Ist die Abtreibung eines geschädigten Embryos erlaubt?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 618 klicks

Ich bin Ärztin und arbeite in einem unserer Krankenhäuser. Es interessiert mich, was Sie zu dem Fall in Italien vom 8. und 9. Oktober 1994 sagen? Das kleine Mädchen Julia, als zweites Kind der jungen Familie, wurde mit einem schwergeschädigten Organismus geboren, d.h. ohne Nieren und mit zusammengepresster Lunge, und sie lebte nach ihrer Geburt nur einige Stunden lang. Danach verpflanzte der Arzt, Pasquale Vadala, von den Augen des toten Kindes die Hornhaut in die Augen von zwei Mädchen, 7 und 2 Jahre alt. Die Operation ist geglückt, und die zwei Mädchen konnten sehen zur eigenen Freude und zur Freude ihrer Eltern.

Darüber wurde ziemlich in den Medien geschrieben und gesprochen, und auch unter uns Ärzten über ethische Fragen: - Durfte die Mutter das Kind austragen, wenn sie seit dem vierten Schwangerschaftsmonat mit Hilfe von Ekographie wusste, dass das Kind keine Nieren besaß („agenesis renalis bilateralis“)? - Es wird gesagt, dass die Mutter das Kind zur Welt bringen wollte, um dann die Organe des Kindes zur Organspende zur Verfügung zu stellen (konkret ist dies mit den Augen geschehen) und so ein Werk der christlichen Liebe zu tun: ist das echte Liebe, was ist das? - In welchem Maße dürfen die Eltern eigentlich über die Organe ihres toten Kindes verfügen, und sich so an der Verpflanzung der Organe beteiligen, um denen zu helfen, die diese Organe zum Überleben oder zu einem besseren Leben benötigen?

Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie mit dieser schweren Frage beschäftige, aber Ihre Antwort könnte mir und meinen Kollegen Ärzten vom großen Nutzen sein. Auf diesem Gebiet sind uns die ethischen Prinzipien nicht ganz klar, vor allem im Sinne des „Hippokratischen Eides“, dass wir Ärzte in jedem Fall das menschliche Leben schützen müssen. Welches Leben muss in diesem konkreten Fall geschützt werden, und welches nicht?

N. N., Ärztin

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Hier kreuzen sich einige ethische oder moralische Aspekte: Frage des Lebens, Würde und Rechte des geschädigten Kindes im Mutterleib; nach dem Tode eines solchen Kindes, wer hat das Recht über die Organe zum Zweck der Verpflanzung zu verfügen; das schwere Trauma der Eltern, besonders der Mutter des geschädigten Kindes, das nach der Geburt stirbt; die Freude der Eltern der zwei kleinen Mädchen, die sehen können, mit den Augen der kleinen verstorbenen Julia. Das sind nur wesentliche Seiten der Frage.

Stellungnahme der Eltern

Es besteht kein Zweifel, dass die Eltern der zwei Mädchen, die sehen können, hocherfreut sind, und dass sie ihr Leben lang dankbar sein werden, zusammen mit ihren Töchtern, für das Geschenk des Augenlichtes, das sie dem geschädigten verstorbenen Kind zu verdanken haben.

Ich betone, dass die Entfernung der Organe zum Zweck der Verpflanzung von einem noch lebenden Menschen, der sicher bald sterben wird, nicht geschehen darf. Eine Organentnahme darf nur am bereits verstorbenen Menschen vorgenommen werden: in der Regel 6 Stunden nach dem Gehirntod (das Herz stirbt in der Regel schon vorher).

Die Eltern, derer das Kind vor der Geburt, noch im Mutterleib, während der Geburt oder kurz nach der Geburt stirbt, wie es der Fall mit der kleinen Julia war, tragen in der Regel schweres Trauma ihr Leben lang, besonders die Mutter. Es handelt sich um schwere organische Schädigung des ungeborenen Kindes, trotz verschiedener Versuche der Behandlung, sogar der Organverpflanzung an diesem kleinen menschlichen Wesen im Mutterleib. Die heutige medizinische Wissenschaft kann, wie sie Ärzte gut wissen, in vielen Fällen solcher Schädigungen nicht helfen. Nach der Geburt können viele schwer geschädigte Kinder, besonders diejenigen ohne lebenswichtige Organe, nicht überleben.

Austragung eines schwer geschädigten Kindes im Mutterleib

Während eines internationalen Kongresses über diesen Gegenstand, berichtete der Primarius einer Klinik und Universitätsprofessor, wie er in Hunderten von Fällen der pränatalen Diagnose, den Müttern mitteilen musste, dass ihr Kind nicht gesund sei. Nach den Tränenausbrüchen, nach schweren  Augenblicken, nach Beratung mit dem Ehemann und anderen, haben alle, leider, sagte er, abgetrieben, ohne dass der Arzt einer einzigen von ihnen zu diesem Schritt geraten hätte. Eine einzige, eine Angehörige der Sekte „Söhne Jahwes“, brachte, auf das Drängen ihres Mannes, das Kind zur Welt, und zwar einen schönen und gesunden Knaben. Der Primarius, schloss traurig: Geräte, Technik usw. sind nicht absolut sicher, und ich stellte vielleicht bei vielen eine falsche pränatale Diagnose, und sie suchten Zuflucht in der Abtreibung.

In unserem Fall, nachdem durch die gleiche Ekographie (pränatale Diagnose) eine Schädigung festgestellt wurde, erlaubte das Gewissen der Mutter nicht, das Kind abzutreiben. Hat sie richtig gehandelt? Ja, diese Entscheidung ist nicht nur nach der christlichen Moral, sondern auch, nach der reinen humanen Ethik, einzig und allein richtig. Das Leben jedes Kindes im Mutterleib, sei es gesund oder krank, muss vom ersten Augenblick der Empfängnis an, bedingungslos als Person in seiner Würde geachtet werden. Deswegen dürfen Eingriffe, die das Kind verletzen oder ihm Tod bringen könnten, weder verlangt noch angewendet werden, denn das bedeutet Abtreibung. Eine Abtreibung ist also absolut unzulässig, selbst wenn es sich um ein schwer geschädigtes Kind handelt. Eine solche Haltung steht im Einklang mit der Achtung der Person, die in keinem Zustand Gegenstand oder Mittel sein darf, sondern das Recht hat, geboren zu werden, unabhängig davon, ob sie krank oder gesund ist.

Ich habe den Fall der kleinen Julia verfolgt. Mir scheint es, dass die allgemeine Meinung der italienischen Öffentlichkeit, laut Medien, für Abtreibung und gegen die Entscheidung der Mutter, das geschädigte Kind auszutragen, war. Dazu müssen wir sagen, dass, leider, unsere westeuropäische Gesellschaft tief gefallen ist, und dass sie nicht mehr in der Lage ist, die Werte des Lebens richtig zu begreifen. Sie begreift nicht, dass die schwere Schädigung des Kindes eine Abtreibung nicht rechtfertigen kann. Hier kann nicht mit vermeintlichen „eugenischen „

Gründen argumentiert werden, als hätten sie die Aufgabe, physische und psychische Eigenschaften der zukünftigen Generationen zu verbessern. Man kann auf diese Weise auch keine „gesunde“ Gesellschaft aufbauen, die allmählich alle Kranken - junge und alte zu beseitigen hätte. Die menschliche Person, nämlich, sei sie krank oder gesund, besitzt absoluten Wert, sie hat in sich eigenes Ziel, hingeordnet auf die ewige Bestimmung in Gott. Deshalb kann die menschliche Person keinem anderen Ziel untergeordnet sein. Ich wiederhole, die menschliche Person kann niemals ein Objekt oder ein Mittel sein, ohne Rücksicht darauf, was dazu die materialistische, laizistische, relativistische und subjektivistische Ethik zu sagen haben.

Ein geschädigtes Kind im Mutterleib tragen und zur Welt bringen wegen Spende von seinen Organen an andere?

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass dies die einzige Motivation einer Mutter sein könnte. Es steht niemandem zu, anzunehmen, dass die Mutter der kleinen Julia ausschließlich von dieser Motivation geführt worden ist. Von der anderen Seite, die Absicht der Mutter oder der beiden Ehepartner, die Organe des verstorbenen Kindes Bedürftigen zu spenden, ist an sich ethisch berechtigt. In Wirklichkeit, handelt es sich nicht um das „Recht“ über dem Kind, sondern, wie in jedem anderen Fall des Todes eines Familienangehörigen, können die Eltern und die Familienmitglieder aus Motiven der Liebe, anderen die Organe zum Zweck der Verpflanzung anbieten. Ethisch gesprochen handelt es sich nicht um „Verfügung“ über andere Person. Die Person ist tot, und sie hat nicht mehr irgendwelche Rechte auf der Erde. Die sehr humane Lehre der Kirche imUmgang mit den Verstorbenen bringt der Katechismus der Katholischen Kirche zum Ausdruck: „Der Leib des Verstorbenen ist im Glauben und in der Hoffnung auf die Auferstehung ehrfürchtig und liebevoll zu behandeln. Die Totenbestattung ist ein Werk der leiblichen Barmherzigkeit (Tob 1, 16-18), sie ehrt die Kinder Gottes als Tempel des Heiligen Geistes“ (Nr. 2300). Über das Problem der Organverpflanzung wird nun gesagt: „Die unentgeltliche Organspende nach dem Tode ist erlaubt und kann verdienstvoll sein“ (Nr. 2301).

Erwachsene Personen können während ihres Lebens ihren Wunsch zum Ausdruck bringen, dass ihre Organe nach ihrem Tod zum Nutzen anderer Menschen zur Verfügung stellen. Über die Organe eines toten Kindes, inwieweit sie zum Gebrauchen sind, entscheiden die Eltern. Und ärztliche Eingriffe am geschädigten Kind (wie Dialyse, kardiorespiratorische Reanimation...) sind unproportional in Hinsicht auf den tatsächlichen Zustand des Kindes, wenn das Kind keinerlei Möglichkeit hat, zu überleben, wie es bei der kleinen Julia war.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 273-275)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.