Ist der Tod das Beklagenswerteste?

Kierkegaards Verzweiflung zum Tode und die christliche Hoffnung

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Von Jan Bentz

ROM, 2. November 2012 (ZENIT.org). – Ist der Tod das Beklagenswerteste, das den Menschen ereilen kann? Mit dem Gedenktag Allerseelen lädt die Kirche jeden Christen, aber auch alle Menschen dazu ein, über einen wesentlichen Bestandteil des Lebens nachzudenken, den Tod. Nicht aber nur den Tod als das Ende des Lebens meditieren wir an diesem Gedenktag, vielmehr sind es die Seelen, denen besonders unsere Aufmerksamkeit gehören soll. Die Seele als geistiger Bestandteil des Menschen ist unsterblich; als Geist entgeht sie dem Verfall und dem Niedergang des Körpers, der Materie. Warum fürchtet der Mensch dann aber den Tod? Befällt ihn nicht in der Vergegenwärtigung des Endes seines irdischen Daseins vielmehr eine Angst vor etwas anderem als dem Ende?

Søren Kierkegaard, der dänische Philosoph des 19. Jahrhunderts, der als erster Existenzialphilosoph gilt, entfaltet in seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“ gerade die tiefere Verstörung, die der Mensch in Konfrontation mit seinem irdischen Ende durchleidet: die Verzweiflung. „Die Krankheit zum Tode ist Verzweiflung“ (Kierkegaard, Sören, Die Krankheit zum Tode, S.14) beginnt er seine Überlegungen.

„Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem“, (S. 15) das Endliche ist vom Verfall gezeichnet. Der Tod als der Höhepunkt des Verfalls und die Bündelung allen Niedergangs der menschlichen Endlichkeit konfrontiert den Menschen in extremster Form mit allen seinen Grenzen. Aber: „Die Qual der Verzweiflung ist eben, nicht sterben zu können“ (S. 17). Die Verzweiflung ist also mehr als eine Angst vor dem Tod. Es ist die Angst vor der niemals endenden Verlorenheit. Mit Martin Buber ausgedrückt: Der Mensch verliert seine Behausung, seine Behausung im Leben. Das Paradox entfaltet sich aber eben aus der Unfähigkeit, sterben zu können: „Wenn der Tod die größte Gefahr ist, hofft man auf das Leben, wenn man aber die noch schrecklichere Gefahr kennenlernt, hofft man auf den Tod“ (S. 18).

Einem in Todesschmerzen liegenden Menschen kann man beistehen und zumindest auf eine „Erlösung“ durch den Tod hoffen. Was aber, wenn dieser erlösende Todesmoment niemals eintreten wird? „Die letzte Hoffnungslosigkeit ist, dass der Tod selber nicht besteht.“ „Dies ist das Aufreizende, oder es ist der kalte Brand in der Verzweiflung, das Nagende, dessen Bewegung beständig nach innen geht, tiefer und tiefer in die ohnmächtige Selbstauszehrung“ (S. 20).

Diese Verzweiflung überfällt den Menschen in Momenten des Leids, weil er sich eben nicht selber verlieren kann: „Über sich verzweifeln, verzweifelt, sich selbst los sein wollen, ist die Formel für alle Verzweiflung […]“ (S. 23). Der Mensch bäumt sich zunächst mit aller Gewalt gegen den Tod als das Ende seines Lebens auf. Der Tod ist die größte Gefahr für ihn und der absolute Feind seines Selbsterhaltungstriebes. Wenn aber der Mensch mit seiner Zerbrechlichkeit und seiner Machtlosigkeit über sein eigenes Leben konfrontiert wird und Schmerzen erdulden muss, wie leichtfertig könnte er dann geneigt sein, sein eigenes Leben einfach abzugeben. Wie oft hört man, dass man doch einen Sterbenskranken von seinem Leiden „erlösen“ solle, und einfach den „Schalter“ umstellen.

Die Verzweiflung, von der Kirkegaard spricht, reicht aber tiefer als der Tod: „Von dieser Krankheit durch den Tod erlöst zu werden ist eine Unmöglichkeit, denn die Krankheit und ihre Qual – und der Tod ‑ bestehen gerade darin, nicht sterben zu können“ (S. 16). Dieses Stadium der Verzweiflung nennt die christliche Offenbarung die Hölle.

Die Hölle ist Konsequenz der Sünde. Was aber ist die Sünde? Der Mensch zieht ein irdisches Gut dem ewigen Gut und letztlich dem ewigen Gut schlechthin, nämlich Gott, vor. „Denn dass er dem Irdischen so großen Wert beimisst, oder, weiter ausgeführt, dass er etwas Irdischem so großen Wert beimisst oder, dass er erst etwas Irdisches zu allem Irdischen macht und so dem Irdischen so großen Wert beimisst, das heißt ja gerade am Ewigen verzweifeln“ (S. 51). Die Verzweiflung wurzelt in der Erkenntnis, ein solch schauderhaftes Ungleichgewicht bestehen zu lassen: „Die Verzweiflung am Ewigen stammt dann von der Schauder über sich selber, dass der Mensch überhaupt dem Irdischen einen so großen Wert beigemessen hat“ (S. 51).

Der Tod ist also nicht das Bedrohlichste im menschlichen Leben, weil das menschliche Leben, das vor allem aus seiner unvergänglichen Seele besteht, gar wenig von ihm betroffen wird. Es besteht vielmehr in der Angst vor einem Stadium der Seele, aus der es kein Entkommen mehr gibt, und das ihrem Wesenskern nicht entspricht.

Ein Christ versteht also leicht, wie wunderbar die Worte Christi für den guten Schächer geklungen haben mochten, die er im existentiellsten Moment seines Lebens, nämlich seiner Konfrontation mit dem Tod, vernommen hat: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23, 43).

Durch die beiden Schächer werden uns die zwei Haltungen vor Augen gebracht, die der Mensch im Angesicht des Todes haben kann: bei dem Schächer zu seiner Linken die Verzweiflung und bei dem guten Schächer zu seiner Rechten die Hoffnung.

Charles Kardinal Journet bietet in seinem Werk „Die sieben letzten Worte Jesu“ eine schöne Meditation an: Der linke Schächer hatte mit dem Gesetz auf Kriegsfuß gelebt, er hatte dagegen verstoßen. Jetzt war er hoffnungslos gekreuzigt, seine Sache war für immer verloren. Wer also kann ihm vorwerfen, dass er ruft: „So hilf dir und uns!“. Seine Verzweiflung geht aber tiefer und ist unheilbarer. „Vielleicht hatte er Sein und Nichtsein aufs Spiel gesetzt, als er Bandit wurde. Er kannte den Einsatz. Im Voraus hatte er einen Fehlschlag mit einberechnet. Die anderen hatten gewonnen; nun galt die Spielregel. Schweigend sterben war das Einzige, das übrigblieb“ (vgl. Journet, 41).

Auch der gute Schächer aber litt und sagte sich: „Muss dem körperlichen Zusammenbruch unausbleiblich ein seelischer folgen?“ Er hatte die Gerechtigkeit zwar durch sein Tun oft verletzt, nie aber hatte er an ihrer Existenz gezweifelt. „Nicht wenn die Welt Missetäter, wie ihn und seinen Gefährten, hinrichtete, musste sie aus den Fugen gehen, sondern wenn sie einen Gerechten ans Kreuz nagelte.“ Für diese Gerechtigkeit trat er ein und wies den bösen Schächer zurecht. Er selber wünschte sich aber, dass Jesus der Gerechte sei: „Er ahnte, verstand mit einem Mal, wie tief, wie rein gerecht dieser Mensch sein musste, den man verhöhnte und misshandelte. Seine Wahl war getroffen. Gegen die ganze gemeine Welt wollte er für diesen Verurteilten Partei ergreifen.“ (ibid. S. 43).

Und so löst sich das Problem der Verzweiflung: Christus selber hat den Tod in das Leben verwandelt, denn sein Tod war die Erlösung vom Tod für den Menschen.

„Das Geheimnis des Todes eines Gerechten, der die Gerechtigkeit dieser Welt Lügen strafte, schwebte wie ein leichtes Frührot über dem Hinrichtungstag. Der Schwerpunkt des Weltalls verschob sich, die Hoffnung kehrte wieder, nicht in der bestehenden Ordnung der Dinge, sondern eine höhere Hoffnung, auf ein All, wo selbst zum Tode Verurteilte noch Platz finden.“ (ibid. S. 43).

Buchtipps:
Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode
Charles Kardinal Journet, Die Sieben letzten Worte Jesu