ihrer leiblichen und geistigen Ganzheit, angemessen ist.

     Es gibt solche, die behaupten, dass die Vereinigung von Leib und Seele nicht im Augenblick der Verknüpfung der weiblichen und der männlichen Geschlechtszelle stattfindet, und deswegen, den Embryo zu vernichten, wäre keine Abtreibung.

     Die Kirche hat seit ihren Anfängen immer die Abtreibung (des Embryos, des Fötusses) streng verurteilt, wie im bekannten altchristlichen Schriftstück Didache zu sehen ist. Und manche Kirchenväter, wie Gregor von Nyssa und Maximus Confessor, waren schon damals in ihrer Lehre, die bis heute gilt, ganz klar, nämlich, dass „zur gleichen Zeit“, wenn die Eltern dem neuen menschlichen Wesen  den Leib geben, Gott die Seele erschafft. Es ist wichtig, mit dem Lehramt der Kirche zu betonen: Ein menschliches Wesen muss vom Augenblick seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden, und infolgedessen muss man ihm von diesem selben Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen menschlichen Wesens auf Leben, auf Erbschaft, auf Erziehung usw. In diesem  Sinne äußern sich heute die wichtigsten Dokumente der Kirche, besonders Donum Vitae (1987), Kathechismus der Katholischen Kirche (1992), Enzykliken des Papstes Johannes Paul II. Veritatis splendor (1993) und Evangelium vitae (1995) - in denen auf eine hervorragende Weise über die „Zivilisation der Liebe“ gesprochen wird, d. h. von der Achtung und Annahme des Lebens, gegen die heute ausgebreitete „Kultur des Todes“ - vor allem durch die Abtreibung und die Euthanasie. Wichtig in dieser Sache ist auch das Schreiben des Papstes an die Familien Gratissimum sane (1994).

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 243-246).

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Penitenziaria.